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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.02.2014

AnlaufstellenGroße Stadt, große Not

Die Bahnhofsmissionen in Berlin

Von Verena Kemna

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Ein Bedürftiger nimmt am Dienstag (03.07.2012) an der Essensausgabe in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin seine Essensration von einer Mitarbeiterin entgegen. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Essensausgabe in der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

In der Hauptstadt gibt es drei Bahnhofsmissionen - am Zoologischen Garten, am Hauptbahnhof und am Ostbahnhof. Sie helfen Wohnungslosen, Bedürftigen oder Orientierungslosen - und begleiten sogar Kinder auf Zugreisen.

Kaum ein Bahnhof wurde so oft umbenannt wie der Berliner Ostbahnhof. 1842 eröffnet, bekam er 40 Jahre später den Namen Schlesischer Bahnhof. Von hier aus fuhren Züge nach St. Petersburg, Danzig, Breslau. Auch heute ist der Ostbahnhof, wie er zu DDR-Zeiten genannt wurde, wieder das Tor nach Osteuropa. Viele Bulgaren, Polen, Rumänen, steigen zuerst am Ostbahnhof aus.

Wer Hilfe braucht, sucht den Weg zur Bahnhofsmission, durch das modernisierte Bahnhofsgebäude, vorbei an den Einkaufspassagen. Um neun Uhr früh warten etwa zehn Männer vor einer geschlossenen Glastür. Es ist kalt, die Männer tragen dunkle Jacken, Mützen und Schals. Die meisten haben keine Handschuhe, stecken ihre violett verfärbten Hände in die Jackentaschen. Plastiktüten und Rucksäcke mit den eigenen Habseligkeiten stehen auf dem gefrorenen Schnee. An diesem Tag hat Gisela Kreyer Türdienst. Eine Ehrenamtliche, wie die meisten. Die kleine stämmige Frau sieht auf die Uhr und öffnet die Tür.

"Wer war der Nächste? Also es sind immer wieder Neue, die kommen, aber man kennt eben doch einige. Manche kommen jeden Tag, manche sporadisch und ich komme zweimal die Woche im Schnitt, manchmal auch dreimal, immer wenn Bedarf ist, wenn mal jemand ausfällt, kommt man auch mal zusätzlich."

In dem kleinen Aufenthaltsraum ist es gemütlich warm. Da stehen zwei viereckige Tische mit jeweils vier Stühlen. Nur acht Gäste, wie sie hier heißen, dürfen sich gleichzeitig aufhalten, sich ausruhen, Tee oder Kaffee trinken, belegte Brote essen. Nach etwa einer halben Stunde müssen sie Platz machen für die nächsten, die schon draußen warten. Wer stark alkoholisiert ist, unter Drogen steht, den lassen wir nicht rein, so sind die Regeln, sagt Ursula Czaika, die Chefin der Bahnhofsmission am Ostbahnhof.

"Wenn kein Andrang ist, dann setzen wir uns manchmal dazu, machen so ein bisschen Rätselraten, kommen ins Gespräch. Aber wenn Andrang ist, dann achten wir drauf. 30, 35 Minuten reicht auch, um gemütlich und in Ruhe zu essen und zu trinken, Toilette aufzusuchen."

Etwa 150 Menschen kommen jeden Tag zur Bahnhofsmission am Ostbahnhof. Es sind vor allem Wohnungslose, Gestrandete aus der ganzen Republik und immer öfter Osteuropäer, Rumänen, Bulgaren, Polen. Einige Polen und Bulgaren sitzen zusammen an einem Tisch, unterhalten sich, keiner spricht ein Wort deutsch. Sie kommen regelmäßig. Auch Alexander, 28 Jahre alt, ist Stammgast am Ostbahnhof. Er ist einer der wenigen Gäste, die eine Wohnung haben. Anorak, Mütze, Jeans, Stiefel, seine Kleider sind weder schmuddelig noch abgetragen, sein Blick ist stier.

