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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2018

Anna Netrebko in Berliner "Macbeth"Ein Verdi wie im Theater-Museum, Abteilung 80-er

Von Uwe Friedrich

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Anna Netrebko (Lady Macbeth), Ensemble  (Staatsoper Berlin / Bernd Uhlig)
Verdis "Macbeth" an der Berliner Staatsoper mit Anna Netrebko als Lady Macbeth (Staatsoper Berlin / Bernd Uhlig)

Harry Kupfers "Macbeth"-Inszenierung an der Berliner Staatsoper versprüht 80er-Jahre-Melancholie. Unseren Kritiker lässt sie deprimiert zurück - trotz musikalischer Leitung von Daniel Barenboim und den Stars Anna Netrebko und Plácido Domingo.

Anna Netrebko beherrscht als Lady Macbeth souverän die Bühne. Ob als machtgierige und skrupellose Intrigantin, die ihren Mann zum Königsmord anstachelt oder als gebrochene, wahnsinnige Frau, die den Blutfleck an ihren Händen nicht abwaschen kann, immer gestaltet die Sopranistin mit dem charakteristisch verschatteten Timbre jede Phrase, singt auch die schwierigsten Passagen souverän und mitreißend. Da hat Placido Domingo in der Titelpartie Glück gehabt, dass schon Verdi seine Bühnengattin zur heimlichen Hauptrolle gemacht hat.

Verdienter Lebenswerkapplaus für Placido Domingo

Denn selbstverständlich ist der offiziell 77-jährige Tenor kein Bariton, wie er dem Komponisten in dieser Rolle vorschwebte. Er hat nicht die richtige Farbe, nicht das richtige Timbre, die gealterte Tenorstimme spricht in den verschiedenen Registern ganz anders an als es eine echte Baritonstimme täte. Kurz: Domingo sollte diese Rolle nicht singen.

Wie er das aber macht, nötigt größten Respekt ab. Vollkommen stilsicher weiß er immer, wohin die Gesangslinie will, trifft den musikalischen Tonfall genau und bekommt dafür zum Schluss den verdienten Lebenswerkapplaus einen dankbaren Publikums, das mit dem Künstler gealtert ist.

Daniel Barenboim (Staatsoper Berlin / Holger Kettner)Daniel Barenboim (Staatsoper Berlin / Holger Kettner)
Melancholisch kann es in dieser Premiere zurückträumen ins Theatermuseum, Abteilung Mitte der 80er-Jahre. Damals erarbeitete Daniel Barenboim gemeinsam mit Harry Kupfer und dessen Lieblingsbühnenbühnenbilder Hans Schavernoch in Bayreuth Wagners "Ring des Nibelungen" und die künstlerische Freundschaft hält bis heute. 

Familie Macbeth haust in einer schottischen Burgruine

Schavernoch mochte schon immer großflächige Projektionen und hat inzwischen vom Diaprojektor auf den Videobeamer umgestellt. So sehen wir im Hintergrund pittoresk brennende Ölfelder und rauchende Vulkane, Familie Macbeth haust in einer schottischen Burgruine, über die malerisch die Wolken ziehen. Hier steigt die Lady zwecks Unterstreichung ihrer Wut aufs weiße Sofa, um Koloraturen in den Saal zu schleudern, hier schleppen die vor der Gewaltherrschaft fliehenden Schotten in grauen Mänteln abgeschabte Koffer über den Boden.

Anna Netrebko (Staatsoper Berlin / Vladimir Shirokov)Anna Netrebko (Staatsoper Berlin / Vladimir Shirokov)
Stets wählt Kupfer die simpelste Bebilderung, den direkten Weg ins Klischee. Das wäre alles nicht weiter schlimm, so geht es eben zu im internationalen Opernbetrieb, wo reisende Starsänger sich am liebsten in sicherer Entfernung zum Souffleurkasten treffen. Deprimierend ist der Abend aber vor allem, wenn man sich daran erinnert, dass Harry Kupfer einst ein gesellschaftskritischer Regisseur war, der Machtverhältnisse und politische Missstände schockierend offenlegen konnte. Damals wäre das Fest bei Macbeth wahrscheinlich zur Anklage gegen eine korrupte Machtelite geworden. Heute steht lediglich eine weißgekleidete Operettenarmee wie angenagelt auf der Bühne und nippt an Plastiksektgläsern.

Barenboim dirigiert zu langsam

Machtgier und Königsmord, die selbstzerstörerische Kraft der Unmoral, all das bleibt bloße Behauptung. Dazu dirigiert Generalmusikdirektor Daniel Barenboim Verdis Musik zu langsam und zu laut. Unorganisch stehen schöne Klangfarben neben lärmigen Passagen, uninspirierter Leerlauf neben hektischer Aktivität. Aber selbst dann drängt nichts nach vorne, tritt Barenboim mit der Berliner Staatskapelle auf der Stelle und macht den Solisten das Leben schwer.

Ein Abend, der vor allem eine Botschaft transportiert: Wir machen es, weil wir es uns leisten können. Aber das alleine ist noch lange keine Kunst.

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