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Buchkritik | Beitrag vom 08.03.2021

Anne Applebaum: „Die Verlockung des Autoritären“"Starke Männer" an der Macht

Von Marko Martin

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Buchcover zu "Anne Applebaum:Die Verlockung des AutoritärenWarum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist" (Deutschlandradio/Siedler)
Anne Applebaum zeigt, wie die Neue Rechte Ideen der Linken aufgreift. (Deutschlandradio/Siedler)

Die amerikanische Historikerin Anne Applebaum beschreibt in ihrem Buch „Die Verlockung des Autoritären“ beeindruckend die Denk- und Verhaltensmuster einer Neuen Rechten, die sich auch des Arsenals altlinker Ressentiments bedient.

Wer sind die "master minds" und Spin-Doktoren hinter der autoritären Welle, die seit Jahren durch einstmals liberale Gesellschaften rollt? Die amerikanische Publizistin und Historikerin Anne Applebaum, die unter anderem für ihr bahnbrechendes Buch über das sowjetische Gulag-System den Pulitzer-Preis erhalten hat, kennt das Milieu aus eigener Anschauung. Verheiratet mit dem ehemaligen polnischen Außenminister Radek Sikorski, sind ihr die Warschauer und Budapester Intellektuellenkreise ebenso vertraut wie der Londoner und Washingtoner Politikbetrieb.

Ihr aktuelles Buch, "Die Verlockung des Autoritären", ist jedoch keine Nähkästchen-Plauderei. Der in der deutschen Übersetzung beigegebene Untertitel "Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist" führt dabei in die Irre: Schließlich waren sowohl Viktor Orbán wie auch Donald Trump und das Personal der polnischen PiS-Partei durch demokratische Wahlen zur Macht gekommen – was die Sache freilich noch verzwickter macht. Woher nämlich kommt die Institutionen-Verachtung und der ostentative Illiberalismus dieser Männer?

Wie Ideologien entstehen

Applebaums Spurensuche führt – obwohl sie auch einige Beispiele rigid ideologisierter Frauen nennt – tatsächlich in eine "man’s world", bevölkert von einflussreichen, wenngleich in Deutschland kaum bekannten Professoren und Journalisten, die sich zu Einflüsterern der Mächtigen gemausert hatten und dafür mit Multiplikator-Posten im Kultur- und Bildungswesen belohnt wurden. Von dort aus betreiben sie in aggressiver Larmoyanz ein Eliten-Bashing und inszenieren sich als "wahre Stimme des Volkes". Dabei waren viele von ihnen im Jahrzehnt nach 1989 noch euphorische Verteidiger von Marktwirtschaft, Parlamentarismus, Rechtsstaat und transatlantischer Verbindung gewesen – von all dem also, was zahlreiche Linke damals für des Teufels hielten, weil es die wahren Machtverhältnisse kaschiere, "das Volk" verdumme etc.

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Anne Applebaum macht es sich nicht so einfach, dass sie die "Neuen Rechten" nun umstandslos als quasi umgedrehte Linksorthodoxe einordnen würde. Gerade deshalb ist das, was sie an Positionen und Positions-Genesen beschreibt, beunruhigend relevant: Wer dieses Buch liest, ohne sogleich in Schnappatmung zu verfallen, wird fürderhin wohl kaum mehr selbstgerecht-distanzierend über die "neuen Rechten" schwadronieren können.

Eine ungemütliche Lektüre

Kein Zufall nämlich, dass sich der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon, der bereits von einer weltweiten rechten Internationale träumt, geradezu ehrfürchtig auf Lenins Machtinstinkt bezieht und den zerstörerischen Nihilismus der russischen Bolschewiki als Vorbild sieht, um die ihm verhassten liberalen Strukturen des eigenen Landes zu schleifen. Während Trump, als wäre er eine Sprechpuppe linker Relativierer, 2017 bei einem TV-Interview auf die Feststellung, dass Putin ein Mörder sei, wie folgt reagiert: "Aber es gibt viele Mörder. Glauben Sie, unser Land ist so unschuldig?"

Der Vorwurf, ein Beharren auf universellen Werten sei nichts als westliche Heuchelei – inzwischen auch überaus beliebt im Kreise mancher "woke"-Aktivist*innen – in den Händen eines rechtspopulistischen Hetzers: In der Tat, eine ungemütliche Lektüre. Unbehagen dürfte Anne Applebaums Buch jedoch auch bei jenen Konservativen auslösen, die sich bis zum heutigen Tag die illiberale Revolte von rechts als eine Art Versuch schönreden, den Westen zu bewahren, das Abendland zu schützen und was der bigotten Formeln noch mehr sind. Applebaum zeigt, dass gerade die Tribalisierung von Werten, die Feindseligkeit gegenüber Institutionen, die Verachtung für sexuelle und ethnische Minderheiten den Westen (inklusive der nach 1989 frei gewordenen Gesellschaften Ost- und Mitteleuropas) auf eine Weise verändern könnten, dass von seiner Grundstruktur kaum etwas bliebe.

Travestie des Staatsmännischen

Vielleicht, und das ist der einzige Einwand, hätte die Autorin noch etwas stärker auf die sozialen Verwerfungen im Zuge von Globalisierung und Globalisierungsverweigerung eingehen können, die es rechten Populisten erlauben, sich weiten Teilen einer verunsicherten Bevölkerung als vermeintliche Heilsbringer darzustellen. Immerhin wurde etwa in Polen die PiS nicht wegen ihres Identitäts-Gedöns gewählt, sondern aufgrund von Sozialreformen, die von den liberalen Vorgänger-Regierungen versäumt worden waren.

Dafür entschädigt jedoch Anne Applebaums Blick auf Boris Johnson, den sie seit Jahren kennt: Als fröhlich-elitären Hallodri, der bereits als Journalist und EU-Korrespondent Freude an elaborierten Fake News gefunden hatte und späterhin aus purer Eitelkeit zum eloquentesten Befürworter des desaströsen Brexit wurde: hochgebildeter Unernst als Travestie des Staatsmännischen. Wie gesagt, ein präzises und zutiefst beunruhigendes Buch.

Anne Applebaum: "Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist"
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Siedler Verlag, München 2021
208 Seiten, 22 Euro

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