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Frühkritik | Beitrag vom 15.05.2020

Angie Kim: "Miracle Creek"Die Last der Mütter

Von Sonja Hartl

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Das Cover von Angie Kims "Miracle Creek" vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund. (Hanser / Deutschlandradio)
Der Roman "Miracle Creek" verbindet komplexe Themen wie Einwanderung und Mutterschaft. (Hanser / Deutschlandradio)

Eigentlich gilt Elizabeth als Mustermutter. Doch dann stirbt ihr Sohn bei einer Explosion, die sie verursacht haben soll. Der Prozess gegen sie ist der Rahmen für Angie Kims vielschichtiges Krimidebüt aus dem Milieu koreanischer Einwanderer in den USA.

Eine Sauerstoffüberdruckkammer explodiert in Miracle Creek, Virginia. Der achtjährige Henry und die fünffache Mutter Kitty sterben durch die Explosion, mehrere Menschen werden schwer verletzt. Ein Jahr später wird Henrys Mutter Elizabeth Ward angeklagt. Sie soll die Explosion verursacht haben, weil sie mit der Sorge um ihren autistischen Sohn überfordert war.

Das ist die Ausgangssituation in Angie Kims vielschichtigem Debüt "Miracle Creek". Sie erzählt von dem Prozess gegen Elizabeth Ward Tag für Tag und aus Sicht verschiedener Charaktere, die durch die Explosion verbunden sind.

Dazu gehören die Patienten, die in der Überdruckkammer die Hyperbare-Oxygenierungs-Therapie gemacht haben – vor allem Mütter von Kindern mit besonderen Bedürfnissen. Die Betreiber der Kammer, die aus Südkorea eingewanderte Familie Yoo. Und Demonstrantinnen, die sich gegen die Therapie von autistischen Kindern stellen. Schnell ist klar, dass alle Figuren dieses Romans etwas verheimlichen. Aus Schuld, Scham oder falscher Rücksichtnahme.

Die Mütter verleugnen Erschöpfung und Überforderung

Der Gerichtsprozess gibt "Miracle Creek" einen Rahmen, in dem Angie Kim von der Erfahrung der Einwanderung erzählt, die bei den Yoos zu einer Entfremdung innerhalb der Familie geführt haben. Insbesondere Tochter Mary ist zutiefst einsam und spürt ebenso wie die Tochter einer zweiten koreanisch-amerikanischen Familie den konstanten Druck, der auf ihr lastet.

Diesen Druck kennen auch die Mütter, die die Therapie machen, um das Leben ihrer Kinder zu verbessen. Sie konkurrieren oftmals miteinander um die beste Sorge und Aufopferung, verleugnen indes Erschöpfung und Überforderung. Die angeklagte Elizabeth galt als herausragendes Beispiel einer "guten Mutter". Doch an dem Tag des Vorfalls hat sie ihr Kind alleine in der Kammer gelassen – und allein deshalb erscheint sie schuldig.

Bemerkenswerte Empathie für die Figuren

Vieles aus "Miracle Creek" hat die Autorin Angie Kim selbst erlebt, aber nicht die biografischen Parallelen sind bemerkenswert: Es ist vielmehr die Empathie, die Angie Kim für ihre Figuren aufbringt. Sie haben sich verfangen in ihren jeweiligen kleinen Lügen und falschen Entscheidungen. Nach und nach wird ein kompliziertes, verstricktes Netz aus Kleinigkeiten enttarnt, die die "für sich genommen vollkommen belanglos waren", jedoch zu der Explosion beigetragen haben.

Dieser feine, detailvolle Aufbau des Romans und der Wechsel der Perspektiven erlaubt es Kim, vielschichtig und facettenreich über komplexe Themen wie Einwanderung und Mutterschaft zu schreiben. Die Wahrheitssuche ist ein langsamer, mühsamer und schmerzhafter Prozess.

Angie Kim: "Miracle Creek"
Übersetzt von Marieke Heimburger
Hanserblau, Berlin 2020
512 Seiten, 22,70 Euro

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