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Interview | Beitrag vom 03.05.2019

Anne-Sophie Mutter über Jemen"Größte humanitäre Katastrophe auf diesem Planeten"

Moderation: Dieter Kassel

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Anne-Sophie Mutter bei der Pressekonferenz zum Konzert ihrer Across the Stars -Tour auf dem Königsplatz im Bayerischen Hof. (imago/Future Image/ P. Schönberger)
"Ich kann politisch nichts verändern, aber ich kann im Kleinen das Leiden abfedern", sagt die Geigerin Anne-Sophie Mutter. (imago/Future Image/ P. Schönberger)

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter spielt zwei Benefizkonzerte, um das Leid der Kinder im Jemen zu lindern. Im Interview spricht sie über die Situation in dem Bürgerkriegsland - und darüber, warum sie sich humanitär engagiert.

Dieter Kassel: Der größte Star neben zahlreichen anderen beim Internationalen Musikfest in Hamburg in diesem Jahr ist ohne Zweifel Anne-Sophie Mutter. Die weltberühmte Geigerin tritt zwei Mal auf: Am nächsten Samstag, also am 11. Mai, und dann eine Woche darauf am 18. Mai. Sie widmet beide Konzerte den Kindern im Jemen. Sie und alle anderen auf der Bühne verzichten bei dem zweiten Konzert auf ihre Gagen zugunsten der Organisation Save the Children.* Auch die Besucher der Konzerte sind aufgerufen, gerne über den Eintrittspreis hinaus zu spenden.

Nun gibt es allerdings leider viele Kinder und auch Erwachsene auf der Welt, die unsere Hilfe benötigen. Ich habe deshalb Anne-Sophie Mutter gefragt, warum sie sich im Moment gerade so stark für die Kinder im Jemen einsetzt.

Das Leben der Kinder erleichtern

Anne-Sophie Mutter: Der Krieg tobt ja im Jemen seit vier Jahren, und es ist die größte humanitäre Katastrophe auf diesem Planeten. Wenn ich mich für eine Sache entscheide, wenn ich mich entscheide, eine Organisation wie beispielsweise Save the Children zu unterstützen, heißt das natürlich, dass ich viele andere Organisationen im Moment nicht unterstütze.

Mir ist es immer wichtig gewesen, Kindern das Leben zu erleichtern, ob es jetzt bei meiner Arbeit für SOS-Kinderdörfer ist oder eben in dem sechsten Benefizkonzert für Save the Children seit 1998. Die Tatsache, dass es zwei Millionen Kinder gibt unter fünf, die mangelernährt sind, fast fünf Millionen Kinder, zwei Millionen Schwangere und stillende Mütter, die am Verhungern sind, die irrsinnigen Verletzungen des Völkerrechts und auch die Verstöße gegen Kinderrecht, da muss man überhaupt nicht diskutieren, ob man sich für irgendwas anderes einsetzt. Da gibt es eigentlich nur wirklich einen Brennpunkt des Grauens, und das ist der Jemen, und da muss jetzt was geschehen.

Kinder in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa sammeln in Trümmern Metallteile auf, nachdem die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition Luaftangriffe geflogen hat. (AFP /  Mohammed HUWAIS )Kinder in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa sammeln in Trümmern Metallteile auf, nachdem die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition Luftangriffe geflogen hat. (AFP / Mohammed HUWAIS )

Kassel: Sie haben ja schon viele erschreckende Tatsachen genannt, vier Jahre Krieg, fast alle internationalen Organisationen bestätigen das, die größte humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten auf dieser Welt, das haben Sie alles schon erwähnt, und doch wissen wir beide, im Vergleich zu anderen Krisengebieten wird erstaunlich, vielleicht kann man sogar sagen, erschreckend wenig in Deutschland und Mitteleuropa über den Jemen berichtet. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Mutter: Ich nehme an, dass es richtig ist, was Sie sagen, Herr Kassel, ich kann es nicht überprüfen, ich weiß es nicht. Mir ist als Konsument der Medien nur sehr bewusst, dass wir unglaubliche Informationsfluten haben, die uns täglich überrollen, und vielleicht stumpft der Leser auch ab. Wie dem auch sei, mir ist es wichtig, gegen diese Informationsflut, die über uns hereinbricht, vielleicht mal das Wasser zu teilen und kurz innezuhalten und darauf hinzuweisen, dass wir etwas tun können und tun müssen, um das Grauen im Jemen zu lindern.

