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Buchkritik | Beitrag vom 14.08.2020

Andrew Smiler: "Ist Männlichkeit toxisch?"Neue Standards für den guten Mann

Von Vera Linß

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Auf demmBuchcover ist die Collage eines durchtrainierten, männlichen Oberkörpers zu sehen, mit dem Strahlenwarnzeichen darauf. (Dorling Kindersley / Deutschlandradio)
Von "toxischer Männlichkeit" wird oft gesprochen. Aber was soll das sein? Andrew Smiler geht wohltuend unideologisch an das Thema heran. (Dorling Kindersley / Deutschlandradio)

Der Psychotherapeut Andrew Smiler zeigt, wie maskuline hegemoniale Normen Männern gesundheitlich schaden und Gewalttätigkeit begünstigen. Sein fundiertes Buch legt aber auch dar, dass männliche Rollenbilder permanent im Wandel sind.

Hat Kapitalismus noch Zukunft? Scheitert die Demokratie? Macht die Medizin uns krank? Das sind "große Fragen des 21. Jahrhunderts", findet Matthew Tayler, Geschäftsführer der Royal Society of Arts. Die jahrhundertealte britische Institution macht sich für aufgeklärtes Denken stark, sie steht für kritischen Diskurs und neue Ideen.

Mit übersichtlich aufbereiteten Fakten und Argumenten zu den wichtigsten Debatten unserer Zeit will Tayler diesen aufklärerischen Ansatz fördern – als Herausgeber der bislang achtteiligen Reihe "#dkkontrovers". 

Wohltuend unideologisch

Das jüngste Buch greift eines der strittigsten Themen der letzten Jahre auf: Ist Männlichkeit toxisch? Gleich zu Beginn ist man allerdings überrascht: Antworten liefert ausgerechnet ein Mann! Der preisgekrönte Autor Andrew Smiler ist jedoch Experte für die Frage, wie traditionelle Männerbilder den Einzelnen und die Gesellschaft prägen. Seit Jahrzehnten – lange vor Beginn der MeToo-Bewegung 2017 – arbeitet der Psychotherapeut mit heranwachsenden Jungen und Männern. Diese Erfahrung macht seine Analyse nicht nur fundiert, sondern auch wohltuend unideologisch.

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Umso größer ist deshalb der Erkenntnisgewinn. Etwa, dass sich das männliche Rollenverständnis permanent wandelt, also veränderbar ist. Beste Voraussetzung für eine Debatte! In einem historischen Diskurs – von den Jägern und Sammlern über die Antike bis zur Moderne – zeigt Andrew Smiler nämlich, wie stark die Vorstellung von Männlichkeit von den Erwartungen aus Politik und Wirtschaft geprägt ist. Auch die "Macht, Schaden anzurichten" führt der Psychotherapeut auf konkrete Ursachen zurück.

Rollenklischees machen Männer krank

Maskuline hegemoniale Normen – keine Emotionen zeigen, starkes Machtstreben – würden Männern gesundheitlich schaden und Gewalttätigkeit begünstigen. Smiler erklärt aber auch an vielen Beispielen, wie stark "Männlichkeit im Umbruch" ist und wie heterogen männliche Lebensmodelle heute bereits sind. Studien, die er anbringt, belegen all diese Entwicklungen.

Aufbereitet sind die Informationen wie in einem Lexikon. Fakten und Thesen werden mit über 200 Fotos ergänzt. Daneben gibt es unterschiedliche Schriftgrößen. Die wichtigsten Aussagen springen einem sofort in den Blick, Hintergründiges ist etwas kleiner gedruckt. Wichtige Begriffe werden in einer Randspalte erklärt.

Konsequent und gut gemacht

Das ist das Prinzip der gesamten Reihe, die in weiteren Folgen auch nach dem Für und Wider des Veganismus oder nach der Bedrohung durch KI fragt: Vor allem junge Leserinnen und Leser sollen schnell in ein Thema reinfinden. Doch nicht nur das gelingt hervorragend. Auch die Art der Ansprache lädt zum Mitdenken ein. Es wird abgewogen, Vor- und Nachteile bestimmter Positionen erklärt, Fragen offengelassen. 

So ist es auch nur konsequent, dass Andrew Smiler die Frage, ob Männlichkeit toxisch ist, nicht eindeutig beantwortet. Denn nicht alle Männer hingen dem hegemonialen Modell an. Doch was ist nun eigentlich ein "guter Mann"? Dafür brauche es neue Standards. Für eine Debatte darüber ist dieses Buch eine perfekte Grundlage.

Andrew Smiler: "Ist Männlichkeit toxisch?"
Herausgegeben von Matthew Tayler
Übersetzt aus dem Englischen von Wiebke Krabbe
Dorling Kindersley, München 2020
144 Seiten, 12,95 Euro

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