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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.03.2018

Andreas Feldtkeller zur WeltmissionskonferenzKommen christliche Missionare nun aus Asien und Afrika nach Europa?

Moderation: Anne Françoise Weber

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Ein Missionar der Mormonen malt unter anderem "Der Plan Gottes" auf den Boden einer Fußgängerzone.  (dpa picture alliance/ Fredrik von Erichsen)
Am kommenden Donnerstag beginnt in Arusha in Tansania die 13. Weltmissionskonferenz. (dpa picture alliance/ Fredrik von Erichsen)

Christliche Missionare ziehen heutzutage nicht automatisch von Europa Richtung Asien oder Afrika. Inzwischen gebe es auch die umgekehrte Bewegung, erklärt Religionswissenschaftler Andreas Feldtkeller. Manche asiatische oder afrikanische Kirchen hätten den Anspruch, "ein lebendigeres Christentum in Europa zu verbreiten".

Anne Françoise Weber: Am kommenden Donnerstag beginnt in Arusha in Tansania die 13. Weltmissionskonferenz. Sie steht unter dem Motto "Moving in the Spirit: Called to Transforming Disipleship", zu Deutsch heißt das so etwas wie: Im Geiste voranschreiten: Berufen zu einer Nachfolge, die verwandelt. Zwischen 600 und 800 Teilnehmer und Teilnehmerinnen werden erwartet. Zuletzt traf man sich vor 13 Jahren in Athen - nun also in Tansania, einem Land, in dem gerade deutsche Missionswerke seit dem 19. Jahrhundert sehr aktiv sind, ein Land, das zeitweise auch deutsches Kolonialgebiet war. Was heißt in diesem Kontext Mission heute? Mit welchem Auftrag schicken Missionswerke aus dem Norden Mitarbeiter nach Afrika und anderswohin - gibt es auch eine Bewegung in die Gegenrichtung? Welche Botschaft kann eine Weltmissionskonferenz heute haben?

Über diese Fragen habe ich vor der Sendung mit Andreas Feldtkeller gesprochen. Er ist Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Humboldt-Universität Berlin und Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte. Weltmissionskonferenzen haben eine über hundertjährige Geschichte - die erste fand 1910 in Edinburgh statt, 1921 wurde dann ein internationaler Missionsrat gegründet, der weitere solcher Konferenzen organisiert hat und der heute Teil des Ökumenischen Rats der Kirchen ist. Die Welt hat sich seit 1910 ziemlich verändert, das Missionsverständnis auch. Herr Feldtkeller, was ist denn der größte Unterschied, der sich da zwischen der ersten Konferenz 1910 und der 2018 feststellen lässt?

Andreas Feldtkeller: Ein wichtiger Unterschied ist, dass 1910 noch Mission eine klare Richtung hatte von Europa in eine ganze Reihe von anderen Teilen der Welt. Das wird seit einer ganzen Reihe von Jahrzehnten inzwischen anders gesehen, dass es verschiedene Richtungen hat und Mission eben keine Einbahnstraße mehr sein soll. Das ist eines der Stichworte dafür. Ein anderer Unterschied ist, dass es damals noch den Begriff des Missionsobjektes gab. Dieser Begriff wird auch seit inzwischen über 60 Jahren nicht mehr gebraucht, sondern es ist in den Diskussionen über Missionstheologie klar, dass Mission etwas ist, was von Gott ausgeht und in das Menschen nur als Subjekte einbezogen sind.

Geld fließt von Norden nach Süden

Weber: Das klingt ja schön, dass es keine Einbahnstraßen mehr gibt, aber gleichzeitig, wenn man sich allein das Geld und die Ressourcen anschaut, die die unterschiedlichen Partnerkirchen, wie das ja heutzutage heißt, haben, ist das dann nicht doch hauptsächlich eine Einbahnstraße? Sind das nicht doch vor allem Menschen aus den Kirchen des Nordens, die in den Süden gehen und da Arbeit machen, die jetzt nicht nur Missionsarbeit, sondern vielleicht auch Entwicklungsarbeit ist - das ist ja auch mittlerweile, glaube ich, ziemlich eng beieinander. Stimmt das mit keine Einbahnstraße?

Feldtkeller: Also wenn man sich die Bewegung von Menschen ansieht, dann ist es sehr anders als die Bewegung des Geldes. Es stimmt, dass die Partnerschaftsbeziehungen, in die die früheren Tätigkeiten von Missionsgesellschaften überführt worden sind, noch weitgehend aus Europa oder Nordamerika bezahlt werden, aber es ist durchaus in vielen Fällen so, dass mehr Menschen aus Afrika oder Asien nach Europa kommen, um in diesen Partnerschaftsbeziehungen eine Arbeit zu leisten, als umgekehrt von Europa nach Afrika oder Asien kommen.