"Na, ja, ich mein, der Kaffee kostet 50 Cent und wenn man gar nichts hat, dann kann man sich immer noch über ein geschenktes Brötchen freuen."

Eine Dusche gibt es nur am Ostbahnhof 

Die Bahnhofsmissionen am Ostbahnhof und am Zoo strukturieren seinen Tag. Er frühstückt am Ostbahnhof und isst mittags in der Bahnhofsmission am Zoo. Viele machen das so, sagt er, gießt sich Tee ein und häuft belegte Brote auf einen Teller. Nur hier am Ostbahnhof gibt es eine Toilette und sogar eine Dusche. Die Fixer, sagt Ursula Czaika, gehen woanders hin. Czaikas Lieblingsplatz ist neben dem Teekocher auf dem Weg zur Toilette. Hier kann sie leicht ein Gespräch beginnen.

"Wir fragen, wenn jemand, ein, zweimal uns auffällt, ein neues Gesicht, wo kommen Sie denn her, wo haben Sie denn letzte Nacht geschlafen? Über diese Schiene kommt man dann an Probleme ran, man kann besser vermitteln, man kann besser beraten und längerfristig nach einer Lösung gucken."

Für die Menschen da zu sein, bedeutet ihr alles. Im Moment unterhalten sich alle ruhig, keine aufgeregten Stimmen, keine Pöbeleien, kein Gedränge.

"Diese Atmosphäre ist genial und das Schöne ist, hier wird auch der Kaffee ausgeschenkt, hier warten die Gäste darauf, dass sie auf die Toilette gehen können. Das ist ein Anknüpfungspunkt, das ist so ganz unauffällig, das ist total frei. Gar nicht, jetzt muss ich mich mit der Frau unterhalten. Nee, hier kommt man einfach so locker ins Gespräch, das ist die Küche, die Küche halt."

Im Aufenthaltsraum sitzen Isi und Tobias und frühstücken. Ursula Czaika nickt den beiden freundlich zu, man kennt sich. Isi, 17 Jahre alt, hat ein hübsches rundes Gesicht, braune Augen, kurz geschnittene Haare. Sie kaut genüsslich an einem Käsebrot, wärmt sich zwischendurch die Hände an der heißen Teetasse. Sie erzählt, dass sie vor einem Monat von zu Hause abgehauen ist, sich aus dem Fränkischen Nürnberg bis nach Berlin durchgeschlagen hat.

"Also meine Eltern wissen auch Bescheid, dass ich hier bin. Meine Mutter ist in der Psychiatrischen und mein Papa weiß Bescheid, auch das Jugendamt und die Polizei. Ich will runter von der Straße, es sind jetzt noch vier Wochen, dann bin ich volljährig und dann komme ich in eine Wohnung, wahrscheinlich."

Noch ist ihr Gesicht nicht vom Leben auf der Straße gezeichnet, dabei hat sie Menschen erlebt, die auf der Straße gestorben sind. Täglich begegnet sie denen, die sich mit Alkohol und Drogen betäuben, um das Leben draußen irgendwie zu ertragen.

"Keiner geht umsonst auf die Straße, jeder hat seine Vergangenheit, weshalb er draußen lebt."

Isi hat noch Träume und einen mittleren Schulabschluss in der Tasche.

"Ich will ja meine Schule fertig machen, Medizin studieren, irgendwann nach Afrika als Ärztin gehen, so was, ja."

Nach dem Frühstück wird sie mit ihrem Freund schnorren gehen, zwei Stunden verbringen die beiden bei einem Verein, der sich um Straßenkinder kümmert und den Rest des Tages? Wir sind unterwegs, sagt die 17-Jährige und zieht ihren Anorak an. Außerdem suchen beide einen neuen Schlafplatz.

