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Tonart | Beitrag vom 24.11.2014

Anna WebberHoffnungsträger der Musikszene

"Refraction" - eine Schnittstelle zwischen neuer Musik und Jazz

Anna Webber im Gespräch mit Jan Tengeler

Ein junger Mann spielt in einer Fußgängerzone auf einem Saxofon. (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
"Percussive Mechanics" - in dem Septett spielen neben Anna Webber an Flöte und Saxofon ein weiterer Saxofonist, ein Bassist, ein Pianist sowie zwei Schlagzeuger. (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

"Percussive Mechanics" ist die Berliner Formation der Musikerin Anna Webber. Im Interview mit Jan Tengeler spricht sie über ihr neues Album "Refraction" und erklärt, warum sie in der deutschen Hauptstadt eine eigene Gruppe hat.

"Ich war ein Jahr an der Universität der Künste in Berlin und habe dort einen Jazz-Masterstudiengang absolviert. Für meine Abschlussarbeit musste ich neue Stücke komponieren und mein Lehrer John Hollenbeck überzeugte mich, für Instrumente zu schreiben, mit denen ich sonst nicht arbeite. Also ließ ich die Gitarre weg - normalerweise spiele ich immer mit Gitarristen - und entschied mich für Vibrafon. Früher habe ich dieses Instrument gehasst. Das hat sich inzwischen geändert, weil es an der Berliner Hochschule so viele großartige Vibrafonisten gibt. Es wäre also schön, das einmal zu probieren, habe ich mir gesagt."

"Percussive Mechanics" nennt sich die Formation, die Webber 2011 in Berlin gegründet hat. Der Name lässt vermuten, dass dabei nicht nur das Vibrafon für perkussive Elemente sorgt. In dem ungewöhnlich besetzten Septett spielen neben Anna Webber an Flöte und Saxofon ein weiterer Saxofonist, ein Bassist, ein Pianist sowie zwei Schlagzeuger.

"Schon in New York und sogar davor in Montreal habe ich mit zwei Schlagzeugern gearbeitet. Die Band damals hieß 'Pink Flamingo' - es war sehr lustig, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass ich diese Kombination schon wirklich ausgereizt hatte. Es gibt viele Bands mit zwei Trommlern, aber warum? Einer würde meistens genügen, dann wäre es einfach nur etwas leiser. Man braucht also eine kompositorische Notwendigkeit, wenn man zwei Schlagzeuger einsetzt. Zum Beispiel weil zwei verschiedene Rhythmen parallel gespielt werden. So etwas mache ich - meine Musik ist fast immer ausnotiert, es ist nicht das typische Jazzschlagzeug. Es gibt gute Gründe für zwei Trommler."

Anlehnung an John Cage

Tatsächlich steht die Musik von Anna Webber an der Schnittstelle zwischen neuer Musik und Jazz. Denn es gibt zwar improvisierte Teile, aber ein Großteil des Materials ist ausnotiert. Als Komponistin arbeitet die gebürtige Kanadierin mit vielen verschiedenen Verfahren, nicht zuletzt auch in Anlehnung an Avantgardisten wie John Cage.

"Das Stück 'Climbing on Mirrows' war eigentlich als Big Band Stück gedacht. Es ist nach dem Zufallsprinzip entstanden, so wie auch John Cage teilweise gearbeitet hat: Ich habe Töne auf einen Zettel geschrieben, den Zettel gefaltet und ihn in einen Hut geworfen, und dann habe ich die Töne in der Reihenfolge aufgeschrieben, in der ich sie gezogen habe, wie bei einem Los. Das, was am Ende auf dem Notenpapier stand, hörte sich erstaunlich tonal an. Das war tatsächlich reiner Zufall."

Anna Webber arbeitet zwar zuweilen mit dem Zufallsprinzip, aber zufällig ist ihre Musik deshalb noch lange nicht. Ganz im Gegenteil: Es sind hoch komplexe, anspruchsvolle Kompositionen, die Mitspielern wie Zuhörern Einiges abverlangen. Nach ihrem Studienjahr in Berlin 2011/2012 lebt sie inzwischen wieder in New York und gilt dort als neuer Hoffnungsträger der kreativen Musikszene, die mühelos die Grenzen zwischen Jazz und Avantgarde, zwischen Komposition und Improvisation überwindet. Der Bezug nach Deutschland ist aber geblieben, gerade erst hat sie wieder eine Tour mit ihrem Berliner Septett "Percussive Mechanics" gespielt.

"Mit dieser Band habe ich inzwischen einige Tourneen gespielt und natürlich wirkt sich das positiv aus. Das Zusammenspiel ist viel reifer, viel tiefer. Inzwischen weiß ich auch, wie ich am besten für diese Instrumentierung schreibe. Es ist übrigens einer der Unterschiede zwischen New York und Berlin: Drüben gibt es mehr Projekte und jeder kann überall einspringen. Hier gibt es mehr Bands und wenn einer nicht kann, dann spielt man den Gig lieber nicht. Na ja, das stimmt nicht ganz: Für diese Tour mussten wir kurzfristig den Saxofonisten ersetzen. Natürlich ist der neue auch ein großartiger Instrumentalist und er sieht sogar genauso aus wie der Stammsaxofonist."

CD: "Refraction", Pirout 1180798, LC 12741

 

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