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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 19.01.2016

An der Seite zweier QuereinsteigerGuten Morgen, Sie sind jetzt Lehrer!

Von Johannes Nichelmann

Karsten Markus-Schnabel und seine Lehrerin, die Fachseminarleiterin Mathematik Frau Car (Deutschlandradio Kultur / Johannes Nichelmann)
Karsten Markus-Schnabel und seine Lehrerin, die Fachseminarleiterin Mathematik Frau Car (Deutschlandradio Kultur / Johannes Nichelmann)

Lehrer werden gebraucht, darum ist nun in fast allen Bundesländern der Quereinstieg für Akademiker möglich. Doch noch einmal ganz von vorn anzufangen und mit über 40 Jahren den Umgang mit Schülern zu erlernen, ist nicht immer einfach.

Beate Stoffers, Pressesprecherin: "Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz, ganz herzlich zu unserer diesjährigen Schuljahresanfangspressekonferenz. Das Schuljahr 2015/ 2016 startet am Montag und Bildungssenatorin Sandra Scheeres wird Ihnen jetzt..." 

Ende August 2015, in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung. Senatorin Sandra Scheeres stellt ihre Pläne für das neue Schuljahr vor. Das Land braucht dringend neue Lehrer. Der Bedarf kann in den sogenannten Mangelfächern nicht allein durch regulär ausgebildete Lehrkräfte gedeckt werden. In diesem Jahr besonders problematisch: Sport und Musik. In der Vergangenheit wurden vor allem für Biologie, Chemie, Physik und Informatik neue Lehrerinnen und Lehrer gesucht. Frau Scheeres gibt bekannt: 318 neue Quereinsteiger sind für dieses Schuljahr eingestellt worden. Sie sollen den Unterrichtsausfall stoppen.

"An der Stelle möchte ich noch einmal betonen, genauso wie in jedem Jahr, dass es für uns ganz klar ist, dass an erster Stelle für uns die Laufbahnbewerberinnen und Bewerber stehen und dann an zweiter Stelle steht dann der Bereich der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger."

Sie kommen aus der Wissenschaft oder aus der Wirtschaft. Eine pädagogische Ausbildung haben die Meisten von Ihnen nicht. Die sollen sie innerhalb von 18 Monaten erhalten – genauso lange dauert auch das reguläre Referendariat. Für die Quereinsteiger eine Art Schnellkurs, den sie neben ihren 19 Wochenstunden absolvieren müssen.

"Also Quereinsteiger, die sich entscheiden in den Schuldienst zu gehen, haben sich bewusst dazu entschieden und allen ist auch klar, dass es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um pädagogische Arbeit oder die Arbeit mit unterschiedlichen Akteuren geht. Der Unterschied zwischen Quereinsteigerinnen und Referendaren ist, dass die Quereinsteiger eine höhere Stundenzahl haben. Aber auch ein höheres Gehalt bekommen von 3.200 Euro und bei den Referendaren ist es so um die 1.500 Euro und das ist der Unterschied! Aber für mich ist wichtig, es ist berufsbegleitend, sie werden ausgebildet und sitzen gemeinsam mit den Referendaren in den Schulpraktischen Seminaren. Jeder der sich dafür entscheidet, hat sich da auch intensiv mit auseinandergesetzt."

Bis vor kurzem im Labor

Quereinsteiger – das ist in Berlin spätestens seit dem Spätsommer 2014 Diskussionsthema. Es herrscht Unterrichtsausfall in großem Maße, verursacht durch akuten Lehrermangel. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft weist darauf hin, schon vor zehn Jahren angekündigt zu haben, dass dieser Zeitpunkt kommen würde. Die Antwort des Senats auf das Problem: 300 Quereinsteiger. Einer von ihnen: Stefan Reinke.

August 2014 - Stefan Reinke, 40 Jahre alt, steht vor einer zwölften Klasse der Bettina-von-Arnim-Oberschule in Berlin-Reinickendorf - einer Integrierten Sekundarschule. Hier können Schülerinnen und Schüler alle Abschlüsse machen. Vom Mittleren Schulabschluss, bis zum Abitur:

"Okay, ich würde gerne erst mal die Anwesenheit machen. Lennart?"

