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Buchkritik | Beitrag vom 05.06.2021

Ann Petry: "Country Place"Neid und Niedertracht vor idyllischer Kulisse

Von Gabriele von Arnim

Cover des Buchs "Country Place" von Ann Petry (Deutschlandradio / Nagel & Kimche)
Großer Roman mit kleinen Abstrichen: "Country Place" von Ann Petry. (Deutschlandradio / Nagel & Kimche)

Ihr Harlem-Roman "Die Straße" wurde als sensationelle Wiederentdeckung einer schwarzen Autorin gefeiert. In "Country Place" erzählt Ann Petry nun von weißem Kleinstadtleben und entlarvt mit scharfen Blick Rassismus und Antisemitismus.

Wir sind in einer kleinen, malerisch am Long Island Sound gelegenen Stadt. Möwen, Meersalz, Buchten – und ausgerechnet in dieser Idylle wuchern Ehrgeiz, Neid und Boshaftigkeit bis zum Mordversuch. So erzählt es der Apotheker des Städtchens, der hin und wieder den auktorialen Erzähler ablöst als Chronist der Ereignisse.

Johnnie Roane kommt im Jahre 1946 als Sechsundzwanzigjähriger aus dem Krieg zurück. Vier elende Jahre lang hat er sich nach seiner Frau gesehnt, doch sie hat nicht die geringste Lust auf den Gatten, sondern will ausgerechnet den Schürzenjäger des Ortes, mit dem sich auch schon ihre Mutter eine Weile heimlich vergnügt hat.

Wüste Gewitter, entwurzelte Bäume

Überhaupt ludern sich Mutter und Tochter, Lil und Glory, ziemlich schamlos durchs Leben. Lil hat den Sohn der reichsten Frau der Stadt, Mrs. Gramby, geheiratet, der so verzärtelt und geschwächt ist von der dominanten Fürsorge seiner Mutter, dass es nicht schwer war, ihn mit vorgetäuschter Liebe einzuwickeln.

Tatsächlich will Lil nur das Geld, den Schmuck und das große Haus - in dem es sich so schön leben ließe ohne die autoritäre alte Dame, die ihre Schwiegertochter längst durchschaut hat und verachtet.

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Und dann gibt es Wiesel, den einzigen Taxifahrer des Städtchens, Schnüffler in allen Privatangelegenheiten, ein tückischer Kerl, der allerdings immer wieder hilft, die Wahrheit hinter den Lügen ans Licht zu bringen. Begleitet wird all die menschliche Niedertracht und Verlorenheit von wilden Ausbrüchen der Natur: peitschende Winde, wüste Gewitter, entwurzelte Bäume, hämmernder Regen.

Kleinstadtkapriolen, lustvoll erzählt

Man liest das gebannt und gespannt. Ann Petry, eine amerikanische Schriftstellerin, die schon 1997 starb und gerade wiederentdeckt wird, ist eine große Erzählerin. "Die Straße" heißt ihr mitreißender und bestürzender Harlem-Roman, der 1946 erschien, und der erste Roman einer schwarzen Autorin war, der sich über eine Million Mal verkaufte.

In "Country Place" hat sich Petry allerdings als Sujet ein weißes Kleinstadtleben vorgenommen. Die Kritik nannte den Roman, als er 1947 erschien, "a raceless novel". Im aufschlussreichen Nachwort von Farah Jasmine Griffin erfährt man, dass Ann Petry selbst in genau so einer Stadt aufgewachsen ist und dass ihr Vater Apotheker war, sie sich also bestens auskannte in Kleinstadtkapriolen, die hier so detailliert und lustvoll erzählt werden.

Notwendige Lektion

Scharfäugig entlarvt sie dabei die Bewohner der Stadt als Rassisten und Antisemiten, als engstirnige Verteidiger ihrer Privilegien. Vielleicht sogar als aussterbende Spezies eines überholten Systems.

Wenn allerdings das schwarze Hausmädchen von Mrs. Gramby und der dunkelhäutige Gärtner als einziges, glücklich liebendes Paar zusammenfinden und als einzige Figuren – außer Mrs. Gramby und Johnnie – Charakter und Anstand beweisen, wundert man sich ein bisschen ob solch fast sentimentaler Einseitigkeit.

Und doch erteilt dieser Roman uns eine notwendige Lektion. Nämlich die, nicht darüber nachzudenken, ob die Autorin und ihr Sujet schwarz oder weiß sind. Es geht hier um Literatur. Und Ann Petry ist eine großartige Schriftstellerin. 

Ann Petry: "Country Place"
Aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann
Mit einem Nachwort von Farah Jasmine Griffin
Nagel & Kimche, Zürich 2021
304 Seiten, 24 Euro

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