Es sei dahingestellt, ob genug Informationen über die täglichen Todesopfer im Jemen tatsächlich in den Medien zu finden sind, aber ich glaube, das ist ja wahrscheinlich nicht wirklich entscheidend. Entscheidend ist für mich als Musikerin immer wieder, Benefizkonzerte zu spielen, um uns allen die Möglichkeit zu geben, innezuhalten in diesem Wahnsinnsalltag, der Reizüberflutung und der Informationsüberflutung, innezuhalten und uns bewusst dafür zu entscheiden, unsere Zeit, unsere Gedanken und auch unser schwer verdientes Geld wenigstens in Teilen dahin zu lenken, wo wir etwas Gutes bewirken können - wo wir eine Kinderrechtsorganisation unterstützen können, die in 120 Ländern im Einsatz ist, die es seit 100 Jahren gibt.

Da geht es ja nicht nur um das Versenden von einem Sack voll Reis, es geht ja auch um Bildung, es geht um Schutzräume, um vielleicht so eine Art – so was kann es wirklich in einem Kriegsgebiet nicht geben –, aber so eine Art Normalität für die Kinder. Und es geht auch darum, ein Zeichen zu setzen und den Menschen im Jemen ein Signal zu senden, dass sie uns nicht egal sind.

Der Leichnam eines Kindes wird in Sanaa mit einem Krankenwagen abtransportiert. Das Mädchen soll bei einem Luftangriff der saudischen Militärkoalition getötet worden sein. (dpa-Bildfunk / AP / Hani Mohammed)Der Tod im Jemen ist allgegenwärtig. Hier wird der Leichnam eines Kindes mit einem Krankenwagen abtransportiert. Das Mädchen soll bei einem Luftangriff getötet worden sein. (dpa-Bildfunk / AP / Hani Mohammed)

Kassel: Wenn Sie auf der Bühne stehen, dieses Benefizkonzert, über das wir jetzt im Grunde genommen sprechen oder bisher nur über den Anlass dafür, steht ja noch bevor. Sie haben es selbst erwähnt, Sie haben so was ja schon diverse Male gemacht, seit '98 für Save the Children, Sie setzen sich auch für andere Hilfsorganisationen ein. Wenn Sie wirklich auf der Bühne stehen als Musikerin, geht Ihnen dann auch der Anlass des Konzertes durch den Kopf, beeinflusst das gar, wie Sie spielen, oder ist, wenn das Konzert wirklich beginnt, bei Ihnen nur noch die Musik da?

Mutter: Eine Mischung aus allem. Natürlich, im Vorfeld des Konzertes sind wir Musiker – es sind ja auch die Berliner Philharmoniker, die dieses Konzert spenden – uns schon des Anlasses bewusst, und ich glaube, es macht jeden von uns betroffen.

Vielleicht bringt es auch noch mal ins Bewusstsein, was Musik für eine verbindende Kraft sein kann und in so einem speziellen Fall natürlich ist, denn sie bringt ja Menschen zusammen. Ich glaube schon, dass es Momente geben wird, die mir an dem Abend besonders schwerfallen.

Wenn ich an die Millionen von Kindern denke, die kurz vor dem Hungertod stehen, ist es natürlich sehr schwer, mit Fassung auf die Bühne zu gehen, aber umso wichtiger ist es, dass wir auch das Konzert am 11. und das Public Viewing dazu einsetzen können und werden, einen Aufruf für Save the Children zu starten, sodass wir dann am 18. vielleicht bereits auf ein Spendenvolumen blicken können, das Hoffnung in den Jemen bringt.

Musik ist ein Spiegel der Gesellschaft

Kassel: Ist das nicht musikalisch auch ein bisschen ein Spagat? Sie spielen Mozart, das ist, glaube ich, das darf man behaupten, bei Ihnen …

Mutter: Auch ein Kind.

