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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.02.2020

André Heller inszeniert den "Rosenkavalier"Streckenweise langweilig, im Tempo immer gemächlich

Von Jürgen Liebing

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Das Foto zeigt die Sängerinnen Nadine Sierra (links) und Michèle Losier (rechts) als Sophie und Octavian in "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. (Ruth Walz / Staatsoper Unter den Linden)
Octavian (Michèle Losier) liebt Sophie (Nadine Sierra): André Heller hat den "Rosenkavalier" neu inszeniert. (Ruth Walz / Staatsoper Unter den Linden)

André Heller versucht sich an der Berliner Staatsoper als Opernregisseur. Seine Interpretation des "Rosenkavaliers" von Richard Strauss enttäuscht allerdings: Heller gewinne der Oper keine neuen Seiten ab.

"Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein": Das singen am Ende des "Rosenkavalier" das Liebespaar Sophie, die eigentlich den bärbeißigen Schürzenjäger Ochs auf Lerchenau heiraten soll, und Octavian, der junge Geliebte der alternden Marschallin. Bis dahin dauert es mit vielen Irrungen und Wirrungen beinahe fünf Stunden – einschließlich zweier Pausen.

Ochs ist scharf auf Sophie, weil er sich von einer solchen Liaison viel Geld verspricht, ist sie doch die Tochter des neureichen, gerade geadelten Faninal, der hier sein Gold und Geld schon mit einem talmiglitzernden Anzug deutlich macht. Octavian, der von der Marschallin lernt, was Liebe in all ihren Versionen bedeutet, ist auf der Suche nach seinem Platz im Leben.

Große Namen spielen stets eine große Rolle

Das Traumhafte dieser Szenerie mag den Intendanten der Berliner Staatsoper, Matthias Schulz, auf die Idee gebracht haben, den für Traum und Traumwelten prädestinierten Österreicher André Heller - ein erfolgreicher Multimediakünstler, ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen - mit dessen erster Opernregie zu beauftragen.

Große Namen spielen in der Staatsoper stets eine große Rolle. Zu dem Kreativteam, das die Komödie für Musik von dem Dichter Hugo von Hofmannsthal und dem Komponisten Richard Strauss auf die Bühne Unter den Linden bringt, gehören auch die österreichische Malerin Xenia Hausner, die nach knapp dreißig Jahren erstmals wieder ein Bühnenbild gestaltet hat, und der junge Couturier Arthur Arbesser, gleichfalls Österreicher. Mit dem aus Salzburg nach Berlin gewechselten Intendanten Schulz gleichsam ein Heimspiel, möchte man meinen.

André Heller beim Pressegespräch zur Neuproduktion von 'Der Rosenkavalier' in der Staatsoper Unter den Linden. Berlin am 28.01.2020. Er hält ein Mikrofon in der Hand. (Geisler-Fotopress)"Gärtner der Träume": André Heller. (Geisler-Fotopress)

Man hat viel Zeit, sich an diesem langen und streckenweise langweiligen Abend Gedanken darüber zu machen, was Heller uns sagen will mit seinem eher collagierten denn inszenierten "Rosenkavalier".

Wären da nicht die Musik und die Sänger und Sängerinnen. Allen voran der wunderbare Günther Groissböck, der einen ganz anderen Ochs zeigt als sonst meistens üblich, keinen dickwanstigen Deppen, sondern einen hochgewachsenen, selbstbewußten Mann vom Lande. Groissböck passt großartig in dieses Ensemble, ist er doch Österreicher und vermag den teils künstlichen Dialekt des Librettos exzellent zu präsentieren.

Ein paar kräftige Buhs für Heller

Die finnische Sopranistin Camilla Nylund berührt, besonders im 1. Aufzug, wenn sie über das Alter und das Altern sinniert. Bisweilen ist sie in ihrem Spiel ein wenig zu zurückhaltend. Und dann sind da die beiden jungen Stimmen, Michèle Losier in der Hosenrolle des Octavian und Nadine Sierra als Sophie. Im Orchestergraben steht Zubin Mehta, einer der ganz großen Dirigenten unserer Zeit. Ein Dirigat ohne Fehl und Tadel, wenn da nicht das überaus gemächliche Tempo wäre, was manchmal die Zeit, dies "seltsam Ding" (Marschallin), arg dehnt. So trägt auch das zur gefühlten Länge dieses Abends bei.

"Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts", stellen die Protagonisten im 3. Aufzug fest. Am Ende gibt es viel Applaus für die Sängerinnen und Sänger sowie für die Staatskapelle und ihren Dirigenten. Aber André Heller muss sich einige kräftige Buhs gefallen lassen. "Sei Poet", heißt es in einem seiner frühen Chansons, "dann kannst du Gärtner der Träume sein." Gärtner ist ein schöner, hoch anspruchsvoller und eigener Beruf. So wie Opernregisseur auch.

"Der Rosenkavalier": Oper von Richard Strauss
Staatsoper Unter den Linden in Berlin
Regie: André Heller
weitere Termine im Februar

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