Der Familienvater Reinke ist promovierter Biochemiker, hat bis vor kurzem in einem Labor an Zellen geforscht. Jetzt ist er an der Schule angestellt. Seine Fächer: Biologie und Chemie. 16- bis 17-jährige sitzen vor ihm mit karierten Blöcken auf und Smartphones unter dem Tisch..

Stefan Reinke: "Ich wollte irgendwie mir eine Alternative suchen, weil mein Vertrag jetzt eigentlich wieder ausgelaufen wäre und ich wollte mir eine Alternative suchen, wo ich halt länger arbeiten kann. Wo man eben auch so ein bisschen mehr die Zukunft planen kann und wo ich aber weiterhin etwas mit Chemie, Biologie, allgemein mit den Naturwissenschaften, was machen kann. Und hab dann einfach angefangen mich zu bewerben. Hab anfänglich auch Absagen bekommen, wo ich dann dachte so, hm, aus den Medien, aus der Presse hat man ja immer mitbekommen, dass Lehrer gesucht werden. Hatte das dann Anfang diesen Jahres noch mal probiert gehabt und ja, dann hat es geklappt gehabt."

Auf seine neue Rolle ist er in einem ein-wöchigen Kurs so gut es geht vorbereitet worden. Alles andere kommt später.

Stefan Reinke: "Die neue Situation ist schon ein bisschen verwirrend. Aus dem einfachen Grunde: Es ist einfach ein ganz anderer Arbeitsablauf, ja. Im Labor hat man so gestanden, für sich alleine. Hat seine Experimente gemacht. Und jetzt steht man vor der einer Klasse eigentlich permanent im Mittelpunkt. Alle gucken auf einen. Und ja, man bekommt so viele Informationen, die man versuchen muss, irgendwie zu verpacken, zu erarbeiten. Der erste Tag, als hier Lehrerkonferenzen waren, das waren so viele Informationen, ich war abends so platt gewesen. Und ja, das geht jetzt in den ersten drei bis vier Wochen eigentlich weiter."

- Markus-Schnabel: "Guten Morgen!"
- Schüler: "Guten Morgen!"
- Markus-Schnabel: "Gut, also... als erstes möchte ich gerne, dass Ihr nochmal Namensschilder macht für mich."

Auch Karsten Markus-Schnabel, 40 Jahre alt, ist Quereinsteiger. An der Friedensburg-Oberschule in Berlin-Charlottenburg wird er künftig Physik und Mathematik unterrichten.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Lehrer werde. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich vielleicht anders vorbereitet. Aber ich wusste es halt nicht. Und ich habe schon bestimmt 30 verschiedene Jobs gemacht in meinem Leben und für jeden muss man etwas anderes mitbringen."

Vom Fernrohr an die Tafel

Karsten ist Astronom – hat vorher in einer Sternwarte gearbeitet. Bis seine Stelle gestrichen wurde. Er hat sich vorgenommen ein guter Lehrer zu werden, einer der seinen Schülerinnen und Schülern zuhört, für jeden da ist.

Stefan Reinke ist der Neue im Lehrerzimmer. Ein Kollege trinkt aus einer Kaffeetasse mit der Aufschrift: Held der Arbeit. Stefan hat einen Platz am großen Konferenztisch bekommen. Mit den neuen Kolleginnen und Kollegen kommt er gut klar – holt sich oft Tipps für die Unterrichtsvorbereitung. Bislang sind an der Bettina-von-Arnim Oberschule viele Stunden Bio und Chemie ausgefallen. Deswegen sind Stefans Kolleginnen und Kollegen dankbar, dass die Stelle nun besetzt ist. Dennoch: es gibt Zweifel.

Kollegin: "Super, dass Leute aus der Praxis den Schülern nah gebracht werden, dass sie mit anderen Erfahrungen, mit anderen Ausbildungen hier rein kommen und ein bisschen vom täglichen Leben vermitteln. Ich halte nichts davon, dass das Gefühl entsteht: Lehrer kann jeder machen, nebenbei, mal eben so. Mit einer Woche Einführung, wo über Kleidungsstil und solche Dinge gesprochen wird. Das ist nicht praxisbezogen! Ich bin dankbar für jede Unterstützung aber ich würde mir viel mehr Investition in wünschen in diese Quereinsteiger."

