Montag, 24.06.2019
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 08.06.2016

Ankauf von Firmenanleihen "Am Ende des Tages ist das ordentlich, was die EZB macht"

Korbinian Frenzel im Gespräch mit Hermann-Josef Tenhagen

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Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Magazins "Finanztip". (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Magazins "Finanztip". (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Um die Inflation anzuheizen, will sich die Europäische Zentralbank (EZB) zum Gläubiger von Unternehmen machen. Hermann-Josef Tenhagen, der Chefredakteur von "Finanztip" erklärt, was dieser Schritt der EZB für deutsche Verbraucher bedeutet.

Korbinian Frenzel: Wenn ich Ihnen sage, die EZB, die Europäische Zentralbank will sich darum kümmern, dass es endlich wieder mehr Zinsen gibt auf ihr Erspartes, dann finden Sie das bestimmt nicht verkehrt. Wenn ich Ihnen sage, die EZB will die Inflation anheizen, also dafür sorgen, dass die Preise steigen – was sagen Sie dann? Es sind ganz offenbar zwei Seiten ein- und derselben Medaille, oder vielleicht besser gesagt, Münze. Wir haben zu wenig Inflation in Europa, deswegen werden die Frankfurter Banker heute beginnen, noch mehr einzugreifen, nicht nur Staatsanleihen zu kaufen, sondern direkt Unternehmensanleihen. Das klingt technisch. Wir machen es praktisch, und das tun wir mit Hermann-Josef Tenhagen, dem Chefredakteur vom "Finanztip". Einen schönen guten Morgen!

Hermann-Josef Tenhagen: Guten Morgen!

Frenzel: Ist das Big Business, oder hat es irgendetwas mit dem, sagen wir mal, normalen Verdiener, mit ein paar Euro auf der hohen Kante, hat das was mit uns zu tun?

Tenhagen: Es hat eine Menge mit uns zu tun, weil das eigentliche Ziel tatsächlich der Europäischen Zentralbank ist, dass wir wieder eine Inflation von zwei Prozent bekommen. Und eine Inflation von zwei Prozent wünschen sich die Banker, die das dann technisch sehen, weil dann einigermaßen sichergestellt ist, dass die Leute, weil sie wissen, die Preise steigen, jetzt kaufen und nicht erst nächstes Jahr oder übernächstes Jahr. Das ist deren Vorstellung davon. Und um das voranzutreiben, möchten sie gern, dass die Wirtschaft investiert, und deswegen kaufen sie jetzt auch noch Unternehmensanleihen und machen für Unternehmen, die investieren wollen, das besonders billig.

Frenzel: Ist es realistisch, dass das klappt? Die bisherigen Erfolge der EZB-Anlagekäufe, die waren ja eher übersichtlich.

Tenhagen: Ich glaube, für den deutschen Markt ist es nicht zentral wichtig, weil in Deutschland, wenn man ein Unternehmen aufmachen will, kann man Geld bekommen, wenn man investieren will, kann man dieses Geld bekommen, und man kann es auch preiswert bekommen. Für Südeuropa, Spanien, Portugal, vielleicht auch Italien und Frankreich, ist das schon bedeutender, dass die Firmen dort billig Geld bekommen, damit sie investieren. Und die haben ja immer noch eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent zum Beispiel in Spanien. Und da muss man sehen, dass die Europäische Zentralbank ja nicht nur im Namen "Europäisch" heißt, sondern tatsächlich auch da zuständig ist.

Frenzel: Wenn wir noch mal vergleichen, der Ist-Zustand, das, was sich die EZB wünscht – der Ist-Zustand, der ist doch eigentlich gar nicht so verkehrt. Wir haben zwar niedrige Zinsen, aber wir haben eben auch kaum steigende Preise, Immobilien kann man mit relativ günstigen Krediten kaufen. Wo ist da eigentlich das Problem?

Tenhagen: Wir haben ja in Deutschland im Augenblick auch nicht das Problem. Ich habe eben gesagt, das ist die Europäische Zentralbank. Wir haben in Südeuropa nach wie vor das Problem, und wir haben im ganzen Euro-Raum eine Inflation von Minus 0,1 Prozent gehabt letzten Monat. Und da liegt sozusagen die Hauptbegründung dafür, dass die EZB da einsteigt und da was tut. Und weil unsere deutschen Unternehmen ja gern auch im Rest von Europa verkaufen, gerade mit ihrer Konkurrenzfähigkeit, ist das so mittelfristig auch für uns eine Herausforderung. Und was die Zinsen für uns als Kunden angeht, da ist die Hauptherausforderung, zur richtigen Bank zu gehen. Sie können heute in Deutschland auf ein Tagesgeldkonto ein Prozent bekommen, Standard ist 0,01 Prozent, also ein Hundertstel. Oder Sie können hundertmal so viel Zinsen kassieren, wenn Sie zur richtigen Bank gehen. Wenn die Leute das noch nicht tun, dann ist das eigentlich schade, weil bei der Deutschen Bank, um das mal zu sagen, da liegen hundert Milliarden Euro herum von Kunden mit 0,01 Prozent Zinsen in den meisten Fällen. Die Kunden lassen sich eine Milliarde im Jahr entgehen.