Weber: Ist bei diesen Menschen, die aus Afrika nach Europa kommen, bisweilen auch die Motivation, zu sagen, Europa ist mittlerweile dermaßen säkularisiert und entchristlicht, wir wissen, wie richtiges Christentum geht, wir bringen das wieder zurück nach Europa? Gibt es also so eine Missionsbewegung gen Norden?

Feldtkeller: Ja, durchaus. Also der Fachbegriff dafür ist Reverse Mission, Mission in der umgekehrten Richtung, und da gibt es durchaus Kirchen in Afrika, auch in Asien, die diesen Anspruch für sich erheben, das säkularisierte Europa jetzt zurück zum Christentum zu bringen oder ein lebendigeres Christentum in Europa zu verbreiten.

Weltmissionskonferenz mehrheitlich mit Südländern besetzt

Weber: Wie muss man sich das vorstellen bei dieser Weltmissionskonferenz in Tansania, wer stellt da die Mehrheit der Teilnehmer? Früher waren das Protestanten aus dem Norden, wahrscheinlich vor allem Männer, wer ist da heute hauptsächlich vertreten?

Feldtkeller: Bei den Weltmissionskonferenzen ist es schon seit 1938 so, dass die Mehrheit aus den Ländern des Südens kommt, also aus Lateinamerika, Afrika und Asien zusammen, und das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eher noch gesteigert. Also es ist eine sehr bunte Mischung von Menschen aus aller Welt, bei der auch sehr Wert darauf gelegt wird, dass Frauen und Männer gut vertreten sind, dass junge, mittlere und ältere Generationen gut vertreten sind und bestimmte Richtungen des Weltchristentums dort vertreten sind, vor allem protestantische und orthodoxe Kirchen.

Weber: Es gibt ja Themen zwischen den Partnerkirchen, die durchaus umstritten sind, zum Beispiel die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, mit der sich im Norden immer mehr protestantische Kirchen anfreunden können, im Süden gibt es da Widerstände. Kommt so was denn bei der Weltmissionskonferenz zur Sprache oder versucht man da, sich möglichst auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen?

Feldtkeller: Es kommt durchaus bei Konferenzen zur Sprache, wobei ja die Weltmissionskonferenz auch immer in einem Zusammenhang steht mit anderen Konferenzen, im Zusammenhang des Ökumenischen Rates der Kirchen, sodass bei dieser Frage jetzt es ein bisschen von der Tagesagenda abhängt, auf welcher Konferenz sie gerade auftaucht. Das ist, denke ich, nicht genau vorherzusehen, aber es ist jedenfalls ganz deutlich eines der Konfliktthemen zwischen europäischen Kirchen einerseits und afrikanischen, asiatischen Kirchen, lateinamerikanischen Kirchen andererseits.

Weber: Aber kein Thema, von dem man erwarten könnte, dass es wirklich die Konferenz sprengt und dass man da nicht mehr zusammenkommt?

Feldtkeller: Also als größerer Zusammenhang ist, denke ich, auch wichtig, dass der Ökumenische Rat der Kirchen und insbesondere der Internationale Missionsrat schon eine Situation der Spaltung hinter sich haben, die in den frühen 1970er-Jahren vollzogen worden ist, als die Lausanner Bewegung aus dem Internationalen Missionsrat ausgetreten ist und eine stärker evangelikal, stärker bibeltreu geprägte protestantische Missionsbewegung von genauso internationalem, globalem Charakter gegründet hat. Und seitdem ist es eben so, dass die stärker evangelikal ausgerichteten Prägungen durch ein breites konfessionelles Spektrum sich eher in der Lausanner Konferenz versammeln, während diejenigen Richtungen, die jahrzehntelang stärker an Themen der Befreiung, der Gerechtigkeit, also auch an politischen Themen, an ökologischen Themen gearbeitet haben, weiterhin im Internationalen Missionsrat zusammentreffen, sodass sicher die unterschiedlichen Einschätzungen zum Beispiel der Segnung Gleichgeschlechtlicher oder der Frauenordination oder solche Themen auch im Internationalen Missionsrat eine Rolle spielen, aber weniger als in der Lausanner Bewegung.

"Aufarbeitung der Kolonialgeschichte inzwischen selbstverständlich"

Weber: Welche Rolle spielt denn die Kolonialgeschichte bei so einer Zusammenkunft? Das ist ja doch etwas, was die Beziehung zwischen Nord und Süd entscheidend geprägt hat, gleichzeitig habe ich den Eindruck, das wird bei den Missionswerken nicht immer mitgedacht. Ich hatte jetzt gerade eine Zeitschrift eines Missionswerks in der Hand, da ging es um Afrika, da ging es darum, wann die ersten deutschen Missionare da ankamen, da ging es aber nicht darum, dass Deutschland durchaus auch Kolonialmacht war. Ist man mit der Aufarbeitung noch nicht so weit, oder wird es mitgedacht, wissen es alle?

