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Buchkritik | Beitrag vom 02.08.2018

Andrew O'Hagan: "Leuchten über Blackpool"Aus unerträglichen Wahrheiten werden erträgliche Lügen

Von Sigrid Löffler

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(Cover: Verlag S. Fischer / Foto: imago)
In Andrew O'Hagans "Leuchten über Blackpool" wird die englische Stadt zum Fluchtpunkt. (Cover: Verlag S. Fischer / Foto: imago)

Wie machen wir aus schmerzlichen Wahrheiten erträgliche Lügen? Dieser Frage geht der englische Schriftsteller Andrew O'Hagan anhand der Geschichte eines traumatisierten Soldaten und dessen demenzkranker Großmutter nach.

Auf den ersten Blick wirkt "Leuchten über Blackpool", der fünfte Roman des schottischen Autors Andrew O'Hagan, merkwürdig disparat: Die beiden Handlungsstränge scheinen weit hergeholt und nicht zusammenzupassen.

Der eine Strang ist ein Kriegsroman. Erzählt wird von einem Militäreinsatz britischer Soldaten in Afghanistan, der katastrophal misslingt und in einem Blutbad endet. Der kommandierende Offizier, ein junger Captain namens Luke, verlässt darauf schwer traumatisiert die Armee und kehrt ins Zivilleben und zu seiner Familie nach Schottland zurück.

Umgefälschte Erinnerungen

Der andere Erzählstrang hat eine Senioren-Residenz in einer westschottischen Kleinstadt als Schauplatz und die 82-jährige Anne Quirk als Hauptfigur. Die alte Dame sinkt langsam in die Demenz und überrascht ihre Umgebung mit mysteriösen Erinnerungsblitzen aus ihrem früheren Leben, von dem keiner etwas wusste. Fragmente aus ihrer Vergangenheit kommen hoch: eine Karriere als berühmte Fotografin, eine Dunkelkammer in Blackpool, die große Liebe zu einem Fotografie-Pionier und ehemaligen Spionage-Piloten namens Harry.

O'Hagan verknüpft die Kriegs- und die Demenz-Geschichte über Familienbande: Captain Luke stellt sich als Annes geliebter Enkelsohn heraus. Dann wird das eigentliche Thema des Romans erkennbar: Es geht um die Fiktionalisierung des eigenen Lebens, um die Geschichten, die wir uns selbst und einander erzählen, um unerträgliche Wahrheiten in erträgliche Lügen einzuspinnen. Während ins Bewusstsein der Großmutter nur noch Bruchstücke verdrängter, verdeckter oder umgefälschter Erinnerungen gespült werden, würde Enkel Luke das Fiasko in Afghanistan am liebsten vergessen.

Die Dunkelkammer als Fluchtpunkt

Fluchtpunkt der Erinnerungsarbeit beider ist die Dunkelkammer in Blackpool, die am Ende aufstrahlt wie die berühmte Illumination auf der Promenade des Badeortes. "The Illuminations" heißt der Roman denn auch im Original – ein Titel, in dem Erhellung, Erleuchtung und Aufklärung gleichermaßen mitschwingen.

Bei dem gemeinsamen Ausflug von Enkel und Oma nach Blackpool findet Luke nicht nur die Wahrheit über Annes Vergangenheit und den sagenhaften Harry heraus. Dort trifft er auch seine Soldaten-Freunde aus Afghanistan wieder.

Grundton von Menschenfreundlichkeit

Andrew O'Hagan erzählt seinen Roman in zwei ganz unterschiedlichen Tonalitäten. Die afghanische Kriegsgeschichte ist ein lauter und blutiger Action-Thriller. Die Soldaten ziehen einander mit obszönen Scherzen auf und laufen gleichermaßen zugedröhnt von Drogen und Heavy Metal ins Gefecht, in einen Hinterhalt oder ein Massaker. Die grausame Realität dieses Krieges zeigt sich an einer Nebenfigur: Lukes Vorgesetzter, ein Major, verliert bei dem Einsatz beide Beine, ein Auge und die halbe Hand. Kaum ist er wieder zusammengeflickt, begeht er Selbstmord. O'Hagan überlässt es dem Leser, sich die ganze Sinnlosigkeit des Afghanistan-Krieges klar zu machen.

Für die Demenz-Passagen bietet der Autor einen liebevollen Erzählton auf. Die Menschen kümmern sich fürsorglich um Anne, begleiten ihr Versinken mit zärtlicher Rücksichtnahme. Manchmal ist es fast schon zu viel der Güte. Gleichwohl machen der Grundton von Menschenfreundlichkeit und die völlige Absenz von Zynismus den Roman sympathisch und lesenswert.

Andrew O’Hagan: "Leuchten über Blackpool"
Aus dem Englischen von Anette Grube
Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2018
352 Seiten, 22 Euro
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