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Interview | Beitrag vom 25.03.2021

Angespannter WohnungsmarktWarum ist neu bauen so teuer?

Ramona Westhof im Gespräch mit Julius Stucke

Baustelle in Berlin. (imaog/photothek/Florian Gaertner)
Neu zu bauen, scheint nicht die alleinige Lösung gegen steigende Mieten zu sein. (imaog/photothek/Florian Gaertner)

Die Mieten steigen - und immer wieder wird argumentiert, vor allem der Bau von neuen Wohnungen könne wirksam und langfristig dagegen helfen. Doch auch der Neubau von Wohnraum wird immer teurer.

Der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen hat seine Bilanz vorgestellt - und diese zeigt, dass das Unternehmen trotz Mietendeckel und Mietpreisbremse gut an seinen vielen Wohnungen verdient. Kritiker machen derzeit gerade die großen Immobilienunternehmen für den angespannten Wohnungsmarkt (mit-)verantwortlich – in Berlin sammelt die Initiative "Deutsche Wohnen und Co enteignen" aktuell Unterschriften für ein entsprechendes Volksbegehren.

Gewinnorientierung von Konzernen und Fonds

Für Susanne Heeg, Professorin für geografische Stadtforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, ist die Gewinnorientierung der Konzerne ganz klar ein Problem: "Es sind vor allen Dingen große Wohnungskonzerne, aber dann im Anschluss gibt es eben auch Fonds beispielsweise, die ähnlich attraktive Zahlen am Ende des Jahres sehen wollen. Weil sie ja entweder ihren Anteilseignern, den Aktienbesitzern oder eben denjenigen verpflichtet sind, die beispielsweise dann die Fonds verwalten."

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Aber auch die Baupreise steigen nach Angaben des Statistischen Bundesamts, und Bauland wird immer teurer. Obwohl die Baukosten in den letzten Jahren gestiegen seien, wolle die Deutsche Wohnen trotzdem auf weitere Neubauten setzen, sagt die Journalistin Ramona Westhof. Das sei immer noch günstiger, als bestehende Wohnungen energieeffizient umzubauen - so sei es in der veröffentlichten Bilanz des Wohnungsunternehmens nachzulesen.

Mit dem Mietendeckel soll das nichts zu tun haben, es sei eine reine Kostenabwägung, heißt es weiter. Allerdings gelte für Neubauten in Berlin nicht der gleiche scharfe Mietendeckel wie für ältere Wohnungen, gibt Westhof zu bedenken. Und gerade in Berlin habe die Deutsche Wohnen die meisten ihrer Wohnungen.

Zu wenig geeignetes Bauland

Ein Faktor, der den Neubau von Wohnungen erschwert, ist der Mangel an geeignetem Bauland. Und dieser Mangel mache das Bauland gleichzeitig auch teurer, sagt Kai Schwartz, Vorstandsvorsitzender der Bielefelder Freien Scholle. Bielefeld habe seit ein paar Jahren einen angespannten Wohnungsmarkt, berichtet Schwartz:

"Alleine die Verfügung von Bauland hat ganz massive Auswirkungen auf die Baukosten. Und das zweite ist natürlich die Regulatorik, aber eben auf der anderen Seite einfach auch das, was man durchaus Boom nennen kann, der die Baupreise in den letzten fünf Jahren so in die Höhe hat schnellen lassen, dass es zunehmend ein Problem wird, das Thema Bezahlbarkeit an dieser Stelle gleichzeitig mit auf dem Schirm zu behalten."

Neue Vorschriften für Neubauten

Noch ein Grund für die steigenden Preise seien auch eine ganze Reihe neuer Vorschriften für Neubauten, wie neue Energiestandards oder Regelungen zur Barrierefreiheit. Laut Schwartz sind diese zwar sinnvoll, sie würden aber mit dazu beitragen, dass Neubauten teurer werden und dementsprechend auch die Mieten steigen.

Genossenschaften, die nicht so stark gewinnorientiert wirtschaften, können laut Schwartz mit den steigenden Kosten anders umgehen als ein Großunternehmen, das permanent schnelle Gewinne vorweisen muss. Bei der Freien Scholle gehe es eher darum, den Mitgliedern nachhaltig guten Wohnraum zu bieten.

Steigende Materialkosten und Löhne

Eine andere Perspektive hat Heinrich Weitz. Er arbeitet für den Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und vertritt einen Teil der größeren deutschen Bauunternehmen. Die Preissteigerungen seien bereits nicht mehr so stark und auch Teil einer normalen Bewegung, betont er.

Ein großer Faktor für die zunehmenden Baukosten seien auch die Löhne, die in den letzten Jahren gestiegen seien. Zum einen, weil es an Fachkräften mangele, aber auch, weil die Löhne vorher zum Teil sehr niedrig gewesen seien. Und auch die Baumaterialien seien allgemein teurer geworden, so Weitz.

"Da sind von 2016 bis 2020 eigentlich alle relevanten Posten für uns zehn bis 15 Prozent teurer geworden. Ob das Sand oder Kies ist – quasi Grund- oder Basisprodukte, ob das Natursteine oder Kalksandsteine sind fürs Mauerwerk, ob das der Einkauf von Transportbeton ist pro Baustelle oder aber Bewehrungsstahl, der im Wohnungsbau verwendet wird."

Trotzdem sieht Weitz hier keinen Zusammenhang zu steigenden Mieten in Ballungsräumen. Der Vertreter der Bauunternehmer verweist in diesem Zusammenhang eher auf die hohen Preise für Bauland.

(raw/jde)

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