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Zeitfragen | Beitrag vom 22.09.2021

Angela Merkel 1991Diese Frau, das unbekannte Wesen

Von Winfried Sträter

Bundeskanzler Helmut Kohl gratuliert seiner neugewählten Stellvertreterin Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag 1991. (picture-alliance / dpa  / Michael Jung)
Bundeskanzler Helmut Kohl gratuliert seiner neugewählten Stellvertreterin Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag 1991. (picture-alliance / dpa / Michael Jung)

Eine kaum bekannte junge Frau aus dem Osten wollte an die Spitze der CDU, 1991. Ungläubiges Staunen in der politischen Szene in Bonn. In einem DLF-Interview mit Angela Merkel 1991 wird die Verblüffung hörbar. Doch Merkel verstand, damit umzugehen.

"Frau Merkel, schneller als Sie kann man einen steilen Weg in der Politik kaum bewältigen." Das stellt der DLF-Moderator zu Beginn seines Interviews Anfang Dezember 1991 fest, erwähnt, dass sie 37 Jahre jung und erst seit einem Jahr CDU-Mitglied sei und antrete, Stellvertretende CDU-Vorsitzende zu werden.

Merkel war bereits Ministerin für Frauen und Jugend in Bonn und war bei dem Versuch gescheitert, sich zur brandenburgischen CDU-Vorsitzenden wählen zu lassen. Der DLF-Moderator will daher von ihr wissen, mit wie vielen Gegenstimmen sie beim Bundesparteitag rechne.

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Merkel lässt sich von dieser Frage nicht beeindrucken: Sie habe in Brandenburg viel gelernt, auch über Parteistrukturen: "Und ich hab auch gelernt, was man in der Demokratie immer verkraften muss: eine Niederlage hinzunehmen."

Merkel nur eine Übergangslösung?

Im Dezember 1991 konnte sie nur deshalb für das Amt der Stellvertretenden CDU-Vorsitzenden antreten, weil Lothar de Maizière, der letzte DDR-Regierungschef, aufgrund von Stasi-Vorwürfen zurücktreten musste. Die reguläre Vorstandswahl sollte 1992 stattfinden.

"Lässt Sie das nicht annehmen, eine Art Übergangslösung darzustellen?", fragt der Moderator sie – und Merkel antwortet, sie sei gewöhnt, dass man noch nicht in einem statischen Zustand lebe, sondern dass durch die Deutsche Einheit viele Dinge im Fluss seien.

"Ich glaube, es ist wichtig, dass man diesen zweiten Parteitag der CDU in Dresden ganz den Problemen in den neuen Bundesländern widmtn und dass man ihn deshalb nicht durch Gesamtwahlen belasten sollte – und insofern empfinde ich mich nicht als Übergangslösung, sondern als Fortsetzung eines in Hamburg begonnenen Weges, der zum nächsten Parteitag überdacht werden kann."

Dass diese Newcomerin aus dem Osten auf einem Posten direkt hinter Kanzler Kohl Platz nehmen würde – und das in der CDU mit ihrem ganzen Gewicht als der staatstragenden Partei der Bonner Republik: Das blieb für den Moderator ein geradezu rätselhaftes Phänomen.

Keine gestandene Persönlichkeit

"Bei allem Respekt: Blickt man auf die Reihe der bisherigen Stellvertreter der CDU-Vorsitzenden zurück, so findet man fast ausschließlich Persönlichkeiten, wie man so sagt, reiferen Alters, beträchtlicher politischer Leistungen, breiterer Machtbasis auch, größeren Einflusses und höheren Bekanntheitsgrades. Sie indes verdanken es doch wohl dem Rücktritt de Maizières und der Ansicht Helmut Kohls, dass an die Stelle de Maizières wieder jemand aus Ostdeutschland rücken müsse. Wollen Sie in dem Amt also auch überwiegend die CDU Ostdeutschlands repräsentieren und ostdeutsche Interessen vertreten?"

Merkel lässt nicht erkennen, dass die spürbare Geringschätzung sie irritiert: "Es ist richtig, dass normalerweise gestandenere Persönlichkeiten dieses Amt ausfüllen. Aber ich glaube, dass die deutsche Einheit uns auch das Leben mit Unberechenbarkeiten, so auch mit etwas unerfahrenen Politikern zumutet – und dass das auch gut ist und vielleicht sogar einen positiven Effekt auf das Politikverständnis in Gesamtdeutschland haben kann."

Gesamtdeutscher Blick

Das ist das Pfund, mit dem sie wuchern kann: Die deutsche Einheit hat die Lage verändert, und sie durchbricht die eingefahrenen Wahrnehmungsmuster. Auf die Frage, was sie zur ostdeutschen Interessenvertretung einbringen wolle, stellt Merkel das Ungleichgewicht zwischen Ost und West fest – und die Notwendigkeit, "auch das Verständnis zu wecken, vor welch existenziellen Problemen die Leute in den neuen Bundesländern jetzt oft stehen. Dass das drängende Fragen sind, die in wenigen Wochen für sie entschieden sein müssen und die von ausschlaggebender Wirkung für ihr Leben sind. Und hier hab ich manchmal die Bürger in der alten Bundesrepublik doch sehr viel mehr in Kontinuität ihr Leben fortführen konnten nach der deutschen Einheit und sich der existenziellen Probleme in den neuen Bundesländern nicht so recht bewusst sind. Ich glaube, davon muss man sprechen und das erklären, dann werden die Leute das auch verstehen." 

Misstrauen und Geringschätzung ignorieren, sachlich reagieren, Probleme und Herausforderungen erfassen und unaufgeregt angehen: Schon bei ihrem Aufstieg 1991 war erkennbar, wie sie später regieren würde.

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