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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.12.2010

Anarchistin, Frauenrechtlerin, Friedensaktivistin

Emma Goldman: "Gelebtes Leben", Edition Nautilus, Hamburg 2010, 928 Seiten

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Emma Goldman wurde 1919 als Anarchistin aus den USA ausgewiesen. (AP)
Emma Goldman wurde 1919 als Anarchistin aus den USA ausgewiesen. (AP)

Emma Goldman lebte in Russland, den USA und Europa - und sie war eine der bedeutendsten Figuren des Anarchismus. In ihrer 1931 erstmals veröffentlichten Biografie schildert Goldman ihren Kampf für die Rechte von Frauen und Arbeitern. Im Nautilus Verlag erscheint nun eine Neuauflage der deutschen Übersetzung.

Sie war und ist eine der berühmtesten und einflussreichsten Figuren der anarchistischen Bewegung: Emma Goldman, "die rote Emma". 1885 verließ sie mit 17 Jahren, wie viele Juden, das pogromgeschüttelte Russland in Richtung USA, dem Land der Freiheit, wo man sich eine bessere Zukunft erhoffte.

Doch nicht nur war der Weg zu dieser besseren Zukunft steinig und führte über Jahre ausbeuterischer, schlecht bezahlter Lohnarbeit unter schlechten Bedingungen in den Fabriken der aufsteigenden Industriegesellschaft; auch die Freiheit erwies sich als brüchig: Trotz liberaler Gesetze und verbriefter Rede- und Versammlungsfreiheit erlebte sie, dass Proteste von Arbeitern auch in den USA oft brutal niedergeschlagen wurden und Reden, die sozialistisches Gedankengut verbreiteten, auch hier von der Polizei mit Gewalt unterbunden wurden.

Emma Goldman politisierte sich in Folge dieser Erfahrungen sehr schnell, fand Zugang zur Arbeiterbewegung und zu anarchistischen Denkern wie dem Deutschen Johann Most, Herausgeber der Zeitung "Die Freiheit". Sie verließ die Provinzstadt Rochester und eine unglückliche Ehe in Richtung New York, begann für Most zu arbeiten und nahm selbstbewusst und ohne sich um Konventionen zu scheren eine über die Jahre lange Reihe von interessanten Männern zu Gefährten und Liebhabern.

Schon bald wurde sie zu einer viel beachteten Rednerin und Vortragsreisenden in Sachen Arbeiterbewegung und Frauenemanzipation, war aber auch immer wieder Repressalien und Verhaftungen ausgesetzt.

1919 als Anarchistin aus den USA ausgewiesen, lebte sie bis zu ihrem Tod 1940 vornehmlich in Europa, wo sie unter anderem auch ihre Autobiografie schrieb, die 1931 unter dem Titel "Living my Life" erschien und 1978 ins Deutsche übersetzt wurde. Jetzt hat sie der Nautilus Verlag neu herausgegeben – mit einem schönen Vorwort von Ilja Trojanow und einer hilfreichen Chronik von Tina Petersen.

Das gut 900-seitige Werk ist eine erstaunlich aufregende Lektüre. Das liegt nicht nur daran, dass das Leben Emma Goldmans über die Jahrzehnte und Kontinente hinweg überaus aktiv und ereignisreich war, voller Begegnungen mit interessanten Zeitgenossen, von Sigmund Freud bis Jack London und voller abenteuerlicher bis haarsträubender Auseinandersetzungen mit Politik, Justiz, Polizei.

Es ist auch dem Tonfall geschuldet, in dem Emma Goldman dies alles beschreibt: der leidenschaftlichen, gleichsam atemlosen Getriebenheit, die sich durch die Seiten zieht, und die einen hineinzieht in das Entsetzen, die Entrüstung, das Engagement der Autorin.

Auch in ihre privat-politischen Gefühle: denn nicht nur Arbeiterbewegung und Freiheitsrechte treiben sie um – auch Gleichberechtigung der Geschlechter, freie Sexualität und Liebe gehören zu ihren zentralen Themen, nicht nur intellektuell, sondern auch im realen Leben.

Emma Goldman verliebt sich immer wieder, bis ins hohe Alter, und sie spricht mit einer für die Zeit erstaunlichen Offenheit über Sex und sexuelles Begehren. Das unglaublich frei "gelebte Leben" wird dem Lesenden in all seinen Facetten sehr plastisch vor Augen geführt.

Goldmans Memoiren sind aber auch unter einem anderen Blickwinkel interessant: Sie erinnern daran, wie sich der Anarchismus als Bewegung nicht nur in einer Serie von spektakulären politischen Morden äußerte, sondern vor allem im Kampf um Freiheitsrechte; und wie hart um 1900 gekämpft werden musste um so basale Rechte wie den Acht-Stunden-Tag oder die Redefreiheit. Und wie mühsam und aufopferungsvoll auch in demokratisch verfassten Staaten die Durchsetzung politischer Rechte war und womöglich immer ist.

Besprochen von Catherine Newmark

Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiografie
Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow
Aus dem Englischen übersetzt von Marlen Breitinger, Renate Orywa und Sabine Vetter
Überarbeitet und mit einer Chronik versehen von Tina Petersen
Edition Nautilus, Hamburg 2010
928 Seiten, 34,90 Euro

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