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Interview | Beitrag vom 14.05.2019

Andreas Eberhardt über die Bahlsen-Debatte"Wir waren schon mal weiter"

Moderation: Julius Stucke

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Leibniz Zoo-Kekse werden im Werk der Firma Bahlsen in Barsinghausen zur Verpackung vorbereitet. (Julian Stratenschulte/dpa)
Die Leibniz Zoo-Kekse der Firma Bahlsen werden im niedersächsischen Barsinghausen produziert. Ab 1940 zwang das Unternehmen etwa 200 Menschen vorwiegend aus Polen und der Ukraine zur Arbeit für sich. (Julian Stratenschulte/dpa)

NS-Zwangsarbeiter seien bei Bahlsen "gut behandelt" worden, hat die Firmenerbin Verena Bahlsen gesagt. "Es ist überraschend, wie Firmennachfolger jetzt auf einmal mit diesem Thema umgehen", antwortet Andreas Eberhardt von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".

Sie sei Kapitalistin, wolle Geld verdienen und sich Segel-Jachten kaufen, sagte die Bahlsen-Erbin Verena Bahlsen beim "Online Marketing Rockstars"-Festival in Hamburg. Ein Raunen ging daraufhin durchs Netz: Man erinnerte sie daran, dass ein Teil ihres Reichtums auch auf Zwangsarbeit bei dem Keksfabrikanten unter der deutschen Naziherrschaft zurückginge. Daraufhin setzte sie gegenüber der "Bild-Zeitung" einen drauf und behauptete, die Zwangsarbeiter seien "genauso" wie die Deutschen bezahlt und gut behandelt worden.  

"Es ist überraschend, wie Firmennachfolger jetzt auf einmal mit diesem Thema umgehen", sagt Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", die ehemalige Zwangsarbeiter des NS-Regimes entschädigt. "Wir sind uns doch in Deutschland sehr gewiss, dass sich bestimmte Dinge verankert haben. An solchen Äußerungen merkt man, dass man bei der Setzung solcher Themen nicht nachlassen sollte, sondern dass man weiterhin sehr genau darauf achtet, welche Narrative sich verankern und welche Narrative wir derzeit auch pflegen."

Massiver Eingriff in das Leben der Zwangsarbeiter

Die Deutschen nähmen sich zu viel als Helden und Opfer wahr und zu wenig als Täter, sagte Eberhardt. "Wir müssen uns einer gewissen Anstrengung unterziehen, uns mit den Aspekten unserer eigenen Geschichte auseinander zu setzen", fordert er. Es habe durchaus sehr unterschiedliche Arten des Umgangs mit Zwangsarbeit gegeben, sagt er - immerhin ginge es um 14 Millionen Menschen, die zur Arbeit gezwungen worden waren. In Unternehmen seien sie aber in der Regel in Lager gesperrt und auch schlechter verpflegt und geringer entlohnt worden.

Firmenerbin Verena Bahlsen bei einem Dinner zur Vorstellung von "Jackfrucht"-Gerichten in ihrem Restaurant "Hermann's" in Berlin. (Monika Skolimowska/dpa)Firmenerbin Verena Bahlsen bei einem Dinner zur Vorstellung von "Jackfrucht"-Gerichten in ihrem Restaurant "Hermann's" in Berlin. (Monika Skolimowska/dpa)

Zwangsarbeit sei so alltäglich gewesen, dass sie bis heute nicht als nationalsozialistisches Verbrechen bewusst geworden sei. Sie sei eher als Normalität des Krieges behandelt worden, sagt er. "Das missachtet, dass dort Menschen gezwungen wurden zu arbeiten und massiv in ihre Biografie eingegriffen wurde - mit weitgehenden Folgen für diese Menschen. Das Problem in dieser Äußerung sehe ich darin, dass weiterhin nationalsozialistische Zwangsarbeit kaum als ein Verbrechen bei uns verankert zu sein scheint."

"Wir waren da schon mal weiter", sagt Eberhardt. "Vielleicht ist das auch eine Generationenfrage." Verena Bahlsen gehöre einer anderen Generation an. Nicht zu den Menschen, die diese Debatten in den 90er-Jahren geführt haben. Er begrüße aber auch die Reaktionen in den Sozialen Netzwerken: Als Debattenforum sei das wunderbar geeignet, meint er. 

(inh)

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