- Reinke: "Klar, Du hast das wie lange studiert? Zwei, drei, vier, fünf Jahre?"
- Kollegin: "Fünf Jahre ist das reguläre Studium gelaufen und wie gesagt, 26 Jahre und trotzdem ist Jeder Tag anders und jeder Tag neu und jeder Schüler anders. Dafür hast Du ja andere Erfahrungen gemacht."
- Reinke: "Sicherlich, klar. Also, ja. Ja. Gibt sein für und wieder."
- Kollegin: "Absolut. Die Benotung, das versteht man ja nicht einfach so, nebenbei."

"Also manche Pädagogen machen ja auch viel kaputt. Also, warum funktioniert es dann in der Schule nicht? Ja, weil wahrscheinlich Lehrer schon 20 bis 30 Jahre dabei sind und so in ihrer pädagogischen Schiene nicht nach links und rechts gucken und alle Schüler verteufeln und alle Schüler sind schlecht und so weiter. Deswegen, das ist unser großer Vorteil, dass wir eben halt aus einer ganz, ganz anderen Ecke kommen, die Sachen vielleicht ganz anders sehen."

- Reinke: "Okay, gehen wir jetzt mal das Arbeitsblatt durch! Erste Frage: Was besagt die von Louis veröffentlichte Oktett-Regel? (Stille) Oh... Elwin!"
- Elwin: "Jedes Atom kann auf der äußersten Schale ein bis maximal acht Elektronen haben."
- Reinke: "Genau! Sehr gut! Zweite Frage..."

Schüler lernen in einem Klassenzimmer  (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)Schüler in einem Klassenzimmer (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)

Eine seiner ersten Chemiestunden. Stefan ist erleichtert, dass er keine Chaos-Klasse bekommen hat. Die meiste Zeit sind seine Schülerinnen und Schüler ruhig und aufmerksam. Stefan beendet den Unterricht, blickt auf die Uhr: 

"Weil das jetzt schlechte Unterrichtsplanung war. Ich bin jetzt zehn Minuten zu früh fertig gewesen, weil die Experimente einfach schneller gelaufen sind, als ich jetzt dachte. Ich hatte jetzt andere Zeiten für die Experimente eingeplant. Dass es ein bisschen länger dauert. Aber das ging relativ flott über die Bühne."

Stefan Reinke: "Okay! Dann geht's ab zum Kind abholen und zum Fußballtraining. Der zweite Job."

Vier Monate später - ein Donnerstag im Dezember 2014. Die erste Stunde an der Friedensburg-Oberschule ist vorbei. Karsten Markus-Schnabels achte Klasse hat eben eine Mathematik-Arbeit geschrieben.

- Reporter: "Wie war die Klassenarbeit?"
- Markus-Schnabel: "War okay, mal gucken, was dabei herauskommt. Also sehr heterogene Klasse. Es gibt einige Schüler, die es glaube ich gar nicht kapiert haben und einige, die sich langweilen. Ja. Gute Noten zu verteilen ist natürlich einfach. Aber schlechte Noten, fragt man sich immer, hat man selber was falsch gemacht, hätte man noch mehr erklären können? Hat man sich um den Schüler jetzt nicht wirklich gekümmert oder nicht genug? Da tauchen immer solche Fragen auf. Aber bei Mathe ist es ja relativ einfach, man sieht halt, es ist richtig oder falsch und dann sagt man ihm: Okay, ich kann es nicht ändern, es ist falsch. Deswegen bin ich ganz froh, dass ich nicht Deutsch oder so was unterrichte."

Karsten muss schnell weiter, in die nächste Stunde. Mit seinen Unterlagen unter den Arm geklemmt, geht es zu Physik, Klasse 11.

Markus-Schnabel: "Diego? Packst Du das bitte weg? Sarah? Setzt Du Dich bitte? Hallo! Kurz der Hinweis! Bitte... Tsch! Anke, bitte kurz. Also kurz der Hinweis... Serkan, setzt Du Dich bitte?"