Kassel: Auch ein Kind, und es ist einer Ihrer Lieblingskomponisten, ich glaube, fast Ihr ganzes Leben schon. Der hat natürlich nicht gerade ausschließlich traurige Musik gespielt, und Musik soll ja auch Freude machen. Ist es nicht ein Spagat, bei so einem Anlass auf der Bühne zu sagen, wir wollen etwas Gutes tun, aber wir dürfen auch einen schönen Abend haben?

Mutter: Ja, ohne Frage, aber Musik ist ja, das haben Sie sehr gut angesprochen, weder nur traurig noch nur zur Belustigung gedacht. Musik ist ein Spiegel der Gesellschaft, und das Fabelhafte und das Berührende an Mozarts Komposition ist ja immer, ob das jetzt frühe Werke sind oder die späten: Mozart versteht es vielleicht wie kein anderer Komponist, das Leben in seiner Musik, das Dialogische, die Freude am Leben, aber auch sozusagen die Sonnenstrahlen, die durch die Wolken fallen, zu vertonen.

Das ist das, was ihn unsterblich gemacht hat und was vielleicht auch so einen Abend wunderbar begleitet, weil er uns Hoffnung gibt und weil er uns aber auch zum Nachdenken bringt und weil er die Tiefe der Emotionen, derer wir fähig sind und für deren Ausdruck es eigentlich nur die Musik gibt – da versagt die Sprache. Da wir uns der Musik bedienen dürfen an diesem Abend, wird vielleicht aus diesem Schiller’schen Gedanken der Bruder- und Schwesternschaft etwas ganz Großes, etwas, was den Menschen im Jemen helfen wird, was aber auch für denjenigen, der im Konzert sitzt, der sich engagiert für Save the Children, das gute Gefühl gibt, dass im Miteinander das Leben einfach schöner ist und sinnvoller.

Ein akut unterernährtes Kind liegt auf einem Bett. Seine Hand wird von einer erwachsenen Hand gehalten. (imago / Xinhua / Mohammed Mohammed)Im Jemen sind hunderttausende Kinder akut unterernährt. (imago / Xinhua / Mohammed Mohammed)

Kassel: Das ist eigentlich schon ein wunderschönes Schlusswort, aber ich habe noch eine Frage. Es ist natürlich sehr, sehr wichtig, den Menschen, in dem Fall den Kindern im Jemen, aber auch vielen anderen, die in Not sind, zu helfen, aber der große Traum wäre natürlich, dass die alle nicht mehr in Not sind. Im Jemen sind die Folgen dieses Krieges sehr kompliziert und unübersichtlich, die Ursachen erst recht. Da sind viele Gruppierungen und Staaten dran beteiligt mit ihren eigenen Interessen. Beschäftigen Sie sich auch damit und verbinden Sie quasi mit Ihrem Engagement auch eine politische Forderung?

Mutter: Ich habe eine humanistische Forderung, dass man die monetären Gewinne, die man aus Waffenexporten beispielsweise zieht – und da ist Deutschland ja auch daran beteiligt –, dass man die doch mal überdenkt, dass man das, was der Menschheit nutzt und was uns als Gemeinschaft auf diesem blauen Planeten am Leben erhält und das Leben lebenswert macht, in den Fokus setzt.

Aber wenn ich höre, was in Brasilien passiert, dass jetzt die wenigen Schutzmaßnahmen, die es für den Regenwald gibt, auch noch über Bord geworfen werden können, es ist der absolute Wahnsinn. Es herrscht der Wahnsinn, und dem müssen wir uns dezidiert entgegenstellen. Beginnen wir mit dem Aufruf, dem Jemen zu helfen, da, wo wir helfen können.

Ich kann politisch nichts verändern, aber ich kann im Kleinen das Leiden abfedern. Und wenn mir dabei geholfen wird, dann bin ich sehr glücklich und sehr dankbar, denn dann können wir im Jemen sehr viel mehr Gutes erreichen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


*Gegenüber einer vorherigen Version haben wir klargestellt, dass die Einnahmen durch den Gagen-Verzicht vom 18. Mai Kindern im Jemen zugute kommen.

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