"Jetzt wurde unsere Platte geräumt. Sonst waren wir am Hauptbahnhof, jetzt ist unser Lager weg, heute müssen wir etwas Neues suchen. Heute wissen wir noch nicht, wo wir schlafen."

Es gibt für alles eine Lösung, so lautet das Credo von Ursula Czaika, der Leiterin der Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof. Jeder Tag, an dem wir es schaffen, einen Wohnungslosen von der Straße zu holen, ist ein guter Tag. Sie möchte, dass die Menschen nachdenken, sich Fragen stellen.   

"Müssen sie denn auf der Straße sein, gibt es denn nicht doch eine Lösung für dieses Problem, ich weiß nicht weiter, da will ich nicht zurück, wo ich herkomme, das ist das Ziel dieser Einrichtung."

Hier ist ein persönliches Gespräch durchaus möglich. Bei der Bahnhofsmission am Zoo herrscht dagegen rund um die Uhr Massenbetrieb. Stricherjungs, Kinderprostituierte und Fixer prägen das Image am Bahnhof in der City West. Wer kennt es nicht, das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Auch heute steht die Jebenstraße hinter dem Gebäude für soziales Elend. Mittendrin zwischen den Edelboutiquen auf dem Kurfürstendamm und dem prächtigen Waldorf Astoria, sterben Menschen auf der Straße. Auch die 50 Ehrenamtlichen bei der Bahnhofsmission am Zoo können das nicht verhindern.

Ohne Ehrenamtliche und Spenden ginge nichts

Dieter Puhl leitet die Bahnhofsmission am Zoo. Der Mann mit buntem Schal, Schiebermütze und Jeans ist unablässig für seine Gäste im Einsatz. Immer denkt er an Spenden für die fast 700 Menschen, die jeden Tag Hilfe suchen. Der Berliner Senat finanziert - wie in allen Bahnhofsmissionen - die wenigen festen Stellen, die Räume stellt die Deutsche Bahn mietfrei zur Verfügung. "Trotzdem, ohne die vielen Ehrenamtlichen und die Spenden wären wir aufgeschmissen", sagt Puhl. Es ist kurz nach eins, Mittagszeit. Vor der Tür stehen die Menschen bereits Schlange. Aber noch schmieren die beiden Rentnerinnen Elisabeth und Marlies hinter dem Tresen die letzten Brote. Bald wird zwischen den 50 Stühlen in der Kantine kein Platz mehr sein. Dieter Puhl steht im Vorratsraum direkt hinter dem Esssaal und schiebt ratlos seine Mütze in den Nacken. In den Regalen stapeln sich vor allem Kaffee, Brot und H-Milch.

"Ich glaube, das ist in ganz vielen Einrichtungen so. Bis Weihnachten werden sie von ganz vielen Menschen bedacht und nach Weihnachten im Januar ist das unheimlich rückläufig und wenn ich jetzt hier in die Lebensmittelkammer sehe, dann frage ich mich, wie wir jetzt in zwei drei Tagen, 600 Menschen satt kriegen sollen. Die Berliner Tafel hilft uns jeden Tag ganz toll, aber es ist eng."

Er öffnet einen fast leeren Kühlschrank . Margarine, Schmalz, Marmelade, Zucker, Käse, Reste von Buffets, bei der Bahnhofsmission am Zoo sind vor allem Lebensmittelspenden gefragt. Dreimal täglich ist Essensausgabe. Geöffnet ist 24 Stunden täglich auch an Feiertagen.

"Wir hatten vor drei Jahren 400 Gäste, das sind jetzt oft fünf-, sechshundert und mehr. Damit kommen wir an viele Grenzen. Es haben in Berlin in den letzten Jahren keine neuen Einrichtungen aufgemacht, bei jährlichen Zuwachsraten von zehn bis 15 Prozent."

