Hörspielmagazin, vom 29.10.2019, 20:10 Uhr

Angst im HörspielWie entsteht das Gruseln?

Ein Schritt, eine Tür knarzt, ein Schrei. Das sind Geräusche, die, wenn sie richtig inszeniert sind, dem Zuhörer eine Gänsehaut über den Rücken jagen können. Aber wie macht man es denn nun richtig? Und welche Zutaten braucht ein gutes Grusel-Hörspiel?

Schauspieler Boris Karloff, 1935 in "Frankensteins Braut"  (imago stock&people (The Legacy Collection))
Horror hat in Film, Literatur und Hörspiel eine lange Tradition (imago stock&people (The Legacy Collection))

"Ich brauche gar nicht viel machen. Das ist jetzt wirklich ein Ton in einer Oktave. Aber dadurch, dass der schwebt, entsteht schon so was wie: 'Hä, was geht hier los?'. Und wenn ich jetzt einen Spannungston dazunehme, dann haben wir eigentlich das schon mit sehr sehr simplen Mitteln, was Angst oder Unbehagen auslösen kann."

Loy Wesselburg sitzt in seinem Studio in Köln-Ehrenfeld am Keyboard. Das Instrument ist direkt mit einem Computer verbunden – darauf eine schier unendliche Sounddatenbank. Der Filmkomponist mit Hörspielerfahrung erklärt, wie er durch Musik und Sounds Spannung und Unbehagen bei den Zuhörern erzeugt.

"Ich überlege oft stundenlang, welche Klangfarbe ich benutze, wie die Geschwindigkeit eines Stücks sein muss, wie die Harmonik sein soll. Wie viel Melodie? Ist auch noch ein wichtiger Faktor. Oft sind diese atmosphärischen Dinger fast wirkungsvoller als zu viel Melodie."

"Ich habe ein gemaltes Bild im Kopf"

Spielt eine einfache Tonfolge auf dem Klavier

"Das ist eher so eine fortschreitende, nach vorne gehende Geschichte, wo man aber auch weiß, da ist Gefahr im Verzug. Das ist was anderes, als wenn man mit demselben Ton oder sogar beschleunigend..., dann nähert sich automatisch was."

Wesselburg hat nicht nur die Musik für den "Tatort" geschrieben – auch für den Sound des erfolgreichen Hörspiels "Der Schwarm" nach dem gleichnamigen Roman von Frank Schätzing ist er verantwortlich.

"Um möglichst präzise arbeiten zu können, stelle ich mir die Szene, die erzählt wird, exakt vor. In meinem Kopf weiß ich, kommt der Wal von rechts, kommt der von links? Wie schnell schwimmt der, springt der raus? Wo sind die Personen? Wie sieht das Meer aus in dem Zusammenhang? Ich habe wirklich wie ein gemaltes Bild, wie ein Film im Kopf und damit kann ich dann auch musikalisch umgehen."

Loy Wesselburg dirigiert eines seiner Werke (Privat)Der Komponist Loy Wesselburg nutzt Musik, um Angst und Spannung zu erzeugen (Privat)

Aber nicht nur instrumentale Musik ist wichtig, um eine spannungsgeladene Atmosphäre zu erzeugen.

"Geräusche haben eine psychologische Wirkung, wenn sie klug eingesetzt werden und deswegen haben sie eigentlich die gleiche Funktion für mich wie Musik."

"Mit Angst kommt man nicht weit"

Musik spielt sowohl im Film als auch im Hörspiel eine wesentliche Rolle bei der Inszenierung von Angst und Grauen. Das sieht auch Jörg Buttgereit so. Ich treffe den Horror- und Splatterfan im Studio in Berlin, wo er gerade ein neues Hörspiel produziert.

"Ich lasse mir Musiken schreiben, die an Filmsoundtracks erinnern – oder ich benutze die Filmsoundtracks. Da hat man natürlich gleich so einen Teppich oder 'ne Atmosphäre – man nimmt einfach tolle Musik und dann hat man das (lacht)."

Ausschnitt Hörspiel "Ed Gein":
Erzähler: Die Geschichte, die Sie jetzt hören, ist wahr und hat sich 1957 hier in dem kleinen 652-Seelenort Pleinfield in Wisconsin zugetragen. [Sound Schaufel] Dies ist die Geschichte von Ed Gein. Dem Schlachter von Pleinfield. Dem Ghul, dem Grabräuber, Menschenfresser, der seine Mutter mehr liebte als alles andere auf der Welt.

