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Lesart | Beitrag vom 08.07.2020

Anna-Katharina Hahn: "Aus und Davon"Von ganz normalen Leuten mit ganz normalen Problemen

Anna Katharina Hahn im Gespräch mit Joachim Scholl

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Porträt der Schriftstellerin Anna Katharina Hahn vor rotem Hintergrund. (Imago / STAR-MEDIA)
Anna Katharina Hahns neuer Roman "Aus und Davon" ist ihr drittes Buch, das in ihrer Heimat Stuttgart spielt. (Imago / STAR-MEDIA)

Im rauen Stuttgarter Osten, einem alten Arbeiterviertel, siedelt Anna Katharina Hahn ihren Roman "Aus und Davon" an. Gleich mehrere Figuren ihres Romans wollen aus der Enge gesellschaftlicher und familiärer Erwartungen ausbrechen.

Cornelia, gestresste Mutter zweier Kinder, wurde gerade von ihrem Mann verlassen, er ist mit einer jüngeren Frau durchgebrannt. Cornelia braucht eine Auszeit und plant eine Reise nach New York. Oma Elisabeth passt in der Zwischenzeit auf die Kinder auf - die viel zu gutaussehende Tochter von Cornelia und ihr kleiner, viel zu dicker Sohn Bruno.

Das seien ganz normale Leute, die ganz normale Probleme hätten, sagt die Schriftstellerin Anna Katharina Hahn über die Figuren in ihrem neuen Roman. Der zu dicke Bruno, der in der Schule verspottet wird, die extrem hübsche Tochter, die mit ihrer Schönheit aber unglücklich ist: Diese Ecken und Kanten hätten sie gereizt. "Es ist für Eltern, die von allen Seiten angeschaut werden, generell immer schwer, wenn ihre Kinder nicht der sozialen Norm entsprechen", sagt Hahn - ganz egal, ob das Kind zu dick, zu laut, zu wild oder zu schön sei.

Der raue Stuttgarter Osten

Doch auch Cornelia selbst wird den Erwartungen ihrer Mutter Elisabeth, einer sehr geradlinigen Geschäftsfrau im Rentenalter, nicht gerecht. Denn Cornelia lebt mit ihrer Familie in der Ostendstraße, einer Straße im rauen Stuttgarter Osten. Elisabeth hat viele Vorurteile gegenüber dem Viertel, das in der Nähe des Großmarktes und der Schlachthöfe liegt. "Das ist nicht der Ort, wo sie sich ihre Lieblingstochter Cornelia hinwünscht", sagt Hahn. Und dennoch muss sie selbst nun dort auf ihre Enkel aufpassen, während Cornelia in die USA reist.

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Mit einem Rückblick in die Familiengeschichte kommt eine zweite erzählerische Ebene hinzu. In den 1920er Jahren wanderte die Ur-Großmutter in die USA aus. Sie nahm damals den Linsenmeier mit, eine Puppe, die mit Alblinsen gefüllt ist. Dieser Puppe gibt Hahn eine eigene Erzählerstimme.

"Der Linsenmeier bringt das Fantastische und die romantische Tradition, mit der ich gerne spiele, mit in den Roman", so Hahn. Das Reizvolle daran sei für sie die Möglichkeit gewesen, sich wie mit einer Kasperlefigur sowohl sprachlich als auch inhaltlich Dinge erlauben zu können, die für die anderen Figuren nicht in Frage kamen.

Zwei pietistische Diakonissen

Mit zwei pietistischen Diakonissen, die Elisabeth geistig begleiten, erhält die Geschichte eine weitere Dimension. "Ich habe die Prägung meiner Heimat, die auch an mir nicht spurlos vorübergegangen ist, oft empfunden und oft darüber nachgedacht", sagt Hahn. "Mein Familienname Hahn ist ja in pietistischen Kreisen berühmt, durch Michael Hahn, einen der Väter des Hardcore-Pietismus."

Es habe sie interessiert, wie weit die Wurzeln und die Verzweigungen des Pietismus in die Gesellschaft reichten. Sie selbst entstamme einer katholisch-evangelischen Mischehe, erzählt die Schriftstellerin.

"Aus und Davon" ist Hahns dritter Roman, der in Stuttgart spielt. Auch "Kürzere Tage" oder "Am Schwarzen Berg" waren in der baden-württembergischen Landeshauptstadt angesiedelt. Stuttgart sei nun mal ihre "Home Base", sagt Hahn - und sie fühle sich der literarischen Tradition ihres Bundeslandes sehr verbunden.

Anna Katharina Hahn: Aus und davon
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
306 Seiten, 24 Euro

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