Feldtkeller: Ich würde es eher so einschätzen, dass die Aufarbeitung schon inzwischen so selbstverständlich ist in den Missionswerken, dass es nicht immer mitgesagt wird. Also es hat schon vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen, dass auch Themen der Aufarbeitung von Kolonialgeschichte im Internationalen Missionsrat thematisiert wurden, und in den 1950er-Jahren ist es dann sehr verstärkt aufgegriffen worden. Es hat einen umfangreichen Prozess der auch strukturellen Reaktion auf die Folgen der Kolonialgeschichte, aber auch auf die einseitige Dominanz europäischer Kirchen in den durch Missionen geschaffenen Zusammenhängen gegeben. Der zeitliche Schwerpunkt dieser Prozesse war ungefähr in den Jahren, als die Menschen geboren wurden, die heute in Rente gehen - ich denke, das ist wichtig, sich das vor Augen zu halten -, und dadurch ist einfach schon eine seit zwei Generationen eingespielte Selbstverständlichkeit dieser Themen in diesen Kreisen eingetreten, dass es dort nicht immer wieder als notwendig empfunden wird, das noch anzusprechen. Aber natürlich ist es weiter ein Faktum, dass es einen Hintergrund von Kolonialgeschichte in diesen Beziehungen gibt.

Weber: Wenn man sich die kirchliche Landschaft in Deutschland anschaut, hat man den Eindruck, Mission ist so etwas, was stark polarisiert. Die einen wollen das Wort vermeiden - es gab jetzt ein neues Papier der evangelischen Kirche im Rheinland über die Begegnung mit Muslimen, und da heißt es dann auch ganz direkt, der Dialog mit Muslimen ziele nicht auf eine Konversion zur jeweils anderen Religion. Damit muss man ja verstehen, Mission betreiben wir nicht. Es gab jetzt Anfang des Jahres einen ökumenischen Kongress in Augsburg, der hat ein Missionmanifest vorgelegt, und da heißt es, Mission solle zur Priorität Nummer eins der Kirche werden. Ist Mission wirklich sozusagen die Trennscheide innerhalb der Kirche, die einen sind dafür und die anderen sind dagegen, oder muss es immer mitgedacht werden, weil das Christentum missionarisch angelegt ist?

Feldtkeller: Es gibt ein breites Spektrum von unterschiedlichen Positionen dazu, das reicht von Menschen, die Mission in jeglicher Form völlig ablehnen, bis hin zu Menschen, die Mission allen Menschen gegenüber als das Wesensmerkmal von Kirche halten und als völlig unverzichtbar, und dazwischen eine breite Diskussion über die Verbindung von besonderen Situationen und jeweils darauf bezogenen Auftrag, in angemessener Weise das Evangelium zur Sprache zu bringen.

Und ich halte es für wichtig, gerade auch diesen mittleren Bereich des Spektrums im Blick zu haben, dass es gerade in den deutschen Kirchen oft sehr differenzierte Aussagen darüber gibt und in Deutschland mit guten Gründen eine hohe Sensibilität dafür entstanden ist, dass man nicht die Notlage von Menschen ausnutzen will, um ihnen eine religiöse Identität überzuhelfen, die sie sich nicht von selber gesucht hätten, aber gleichzeitig natürlich auch in weiten Kreisen der evangelischen Kirchen in Deutschland auch es als wichtig gesehen wird, dass die Kirche einen einladenden Charakter hat, insofern Mission in einem guten, offenen Sinne durchaus auch zu einem offenen Selbstverständnis von evangelischer oder genauso von katholischer Kirche in Deutschland gehört.

Wie sieht der richtige Mix aus Sozialem, Politischem und Ökologischem aus?

Weber: Und glauben Sie, dass bei der Weltmissionskonferenz solche Positionen, die eben sagen, Mission sollten wir heutzutage nicht mehr betreiben, überhaupt zur Sprache kommen, oder hat man da doch den Grundkonsens, wir sind hier, weil wir alle einer wenn auch unterschiedlichen missionarischen Kirche angehören?

Feldtkeller: Also dass Mission nicht in der Ausnutzung von Notsituationen bestehen darf, das ist im Spektrum der Kirchen, die zum Internationalen Missionsrat gehören, Grundkonsens. Da würde niemand sagen, wir machen das anders. Solche Positionen sind in anderen Organisationen beheimatet, während hier eher die Diskussion darüber ist, wie viel an sozialen Aktivitäten, wie viel an politischem Engagement, wie viel an ökologischen Betätigungen gehört mit zu einem guten Mix an Lebendigkeit, den die Kirche als Wirken des Heiligen Geistes - um noch mal das Thema der Konferenz aufzugreifen - verstehen will und wo eben die Verkündigung des Evangeliums mit Worten nur als ein Teilaspekt im Zusammenspiel mit vielen anderen Aspekten gesehen wird.

Weber: Am Donnerstag beginnt in Tansania die Weltmissionskonferenz. Ich sprach mit Andreas Feldtkeller, Professor für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin über das heutige Missionsverständnis.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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