Donnerstag, 14.11.2019
 

Studio 9 | Beitrag vom 22.11.2018

Anne Frank Haus in AmsterdamNeuer Rundgang für das junge Publikum

Von Ludger Kazmierczak

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Das Anne Frank Haus in der Prinsengracht, aufgenommen am 24.09.2018 in Amsterdam (Niederlande). (picture alliance / dpa / Andrea Warnecke)
Die neue Ausstellung vermittelt mehr über die Zeit und den Kontext. Die Schlangen vor dem Anne Frank Haus sind geblieben. (picture alliance / dpa / Andrea Warnecke)

Das berühmte Tagebuch von Anne Frank zieht jährlich Millionen Besucher in das Haus, in dem sich das Mädchen mit ihrer jüdischen Familie versteckte. Das Haus wurde erweitert und umgebaut, um die Geschichte für junge Leute besser erfahrbar zu machen.

Manchmal warten die Besucher bis zu drei Stunden, ehe sie das Haus an der Prinzengracht 263 betreten dürfen. Die Menschen kommen aus der ganzen Welt – vor allem viele junge Leute, Schüler und Studenten, die nicht alle mit dem gleichen Vorwissen nach Amsterdam gereist sind.

Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)

Laut einer amerikanischen Studie haben 70 Prozent aller Jugendlichen noch nie etwas von Auschwitz gehört. Dem müsse auch die Ausstellung Rechnung tragen, sagt Ronald Leopold, der Direktor der Anne Frank Stiftung:

"Die Tatsache, dass die heutigen Besucher diesen Ort auf eine ganz andere Weise und mit viel weniger Wissen besuchen, haben wir zum Anlass genommen, diesen jungen Menschen eben mehr Wissen zu vermitteln – auch über die Zeit und den Kontext. Anders, als dass noch vor 40, 30 oder selbst vor 20 Jahren nötig war."

Jahrzehntelang, so Kurator Tom Brink, habe allein das Haus die Geschichte der untergetauchten Juden von Amsterdam erzählt. Das reiche heute nicht mehr aus.

Tom Brink: "Du kommst rein und während wir früher davon ausgehen konnten, dass die Besucher die Geschichten kannten, die sich hier abgespielt haben, erzählen wir nun diese Geschichten in der neuen Museumsroute. Dadurch wird es vor allem für die Jüngeren leichter, sich vorzustellen, was in diesem Haus passiert ist."

Geschichte der Mitarbeiter von Otto Frank

In der ehemaligen Werkstatt von Annes Vater, Otto Frank, erinnern Filme und Fotos von lachenden Schulkindern an die noch unbeschwerten 30er-Jahre. Wie sehr sich die Lebensbedingungen für jüdische Familien nach dem Einmarsch der Deutschen 1940 verändern, zeigen die Bilder und Dokumente im ersten Stock, in den ehemaligen Büroräumen der Firma. Und anders als früher erzählt die neue Ausstellung auch ausführlich die Geschichte der Mitarbeiter von Otto Frank. Sie verdienen diese Aufmerksamkeit, sagt die Berliner Ausstellungsmacherin Dagmar von Wilcken, die das neue Konzept für das Anne Frank Haus mitentwickelt hat:

"Das ist wirklich neu, dass wir einen Raum den Helfern gewidmet haben. Dass die namentlich erwähnt werden – mit kurzen Biografien, etc. Risiko auf sich genommen haben und die eigentlich die Helden dieser Zeit waren."

Im "Achterhuis" hat sich nicht viel verändert

Schließlich steht der Besucher vor jenem unauffälligen Bücherregal, hinter dem sich die Tür und die steile Treppe zum Hinterhaus befinden. In diesem typisch Amsterdamer "Achterhuis" hielten sich die Familie Frank und vier weitere Personen mehr als zwei Jahre lang versteckt. Hier, so Tom Brink, schrieb Anne ihr berühmtes Tagebuch:

"Im Hinterhaus selbst hat sich nicht viel verändert. Wir zeigen dort ein paar persönliche Gegenstände der Untergetauchten. Und wir glauben, dass diese Objekte gemeinsam mit den Räumlichkeiten für sich sprechen, so dass wir da keine zusätzlichen Geschichten erzählen müssen."

Der Rundgang endet in einem dezent beleuchteten Saal, in dem hinter Glas das Original-Tagebuch ausgestellt ist. Ein Buch, das jedes Jahr rund 1,2 Millionen Besucher ins Anne Frank Haus zieht. Für all diese Interessierten wurde die Ausstellung nun modernisiert und das Haus umgebaut und erweitert. Das neue, großzügige und lichtdurchflutete Foyer fängt die Besuchermassen besser auf, und trotzdem: Die langen Warteschlangen rund um die Westerkerk werden wohl bleiben.

Dagmar von Wilcken: "Da müssen alle durch."

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