"Ja, wir haben uns ja beschäftigt in den letzten Stunden mit Überlagerung von Bewegung. Nee, wir hatten den Freien Fall, wir hatten den Wurf eines Balls zum Beispiel nach oben und wir heute wieder eine überlagerte Bewegung kennen lernen, uns anschauen."

Ein Schüler liegt auf dem Tisch, ein anderer rennt durch den Raum. Der Lehrer ist genervt. Das will er der Klasse aber nicht zeigen.

Markus-Schnabel: "Was ich bei mir oft merke, das was ich von den Schülern auch gesagt bekomme ist, dass ich zu nett bin. Das ist ein Problem. Das ist zwar schön, wenn man da mit den Schülern gut klar kommt. Aber letztendlich brauchen die halt so ein bisschen Führung und das ist für mich auch schwierig denen das so zu bieten."

Im Klassenraum ist wenig übrig vom neuen Familienglück

Die letzten Wochen haben sehr an den Kräften von Karsten gezerrt. Er sieht müde aus. In den Herbstferien hat er geheiratet – doch das neue Familienglück kann er kaum genießen. Die Belastung in der Schule ist groß. Während reguläre Referendare sechs bis sieben Unterrichtsstunden in der Woche haben, sind es bei Karsten 19. Dazu kommen für alle die nachmittäglichen Seminare. Er hat kaum noch Zeit für sich selbst.

- Markus-Schnabel: "Ähm, ja. Ich brauch eine Pause, glaube ich. Vor allem muss ich irgendwann mal frühstücken."
- Reporter: "Jetzt ist es 13 Uhr 18 – Du hast noch nichts gegessen heute?"
- Markus-Schnabel: "Nur ein paar Kekse. Ich muss vor allem mal was trinken."
- Reporter: "Ist das jeden Tag so?"
- Markus-Schnabel: "Nee, manchmal ist besser. Manchmal nicht. Meistens bekomme ich es noch hin, vorher einen Kaffee zu trinken oder ein Brötchen zu holen. Aber das hab ich heute nicht geschafft. Kommt auch vor. Heute war etwas anstrengender."

***

- Reporter: "Kann man denn ein guter Lehrer sein, wenn man so unter Druck steht?"
- Markus-Schnabel: "Schwierig. Auf der einen Seite ist es motivierend. Das Problem ist aber, das was ich jetzt gerade hab und was denke ich auch viele andere Kollegen, auch erfahrene Kollegen haben, ist, wenn es irgendwann zu viel wird. Also von der Arbeit. Dann irgendwann reduziert man halt und guckt halt eben, dass man sehr minimalistisch wird. So wenig machen, wie möglich. Und dann, finde ich zumindest schwierig, im Augenblick, richtig guten Unterricht zu machen. Weil ich auch unsicher werde, weil ich mich eben nicht vorbereitet hab. Ich überleg mir dann kurz vor der Stunde: Was mach ich überhaupt? Das ist natürlich nicht ideal."

***

Seminarleiterin: "Wenn Sie dann sich gegenseitig austauschen und gucken, habe ich Einstiege mitgebracht, die dem auch entsprechen? Oder können Sie noch einen Einstieg konstruieren?"

Februar 2015 – das zweite Schulhalbjahr hat bereits begonnen. Stefan Reinke im Fachseminar Biologie. Am Vormittag ist er Lehrer, am Nachmittag selbst Schüler. Es geht darum, wie er sein Fach auf das Niveau von 12- bis 19-jährigen herunterbrechen kann, wie Schülerinnen und Schüler animiert werden können, sich selbst ein Thema zu erarbeiten. Stefan ist der einzige Quereinsteiger in dem Kurs. Viele der regulären Referendare sehen diese Karrieremöglichkeit äußerst skeptisch. Das Thema ist hoch emotional.

Stefan Reinke: "Ich registriere das schon. Ich versuche es halt nicht so dicht an mich rankommen zu lassen."

