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Buchkritik | Beitrag vom 10.06.2021

Annemarie Schwarzenbach: "Alle Wege sind offen"Die Fremde als Rettung

Von Elke Schlinsog

Zu sehen ist das Cover des Buches "Alle Wege sind offen" von Annemarie Schwarzenbach. (Deutschlandradio / Lenos Verlag)
Der Blick, den Annemarie Schwarzenbach mit Poesie und Kraft auf das Fremde richtet, ist ganz und gar unbestechlich. (Deutschlandradio / Lenos Verlag)

Annemarie Schwarzenbach war eine unerschrockene Autorin. Davon zeugt ihre verwegene Autoreise nach Afghanistan im Jahr 1939. Dieser Aufbruch war auch eine Flucht vor Nationalsozialismus und eigener Drogensucht.

Die Faszination an der unerschrockenen Autorin und Reisejournalistin Annemarie Schwarzenbach und ihrer 1939 unternommenen Reise nach Afghanistan bleibt. Noch heute sprengt eine Unternehmung dieser Art alles Gängige und Gewohnte. Im Sommer 1939 startet Schwarzenbach gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin, der Reiseschriftstellerin Ella Maillart, in einem eigens dafür ausgestatteten Ford Roadster de luxe in Genf.

Zunächst durchqueren die beiden den Balkan, die Weiten Anatoliens und das Pamirhochgebirge. Sie erreichen von Herat über Kabul auf der Nordroute – vermutlich als erste Frauen mit dem Auto – den "Rand der bewohnten Welt". Glaubhaft erst, wenn man auf einem der Fotos den verstaubten Ford mit Graubündner Kennzeichen und dem kleinen Schweizerkreuz auf der Wüstenstraße nach Kabul vor den gigantischen Zacken des Hindukusch sieht.

Kampieren im Niemandsland

Mehr als einmal werden die Schweizerinnen gewarnt: "Sie wollen, zwei Frauen allein und ohne Türkisch zu sprechen, von Trabzon quer durch das Hinterland Anatoliens nach Iran fahren?" Bestens ausgestattet (mit Fotoapparat, Schreibmaschine und Monteurwerkzeug) überstehen sie mehrere geplatzte Reifen, kampieren im Niemandsland zwischen Persien und Afghanistan und kochen ihren Risotto selbst.

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Die "unheilbar Reisenden", die bereits mehrere Länder im Nahen und Fernen Osten bereist und beschrieben haben, verstehen ihr Unterwegssein als Grenzerfahrung. Sie sind bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Für Schwarzenbach, die gerade eine Krise und Drogenentziehungskur hinter sich hat, wird diese Afghanistantour noch mehr zur "inneren Notwendigkeit". Fern von Nazi-Europa sucht sie in der Fremde die Rettung, das Offene, immer weiter "nach Osten, anderen Himmeln entgegen!"

Die Magie der Orte

Wenn jetzt Schwarzenbachs Reise nach Afghanistan unter dem Titel "Alle Wege sind offen" (postum erstveröffentlicht 2000) in einer erweiterten Auflage erscheint, dann sind es gerade die neu veröffentlichten Briefe, Dokumente und Texte, die eindringlich von jener inneren und äußeren Reise erzählen. Das findet sich auch im Stil wieder.

Waren ihre früheren Tagebücher aus Vorderasien (wie auch ihr 1995 postum veröffentlichte Roman "Tod in Persien") geprägt vom anteilnehmenden, wachen Blick und klarer Sprache, sind ihre 26 Afghanistanreportagen schwärmend, ja elegisch-aufgeladen im Grundton. Ein Hoch auf das Reisen wird beschworen, die Neugier darauf, "wie der Afghane seinen Turban windet", "wie der Pilaw schmeckt in einem Land, wo man täglich Reis und Schaffleisch isst".

In ihren klagenden Porträts über die verschleierten Frauen in Kabul versucht sie, deren Münder, Lächeln und lebhafte Augen hinter dem Tschador zu ahnen. Es sind keine klassischen Reiseberichte, vielmehr will Schwarzenbach die Magie der Orte und ihrer Namen einfangen. Meisterhaft ihre Hymne auf den Hindukusch, dessen Name für sie mehr ist als eine geografische Bezeichnung.

Die doppelte Erschütterung der Autorin

Um seinen "Namen zu prüfen und die Magie am eigenen Leib zu spüren", besucht sie mehrfach die Pässe der "gewaltigen Felsenwand, die zwischen Norden und Süden des wilden Landes aufgerichtet ist". Landschaften und Seelenlandschaften werden gleichermaßen erkundet. Die Schwarz-Weiß-Fotografien, nicht Zugabe ihrer Feuilletons, sondern sorgfältig komponierte Bilder, erzählen die Geschichten von kargen Landschaften, gleichmütigen Nomaden unter dem unermesslichen afghanischen Himmel weiter.

Es ist die Stärke der Neuauflage, dass sie ein Wiederlesen und Neulesen ermöglicht. Hier sind es die zum Teil ersten Mal veröffentlichten Briefe und Dokumente, die von der doppelten Erschütterung der Autorin so eindringlich erzählen: Von ihrem labilen Zustand, der zum Rückfall in die Drogensucht und zum Abbruch der Reise führt, und vom Einbruch des Krieges, der auch im abgelegenen afghanischen Dorf allgegenwärtig wird.

Unbestritten mussten Annemarie Schwarzenbachs Stimmungsbilder einer fernen Welt in dem vom Krieg erschütterten Europa als entrückt und kapriziös wirken. Mit welcher Poesie und Kraft sie aber ihren Blick auf das Fremde richtet, ist ganz und gar unbestechlich.

Annemarie Schwarzenbach: "Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940"
Ausgewählte Texte, Briefe und Fotografien
Herausgegeben und mit einem Essay von Roger Perret
Lenos Verlag, Basel 2021
344 Seiten, 25,90 Euro

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