Immer häufiger kommen schwangere Frauen, die auf der Straße leben, auch mal Familien mit Kindern, die nicht wissen wohin. Reden, zuhören, beraten, vermitteln - mehr können die Ehrenamtlichen nicht tun. Alle tragen ein Schild mit ihrem Vornamen und das Logo der Bahnhofsmission. Es sind Menschen wie Manfred. Der große kräftige Berliner ist früher als Fernfahrer durch ganz Europa getourt. Seit zwei Jahren arbeitet er regelmäßig am Zoo. An diesem Tag steht er an der Tür und passt auf. Er kennt die Gäste, es sind fast nur Männer, fast alle wohnungslos, 60 Prozent sind psychisch krank, viele haben Probleme mit Alkohol und Drogen. Nur zehn Nummern dürfen gleichzeitig rein zum Essen, ansonsten ist Chaos, sagt Manfred, deutet mit ausladenden Armen in die Warteschlange und ruft.

"60 bis 70, 65 jawoll, macht mal den unter 70 ein bisschen Platz! 94, dauert noch einen Moment! 68 jawoll …"

Er kommt mindestens einmal pro Woche. Immer wieder öffnet er die Tür, nimmt Spenden entgegen, einen Anorak, Decken, Rucksäcke.

"Ich hatte 2010 einen Burnout und habe mich hier im Kopf wieder hochgearbeitet. Was vorher so down war, ist viel besser geworden, das macht schon Spaß."

Hier hat er erfahren, dass es anderen sehr viel schlechter geht, seitdem fühlt er sich motiviert zu helfen. Im Essraum hängt der Geruch von Wärme, ungewaschenen Kleidern und Essen in der Luft. Auch Lutz hat an diesem Tag Dienst. Er hat in seinem früheren Leben als Manager gearbeitet. Eine schwere Krankheit vor vier Jahren hat ihn zur Bahnhofsmission gebracht.

"Ich hatte einen Zettel genommen und aufgeschrieben, wenn das nichts Ernstes ist, dann gehe ich fünfmal in die Bahnhofsmission und so bin ich dann, als ich den Befund hatte, hierher gegangen, habe mich hier vorgestellt, habe niemandem gesagt, wer ich wirklich bin und habe dann angefangen, hier mitzuarbeiten."

Seitdem ist er dabei, arbeitet mit Schülerpraktikanten, mit Männern und Frauen, die sich gemeinsam engagieren.

"Ich bin hier geerdet worden wie noch nie in meinem Leben. Ich habe hier Menschen getroffen, eine Mannschaft, die etwas für andere tut. Das hat mich damals so beeindruckt, ich hätte das nie für möglich gehalten, dass die Not in Berlin so groß ist."

Die Engel vom Bahnhof Zoo

Wie schrecklich das Schicksal auf der Straße sein kann, dafür steht die traurige Geschichte von Janek. Lutz läuft an den Wartenden vor der Tür vorbei, den Fußweg entlang, bleibt vor einem spirgeligen Baum stehen. Die elf Fähnchen, die im Wind hängen, sind kaum zu erkennen. Auf einer Fahne in den polnischen Landesfarben steht der Name Janek. Janek, der wochenlang auf einem U-Bahnschacht lag, bis er bei lebendigem Leib verfault ist, so erzählen es die, die dabei waren.

"Janek schaffte es nicht mehr bis zu uns, wir haben ihm dann was zu essen gebracht aber er wollte auch nicht ins Krankenhaus. Es gibt eine Unmenge an Geschichten hier."

Drinnen beim Essen sind inzwischen neue Gäste eingetroffen. Jacqueline kaut an einem Wurstbrot. Sie ist bunt gekleidet, trägt mehrere Röcke übereinander, Schal und dicken Pullover. Ihre Habseligkeiten hat sie in einem Kinderwagen verstaut. Die Frau Mitte vierzig lebt auf der Straße. Ihre Geschichte ist wirr und bleibt unverständlich. Typisch für viele, die regelmäßig zur Bahnhofsmission am Zoo kommen. Dabei ist Jacqueline freundlich und ohne jede Aggression.