- Referendarin: "Der Lehrer selber heute hat, wenn man es gesellschaftlich betrachtet, vor allem Menschen, die nicht mit Lehrern zu tun hatten, nur in der Schulzeit, hat man natürlich immer noch häufig das Bild: Man hat vormittags recht und nachmittags frei. Und gerade wenn viele Schwer... äh Quereinsteiger mit aufgenommen werden ins Studium, verstärkt das natürlich irgendwo dieses Bild, der Lehrerberuf ist ein einfacher Beruf. Das ist einfach eine Grundangst, die mitspringt."
- Reinke: "Es wurden ja dann auch zum Beispiel solche Sachen gesagt, wie, dass wir billige Arbeitskräfte sind und dann eben halt den Leuten die Arbeit wegnehmen. Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, weil der Senat, sag ich jetzt mal, 300 Quereinsteiger zusätzlich einstellt, dann scheint doch da irgendwo ein Mangel gewesen zu sein. So, wie ich das jetzt an meiner Schule höre, ist sehr, sehr viel Chemie und Biologie ausgefallen."

"Ich glaube, dass wenn man lange genug in dem Job ist, also nehmen wir mal an, ich mach das jetzt zehn Jahre, dass man dann eben ein gewisses Repertoire hat, eben pädagogische Dinge umzusetzen, didaktische Dinge. Aber ich denke auch, dass man das nie 100-prozentig aufholen wird."

In diesem Schuljahr werden 16 Quereinsteiger abbrechen. Die Quote liegt damit bei 2,5 Prozent. Die der regulären Referendare bei 2,6 Prozent.

Was ist da schief gelaufen?

April 2015 - in der Friedensburg-Oberschule. Physik- und Mathematiklehrer Karsten Markus-Schnabel bleibt heute länger. Es ist Elternsprechtag. Es haben sich einige Probleme angestaut. Gerade in seiner elften Klasse. Die Mutter einer Schülerin sitzt bei ihm im leeren Klassenzimmer. Die beiden gehen die Noten der Tochter durch.

Mutter I: "Ich muss sie überhaupt mal fragen, was da schief gelaufen ist, bei dem Test. Oder haben Sie da..."
Markus-Schnabel: "Ja, es ist einfach... Es haben ganz viele schlechte Noten. Jetzt weiß ich nicht genau. Ungefähr ein Drittel der Klasse hat nachgeschrieben und die Nachschreibearbeit ist sehr schlecht ausgefallen. Aber trotzdem ist es nicht so gut ausgefallen. Also der Test war einfach nicht so gut. Ich will gar nicht ausschließen, dass das an meiner Vorbereitung lag. Ich hab deswegen auch für die Klausur versucht die Schüler anders vorzubereiten."
- Mutter I: "Kann ich sie ja auch noch einmal fragen..."
- Markus-Schnabel: "Ich war am Anfang einfach zu locker. Also ich hab am Anfang einfach gedacht, das ist Oberstufe, die können selbstständig arbeiten und so weiter. Das hat sich im Nachhinein leider als Fehler rausgestellt. Das Rückgängig zu machen ist leider das Problem im Augenblick."
- Mutter I: "Ja, das ist meistens so, ne? Wenn man die Leine zu lang lässt. Ist schwierig. Ja. Sie meinte, sie hätte sich schon an den Lärm gewöhnt. Hm. Schade, ne?"
- Markus-Schnabel: "Ich bin dran..."
- Mutter I: "Ich hab erst mal gedacht: Wow! Wo kommt der bloß her? Also eher so die Fantasie ging dann los, was ich überlegt hab, was er wohl vorher gemacht hat und wie er dazu gekommen ist, umzusteigen und ich find's mutig, also. Interessant."
- Reporter: "Wissen Sie inzwischen, wo er herkommt?"
Mutter I: "Nein! Ich weiß nicht, wo er herkommt."
Markus-Schnabel: "Achso! Beruflich bin ich Astronom."
Mutter I: "Wow!"
Markus-Schnabel: "Wobei, es ist ganz schwer eine Stelle zu finden als Astronom. Deswegen..."
Mutter I: "Okay. Ich hab... eigentlich war ich auch so in die Richtung! Dann hab ich auch so was gedacht."
Markus-Schnabel: "Ich bin eigentlich ganz froh, dass... Ich finde dieser Lehrerjob ist jetzt gar nicht so schlecht. Diese Ausbildung ist ein bisschen viel. Ich mach ja jetzt praktisch... ich arbeite als Lehrer und parallel dazu mach ich noch die Ausbildung als Lehrer."
Mutter I: "Achso! Deshalb... Achso, jetzt verstehe ich das erst. Das wusste ich noch gar nicht. Deswegen verstehe ich auch so ein bisschen besser, wenn meine Tochter mir sagt, Mathematikarbeit, die Klausur braucht ein bisschen Zeit, bis sie die wieder bekommt. Jetzt kann ich auch besser nachvollziehen, warum..."

