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Fazit | Beitrag vom 09.04.2019

Anne Imhof in der Münchener PinakothekDie Künstlerin zur Rede gestellt

Von Tobias Krone

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Die Künstlerin Anne Imhof mit mehreren Performern und Performerinnen im deutschen Pavillon in Venedig (picture alliance / ZUMA Press / Xinhua / Jin Yu)
Performance als Studienobjekt: Die Künstlerin Anne Imhof will hinter die selbst aufgestellten Wände blicken. (picture alliance / ZUMA Press / Xinhua / Jin Yu)

Verstörend war Anne Imhofs "Faust"-Inszenierung 2017 in Venedig. In München versucht sie, ihre preisgekrönte Performance zu enträtseln. Dabei fragt sie sich, wie politisch ihre Kunst überhaupt ist.

Hoher Besuch in der Pinakothek der Moderne. Kunst-München hat sein Balenciaga-Täschchen dabei, um immerhin modisch ein wenig in Resonanz zu treten, mit dieser durch und durch coolen, etwas schüchternen Erscheinung aus Frankfurt, die außer der Beziehung zum einstmaligen Model Eliza Douglas und einer ausgesprochenen Modeaffinität noch eine der steilsten Künstlerinnenkarrieren aufzuweisen hat, die man sich vorstellen kann: Anne Imhofs preisgekrönte Performance "Faust" in Venedig verstörte 2017 viele nachhaltig.

Eine etwas schüchterne Erscheinung

Beispielhaft dafür die Moderatorin des Abends Katja Blomberg, Direktorin des Hauses am Waldsee Berlin: "Mein Eindruck war erst mal eine Unheimlichkeit, da lagen Requisiten rum. Und ich hatte das Gefühl, hier ist was vorgefallen und hier war eine Veranstaltung, von der ich ausgeschlossen bin."

Skizzen aus der Vorbereitung haben die Staatliche Graphische Sammlung München und der Junge Freundeskreis der Pinakothek der Moderne München nun erworben – und Anne Imhof soll heute Abend noch einmal drüber reden, um Einblick in das Rätsel ihrer Performances zu geben, in denen zombieartig regungslose Menschen, gekleidet in Hipstersportoutfits zu sphärisch-apokalyptischen Klängen miteinander in Interaktion treten, einander umarmen, küssen, niederringen, ignorieren.

Anne Imhof erläutert tapfer die Grundzüge in einer Fotopräsentation und kommt schnell auf ihren architektonischen Eingriff in dem Pavillon zu sprechen. Den Glasboden. "Für mich hat sich, als ich den Boden zum ersten Mal eingebaut gesehen habe, ein gewisser Schwindel ergeben. Als ich da raufgelaufen bin, obwohl das eigentlich keine Höhe ist, 93 Zentimeter."

Tiefe durch Spiegelung

Anne Imhof ließ den Pavillon verkleinern – nicht nur mit einem erhöhten Glasboden, sondern auch mit vorgelagerten Glaswänden. Ein Teil der Performance ihres Teams fand damit unter, neben und zwischen den Zuschauern statt. Ein Menschenzoo vor den Blicken der Touristenmassen.

"Für mich hatte das die Rolle von was zurückzuwerfen, also eine Spiegelung zu geben und eine größere Tiefe für das Bild dahinter – oder überhaupt, dass ein Zwischenraum zwischen der Wand und dem Glas flacher wurde, als ich das ohne das Glas gehabt hätte. Und dann habe ich das auch studiert, was das macht. Also, ich bin durch Bankenviertel gelaufen, habe mir genau angeguckt, wie Trennung und Transparenz funktionieren."

Auch für Mitmoderator Michael Hering, Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München, sind die Glaswände ein zentrales Motiv: "Da war die Frage, wer ist drin und wer ist draußen, was können Mauern sein, wenn sie nicht gemauert sind, wenn sie aus Glas sind."

Auf diese politische Deutung geht Anne Imhoff teilweise ein, vor allem, als sie das Geschehen über und unter dem Glasboden beschreibt: Oben das Publikum, unten geduckt die Performer. Der zoologischen Deutung von Katja Blomberg widerspricht sie. Blomberg: "Überhaupt ging es ja in der Performance teilweise sehr animalisch zu…". "Geht vielleicht ein bisschen um Repression auch dieser unteren Ebene. Um Unterdrückung auch."

Physische Belastung ist "Hingabe"

Auch Gewalt ist ein zentrales Element, etwa wenn die Performer sich gegenseitig zu Boden werfen und miteinander ringen. Wie hält man das die vielen Stunden der Performance nur physisch durch, will Blomberg wissen. Anne Imhof nennt es Hingabe. "Eine Hingabe hat auch was Selbstzerstörerisches. Oder ein Sich-Ausliefern an den Blick des Anderen hat natürlich was, das auch eine bestimmte Form von Gewalt haben kann.

Ich denke, was in meinen Stücken wichtig ist, es gibt immer die Entscheidung desjenigen, der sich dem Blick aussetzt, zu bleiben oder zu gehen. Kein Lächeln, das es einfacher macht, oder kein Blick, der ausweicht, um es einfacher zu machen, aber sie bleibt. Und dieses Bleiben hat manchmal in Faust den Aspekt, dass das natürlich so eine Auswegslosigkeit mit sich bringt. Da sind zwei Leute, die bleiben in einer Situation, aber die wird nicht einfacher. Und dann sind da auch noch Leute, die die beiden dabei beobachten."

Einstudiert hat Anne Imhof dabei nur einzelne Szenen und Bewegungsabläufe, vieles andere bleibt ihren Darstellern überlassen: "Ich merke, dass sich in dem Moment, wo das ganze zustande kommt, durch die Entscheidung von vielen, Dinge ergeben, die so perfekt aufeinander abgestimmt sind und für mich so schön anzugucken sind – das hätte ich mir nie vorstellen können – und das hätte ich nie kontrollieren können."

"Ich mache Kunst und keine Politik"

So tief melancholisch das Gesamtergebnis ist, im Grunde gehe es ihr auch um Ermutigung, sagt Anne Imhof. Und Vorsicht: Das sei nicht primär politisch gemeint. Trotz der zahlreichen Assoziationen an Flucht und Ausgrenzung, an Kriege und Unterdrückung. Trotz der gereckten Faust, die zum zentralen Symbol ihrer Venedig-Performance geworden ist. "Ich mach' halt Kunst und keine Politik. Aber dass Sachen Dinge bedeuten, darum kommt man eben nicht drum rum. Die Bedeutung kann ich der Faust nicht absprechen, ja? Ich würde mich einfach davor hüten zu sagen, ich mache Politik. Denn das ist einfach nicht wahr."

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