Undatierte Aufnahme des amerikanischen Mörders Ed Gein. Seine bizarren Morde und Grabschändungen dienten dem Thriller-Regisseur Alfred Hitchcock als Vorlage zu seinem Film "Psycho" (1960). | (picture-alliance / dpa)Ed Gein (picture-alliance / dpa)"Also, bei Ed Gein geht es ja um Verlustängste sehr viel. Das ist ja ein gestörter Mensch gewesen, der nicht damit zurechtgekommen ist, dass seine Mutter plötzlich weg war. Ich glaube, damit kann sich jeder identifizieren. Man kann zwar sagen, die Sachen, die der gemacht hat, sind total krass. Aber den Ursprung, den Kern von diesem Wahnsinn, den versteht man schon. Und das ist das Gruselige."

Obwohl sich Jörg Buttgereit in seinen Film- und Hörspielarbeiten intensiv mit Horror- und Gruselszenarien auseinandersetzt, sagt er von sich selbst, dass er mit seinen Hörspielen gar nicht vorrangig Angst beim Publikum hervorrufen will.

"Mit Angst kommt man ja nicht weit. Mit Angst verschreckt man die Leute ja eher. Das Unangenehme und vielleicht sogar Pädagogische in meiner Herangehensweise ist eben, dass ich die Leute dazu bringen will, Sachen wiederzuerkennen in Figuren, zu denen sie sich eigentlich nicht hingezogen fühlen."

Zwischen Grauen und unfreiwilliger Komik

Und manchmal treibt er es auch so weit, dass ursprünglich unheimliche Personen wie Graf Dracula oder Hitler zu fast schon liebenswerten Witzfiguren werden. Wie zum Beispiel im Hörspiel "Captain Berlin vs. Dracula". Gute Autoren setzen das Mittel der Persiflage ganz bewusst ein. Nathalie Szallies, Redakteurin beim Radiosender 1Live, weiß aber auch, dass Horror manchmal unfreiwillig ins Komische abdriften kann.

"Unfreiwillige Komik entsteht häufig dadurch, dass jemand sagt: 'Oh nein, das Monster, es ist riesengroß und sehr furchterregend. Es hat so große, lange Zähne.' Deshalb: Wenn es ernsthafter Horror sein will, dann würde ich immer sagen, das können wir leider nicht machen."

Die Hörspielredakteurin und -dramaturgin Natalie Szallies in einem WDR-Studio im November 2014 (WDR / Sibylle Anneck)Als Hörspieldramaturgin achtet Natalie Szallies darauf, dass der Horror nicht ins unfreiwillig Komische abrutscht (WDR / Sibylle Anneck)

Horror, da sind sich alle drei Hörspielmacher einig, entsteht oft ganz subtil und durch Auslassungen, die die Imagination der Hörerinnen anregen. Deshalb besteht der Job der Hörspieldramaturgin Nathalie Szallies auch hauptsächlich darin, darauf zu achten, dass die Geschichte schlüssig ist und der Spannungsbogen funktioniert.

"Das haben die meisten Autoren natürlich auch von vornherein schon drauf. Aber ich finde, manchmal sind sie zu ausufernd, es plätschert zu sehr vor sich hin. Dann bin ich immer gerne jemand, der sagt: Nein, wir brauchen hier mehr Tempo. Oder auch: Wir verraten das hier nicht schon an der Stelle. Oder ich finde es auch immer wichtig, dass es logisch ist. Weil ich verliere sofort die Spannung, wenn ich das Gefühl habe, das passt alles gar nicht zusammen, das ist komplett unlogisch. Deshalb ist es mein Job, zu gucken: Kriege ich wirklich Angst dabei? Die Autoren haben ja manchmal selbst eine Art Betriebsblindheit, wenn sie Wochen und Monate an so einem Manuskript arbeiten."

Horror - ein Genre aus der Schmuddelecke

Bleibt nur noch die Frage, warum im Radio - verglichen mit Kino und Literatur - doch eher wenige richtig gruselige Hörspiele laufen? Jörg Buttgereit sagt:

"Also, die Hemmung gibt es ja überall. Die gibt es aber auch speziell in Deutschland, das ist das Problem. Weil ja Horrorfilme hier, eigentlich bis gestern noch, als Schmuddelkram verschrien waren, mit Verboten belegt und so weiter. Auswirkungen davon sind natürlich auch in den Redaktionen der Hörspielproduzenten zu finden."

Nathalie Szallies betont aber auch, dass aus Rücksicht auf den Jugendschutz die richtig harten Hörspiele erst nach 22 Uhr gesendet werden könnten; und ruft zu mehr Auseinandersetzung mit dem Genre auf:

"Ich habe da erst mal keine Berührungsängste mit Literatur, die nicht nur die Hochkultur bedient. Und genauso wenig mit einem Genre, was unter dem Verdacht steht, eher platt zu sein. Weil ich glaube, es liegt dann doch daran, wie man es umsetzt, ob es am Ende wirklich platt ist oder vielleicht auch höherwertig daher kommt."

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