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Frühkritik | Beitrag vom 21.12.2018

Anne Goldmann: „Das größere Verbrechen“Im Gefängnis der Normalität

Von Kolja Mensing

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Cover von Anne Goldmanns Buch "Das größere Verbrechen". Im Hintergrund ist das SW-Foto einer Frau zu sehen, die auf einer Strßae läuft und sich gerade umdreht.  (ariadne / Unsplash / Yoann Boyer )
Das idyllische Kleinfamilienleben nimmt in "Das größere Verbrechen" ein jähes Ende. (ariadne / Unsplash / Yoann Boyer )

Der stille Bürgerkrieg im Einfamilienhaus: Die österreichische Krimiautorin Anne Goldmann erzählt in ihrem beklemmenden Kriminalroman "Das größere Verbrechen" von einer Familie, die von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Theres ist allein zu Haus. Ihre Tochter ist für ein paar Tage bei den Großeltern, ihr Mann noch bei der Arbeit. Es wird wieder einmal spät werden, aber seit Thomas ihr versichert hat, dass er die Affäre beendet hat, ist das Familienleben in normale Bahnen zurückgekehrt. Im Radio läuft ein Song von Billie Holiday, dazu erklingt das "tröstliche Geräusch des Regens auf den großen Dachflächenfenstern", und im Zimmer hängt der vertraute Geruch von Bügelwäsche. Dann klingelt das Telefon. Es ist ein kurzes Gespräch: "Ich bin Jan", sagt eine Stimme, die Theres noch nie in ihrem Leben gehört hat. "Dein Sohn." Und: "Ich möchte dich treffen."

Nach 18 Jahren taucht der Sohn plötzlich auf

Anna Goldmann erzählt in ihrem Roman "Das größere Verbrechen" vom dünnen Firniss der Normalität - und davon, wie er von einem Moment zum anderen zerreißen kann. Theres war noch Schülerin, als sie schwanger wurde, von einem Schulkameraden, der aus Bosnien stammt. 18 Jahre später tritt ihr Sohn, den sie damals auf Druck ihrer Eltern zur Adoption freigegeben hat, zurück in ihr Leben, ein junger, gut aussehender Mann, der kurz vor dem Abitur steht. Damit gerät das ohnehin nur notdürftige stabilisierte System ihrer Familie ins Wanken. Theres’ Mann, der nichts von der ersten Schwangerschaft wusste, verlässt gekränkt das Haus und schläft in der Werkstatt, die gemeinsame, 14-jährige Tochter Nina rutscht verstörend nah an den plötzlich aufgetauchten Halbbruder heran, und Theres nimmt den alten, nie ganz beigelegten Streit mit ihren Eltern wieder auf.

Dann kommt einer der Beteiligten ums Leben. Es ist ein kleiner, schmutziger und hinterhältiger Mord – und Jan steht unter Verdacht. Doch das nur am Rande. Der Titel deutet es bereits an: Es geht um "größere Verbrechen", die Anne Goldmann - ähnlich wie ihre großen Kolleginnen Patricia Highsmith oder Barbara Vine alias Ruth Rendell - mit dem scharfen Blick einer Insektenforscherin beschreibt. Mikroskopisch genau, aber immer auf Distanz zum Objekt analysiert sie die latenten und manifesten Konflikte in einer Kleinfamilie und führt Nebenfiguren wie die Putzfrau Ana ein, die zur Zeugin eines handfesten Streits in Theres’ Wohnung wird ("Wir hatten eine … Meinungsverschiedenheit"), oder eine ältere, schwer traumatisierte Frau, die genau wie der Vater von Theres’ Sohn aus Bosnien stammt.

Dicht, beklemmend, ohne Hoffnung

Die Bilder von dem stillen Bürgerkrieg in der österreichischen Kleinfamilie verbinden sich mit verwackelten Erinnerungen an den ganz realen Konflikt auf dem Balkan. Das ist psychologisch so beklemmend dicht gearbeitet, dass der Spielraum der Figuren am Ende immer kleiner wird. Platz für Hoffnung gibt in diesem faszinierend kalten Roman nicht, nur durch Aussicht auf eine Rückkehr in das Gefängnis der Normalität. "Es wird immer so weitergehen", weiß Theres: "Wir werden gemeinsam vor dem Fernseher sitzen und nebeneinander aufwachsen. Einander das Salz reichen. Es wird sich nichts ändern."

Anne Goldmann: "Das größere Verbrechen"
Ariadne, Hamburg 2018
235 Seiten, 13 Euro

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