"Die meisten, die hierher kommen, die wollen gar nicht kommen, müssen es aber, weil sie aus kleinen Verhältnissen kommen. Entweder klein gespielt durch irgendjemand oder irgendwelchen Dingen verfallen. Also ich für meinen Part bin Multikulti-Mama, aus der DDR damals ausgereist, menschenrechtlich geschädigt durch links und zersetzt."

Sie strahlt, löffelt Joghurt und erzählt ihre Geschichte wieder und wieder. Am Nebentisch sitzt ein alleinstehender Frührentner. Auch er ist redselig. Früher hat er als Lackierer gearbeitet. Der trockene Alkoholiker fürchtet nichts mehr als einen Rückfall. Dieter Schmidt lebt von Hartz IV, gerade so, sagt er. Wenn er mit den anderen in der Bahnhofsmission am Zoo isst, muss er nicht alleine in der einsamen Einzimmerwohnung sitzen.

"Nahrung und Kontakte, die kriege ich automatisch hier, weil man immer meint, es kommen die gleichen Leute und ich bin ein kontaktfreudiger Mensch und verbinde das Angenehme mit dem Nützlichen."

Der Frührentner schiebt das letzte Brot in den Mund, bedankt sich für das Gespräch und nickt den Ehrenamtlichen freundlich zu. Sie sind die Engel vom Bahnhof Zoo, sagt er und lächelt.

"Ich freue mich immer, dass es hier ein Brot gibt oder ne Suppe und wenn es keine Suppe gibt, dann gibt es eben noch ein Brot, das ist egal, kein böses Wort."

Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission, sitzt in seinem winzigen Arbeitszimmer am Schreibtisch. Gleich drei private Spender hat er an diesem Tag durch die Räume geführt, ihnen die Notübernachtung, die Kleiderkammer, die Kammer mit den Lebensmitteln, die Kantine gezeigt. Eine gute Bilanz in einer Straße, die noch immer einen schlechten Ruf hat. Ein Ruf, der wohl für immer mit dem Namen von Christiane F. und den Kindern vom Bahnhof Zoo verbunden ist.

"Kinderstrich gibt es nicht mehr, Gott sei Dank, am Anfang der Straße stehen abends ein, zwei osteuropäische Männer, die sind aber nicht mehr 14, sondern 22 und 23. Der jüngste Mensch, der hier in der Jebenstraße an Drogen gestorben ist, soll 10 Jahre alt gewesen sein. Das erzählen mir Kollegen, Polizeibeamte, die damals da gearbeitet haben. Ich bin froh, dass wir das nicht mehr haben."

Er beschreibt die Bahnhofsmission in der City West als Tanker im System der Sozialarbeit rund um den Bahnhof Zoo. Da gibt es Hilfe für Straßenkinder, Drogenabhängige, Wohnungslose, medizinische Notversorgung, einen Wohnwagen, in dem die Obdachlosenzeitung der Straßenfeger verkauft wird. Für viele auf der Straße eine Möglichkeit, um nicht betteln zu müssen. Gewöhnliche Reisende mit gestohlener Geldbörse oder ohne Ausweis sind in der Bahnhofsmission am Zoo eher die Ausnahme. Ganz anders am Berliner Hauptbahnhof.

Der milliardenteure Prestigebau gegenüber vom Bundeskanzleramt wurde gerade rechtzeitig zur Fußball-WM vor acht Jahren eröffnet. Täglich sind unter dem lichtdurchfluteten Glasdach mindestens 300.000 Reisende und Besucher unterwegs. Etwa 200 suchen Tag für Tag Hilfe bei der Bahnhofsmission. Ingulf Leuschel von der Deutschen Bahn erklärt, wieso der Konzern die Bahnhofsmissionen mit mietfreien Räumen und großzügigen Geld- und Sachspenden unterstützt. Er steht in der Haupthalle des Bahnhofs.