Frenzel: Bleiben wir mal vielleicht in diesem Bereich. Was raten Sie denn? Also, okay – Zinsvergleich, das ist das eine – ist das alles?

Wenn Baufinanzierung – dann jetzt 

Tenhagen: Das andere ist, wenn man jetzt eine Baufinanzierung machen will, dann kann man die jetzt preiswert machen. Man muss sich aber nicht eilen. Die Europäische Zentralbank hat gesagt, sie geht davon aus, dass diese Zinsen die nächsten paar Jahre, also mindestens 2018, eher Richtung 2020 sehr niedrig bleiben. Und von daher, wenn man jetzt eine Baufinanzierung machen wollte, sollte man eher ein bisschen genauer nach dem Preis gucken und nicht jedes Angebot, bloß weil die Zinsen billig sind, nehmen. Im Augenblick sehen wir, wenn wir uns umgucken, vor allen Dingen dieses Problem, dass die Leute eher zu hohe Preise bezahlen, wenn man das dann mit Mieten wieder refinanzieren wollte. Und wenn das mit Mieten nicht finanziert werden könnte, dann spekuliert man im Grunde mit seiner Wohnung. Wenn man das Geld dann dafür über hat, ist es ja in Ordnung, wenn man spekuliert. Aber wenn es zum Beispiel die einzige Altersvorsorge ist, sollte man damit nicht spekulieren, sondern eher etwas kaufen, wo man einigermaßen sicher ist, wenn man es vermieten müsste oder wenn man es vermietet, die Miete auch im Lauf der Zeit den Wohnungspreis bezahlt.

Frenzel: Es gibt ja manche, die sagen, da ist so was wie eine Blase am Entstehen am Immobilienmarkt. Würden Sie so weit gehen?

Tenhagen: Na ja, Blase – ich bin mit "Blase" immer vorsichtig, aber wenn Leute in Städten wie in Berlin 4.000 Euro pro Quadratmeter zahlen, und wir haben gleichzeitig Mieten, die offiziell unter zehn Euro liegen müssen, und wenn man neu vermietet, also wenn man neu gebaut hat, dann kann man vielleicht 15 oder 18 erzielen – das reicht vorne und hinten nicht, um diese 4.000 Euro zu bezahlen. Das heißt, man spekuliert im Grunde darauf, dass man diese Wohnung in zehn Jahren noch mal teurer verkauft. Und solche Spekulationen sind natürlich ein bisschen Blase, weil stellen wir uns vor, die Wirtschaft läuft die nächsten Jahre nicht so gut. Dann wird man Schwierigkeiten haben, diesen höheren Verkaufspreis dann wirklich auch zu erzielen. Unsere Eltern wissen das alles schon von den Häusern, die sie sozusagen in den Vorstädten mal irgendwann gekauft haben, die heute nicht unbedingt das wert sind, was sie da reingesteckt haben.

Immer die gleichen Zyklen?

Frenzel: Das mit den Eltern, mit dem Hinweis ist ganz interessant, Herr Tenhagen, bringt mich auf die Frage: Erleben wir da eigentlich immer die gleichen Zyklen, die gleichen, wiederkehrenden Veränderungen, hohe Zinsen, niedrige Zinsen, und können uns eigentlich entspannen und sagen, das wird schon?

Tenhagen: Wir erleben insofern immer die gleichen Zyklen, dass, wenn alle Leute auf einmal bauen  wollen oder kaufen wollen, die Preise hoch gehen, und das dann nachher, also wenn man seine Geldanlage betrachtet, nicht so eine gute Idee war. Eine gute Idee, etwas zu tun, ist immer – so ein Stück weit muss die antizyklisch sein. Wenn man mit der Masse entlangläuft, kann das kein super Geschäft werden.

Frenzel: Und jetzt noch mal ganz kurz der Blick auf die große Politik, Stichwort antizyklisch: Ist das, was die EZB macht, dann klug, auch für Deutschland? Sie haben ja gesagt, eigentlich machen sie es vor allem für Südeuropa.

Tenhagen: Für Deutschland ist es sozusagen insoweit klug, als wir mit Europa halt extrem gut gefahren sind. Stellen wir uns mal vor, dieses mit der EZB, also mit dem Euro, würde nicht klappen, dann hätten die deutschen Exportunternehmen, ganz erheblich mehr Probleme. Wir hätten nicht so einen tollen Arbeitsmarkt, und wir würden nicht als Lokomotive dastehen. Ich glaube, am Ende des Tages ist das ordentlich, was die EZB macht. Der einzige Punkt dabei ist, es braucht dann auch Reformen, gerade auch in Südeuropa. Und wenn das mit den Reformen nicht vorangeht innerhalb Europas, dann ist die Zeit, die die EZB für uns alle kauft, dann wird die nicht reichen, um das Problem am Ende des Tages zu lösen.

Frenzel: Hermann-Josef Tenhagen vom Onlineverbraucherportal "Finanztip". Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Tenhagen: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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