"Wir haben in allen Ballungsgebieten in allen Großstädten weltweit heute Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, warum auch immer, selbstverschuldet oder viele haben ja auch einfach Pech im Leben, wie es so ist, und wir verschließen uns nicht davor, wir wollen auch diesen Menschen helfen."

Orientierungshilfe in Europas größtem Kreuzbahnhof

Janina Jonietz sitzt im sogenannten Raum der Stille. An der Wand steht ein meterhohes einfaches Holzkreuz. Die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof wird von dem ökumenischen Träger In Via und der Stadtmission betrieben. Das Ambiente ist edel. Helle Wände, moderne bequeme Stühle, ein Bücherregal. Durch das fingerdicke Glas kann Janina Jonietz die Reisenden beobachten. Geldbörse gestohlen, Fahrkarte weg, Hose kaputt, allein und hilflos, wir kümmern uns um alles, sagt sie.  

"Viele Menschen brauchen Orientierung in diesem Bahnhof, weil sie verunsichert sind durch die vielen Treppen und Aufzüge, die irgendwohin führen und wenn man nicht weiß wohin, ist es natürlich schwierig, den richtigen zu finden. Es ist sehr oft so, dass die Personen zu uns kommen, sich hinsetzen und wenn man die erstmal fragt, ja, ich möchte nur zur Ruhe kommen, ich möchte ein bisschen Wärme und dann gehe ich wieder."

Getränke stehen immer auf dem Tisch, zu essen gibt es hier am Hauptbahnhof nichts. Drogen-  und Alkoholkranke sind eher die Ausnahme. Gefragt sind klassische Reisehilfen, beim Umsteigen, bei der Orientierung in Europas größtem Kreuzungsbahnhof oder einfach beim Fahrkartenkauf. Im Aufenthaltsraum sitzen eher die gut Gekleideten. Dieser Reisende aus Bayern, wartet ganz einfach auf seinen Zug.

"Ich halte mich hier auf, damit ich nicht im kalten Zug sitze, ich habe noch eine Stunde Zeit, ehe mein Zug fährt. Woanders muss ich überall was verzehren und deswegen komme ich hier zur Mission, hier muss ich nicht was verzehren, hier kann ich mich so hinsetzen."

Hilfe beim Ein- und Aussteigen ist am Hauptbahnhof Alltag für die Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission. Ein besonderer Service heißt "Kids on Tour“. Ben, ehemals als Banker tätig, sortiert die Unterlagen für diesen Freitag. Gegen einen Aufpreis, begleiten die Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission minderjährige Kinder auf Reisen. Zoe, Felicia, Anna und Lewis fahren nach Hamburg. Der Zehnjährige will seinen Vater besuchen.

"So Lewis, deine Tickets, Bahncard hast du ja, bist ja Profi und schon öfter gefahren, weißt also wie das läuft, wunderbar. Dann sind das deine Sachen für die Rückfahrt. Da die Eltern die Kinder nicht zum Zug begleiten dürfen, werden wir sie dann aufrufen und gehen in einer Art Karawane zum Zug und die Eltern winken hier nochmal, das war es dann eigentlich auch."

Die Mutter ist begeistert.

"Man gibt ihn hier ab und in Hamburg wird er dann vom Papa abgeholt und genauso fährt er wieder zurück und dann holen wir ihn wieder ab. Ganz toll, man braucht sich keine Sorgen machen, es ist gut betreut, schön."

Der ehemalige Banker hat die Unterlagen verteilt, alle Kinder sind da, die Reise mit den Begleitern der Bahnhofsmission kann beginnen.

"So, Kiddy-Karawane angetreten? Haben wir alle, vier müssen wir sein, eins, zwei, drei und vier. Los geht´s ein schönes Wochenende dann, Tschüss!"

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