***

Stefan Reinke: "Was ich einfach ein bisschen vermisse, ist so im Laboralltag, wenn man so mit den Kollegen zusammen ist, dass man ja schon viel, viel öfters miteinander redet. Man geht mal zusammen einen Kaffee trinken, eine Zigarette rauchen. So diese Kommunikation findet ja in dem Maße mit den Lehrerkollegen ja auch nicht statt."

Mai 2015, Stefan auf dem Weg zu seiner alten Arbeitsstelle – dem Leibnitz-Institut in Berlin-Buch. Seine alten Kollegen hat er seit seinem Jobwechsel nicht mehr gesehen.

Stefan Reinke: "Das ist eine gute Frage, ob man da wieder zurückgehen wollen würde ins Labor, wenn es Festanstellung gibt, wenn es Geld gibt und so weiter. Ich sag mal, der große Vorteil an der Schule ist, man ist dann nachmittags zu Hause und ich hab dann Zeit für meine Kinder. So wie es jetzt ist, bin ich ganz glücklich drüber. Aber ich glaube diesen Fall, dass es plötzlich in der Wissenschaft oder in der Forschung Festanstellung geben würde, also dieser Fall tritt nicht ein."

- Kollege: "Ja, wie geht's?"
- Kollegin: "Ja, erzähl mal!"
- Reinke: "Gut! Gut, gut, gut. Anstrengend. Viel Arbeit, viel zu tun."
- Kollege: "Mit lernwilligen Kindern?"
- Reinke: "Ja, also das mit den Schülern ist nicht so, wie man jetzt irgendwie aus der Zeitung nimmt. Dass die alle durchdrehen oder Stühle aus dem Fenster werfen oder so. Also das ist eigentlich ganz cool. Die sind alle total lieb und total nett und machen auch alle mit und so weiter."
- Kollegin: "Und dann Pädagogik! Du musst ja auch nochmal zur Schule!"
- Reinke: "Ohne Quatsch jetzt, das ist auch mental anstrengend. So diesen Spagat."
- Kollege: "Und? Bereust Du es?"
- Reinke: "Nö! Also bereuen nicht. Aber Euch vermisse ich schon ganz schön. Aber ist klar..."
- Kollegin: "Unsere Monstergruppe!"
- Kollege: "Für uns ist natürlich auch schon viel Wissen natürlich weggefallen. Und die Erfahrung. Ja, ist doch wahr! Du hast extrem lange im Labor gearbeitet, extrem viel Erfahrung. Wie will man das jetzt nachholen? Das ist einfach ein generelles Problem. Dass das dann für jemanden, der eigentlich so wichtig ist..."
- Reinke: "Danke!"
- Kollege: "Ist doch so! Im Endeffekt ist es total ineffizient und uneffektiv."

Kurz vor den Sommerferien. Stefan hat viel Freude an seinem neuen Beruf gefunden. Er will weitermachen. Für ihn war der Quereinstieg die absolut richtige Entscheidung.

"Habt Ihr siebte Klasse Biologie hier an der Schule gehabt? Ökologie? Ökosysteme? Biotop? Biozönose? Biozönose? Hm..."

Seine Schülerinnen und Schüler haben Stefan Reinke als Lehrer angenommen. Die Stimmung in der Klasse ist gut.

- Schüler 1: "Er erklärt das wirklich äh..."
- Schüler 2: "Aber in der Bewertung ist er manchmal ein bisschen... Ne, der Einser-Schüler hier!"
- Schüler 3: "Was? Ich?"
- Schüler 1: "Ne, das muss er auch noch lernen, das mit der Benotung hinzubekommen als Lehrer."

Kinder in einer Grund-Schule (Bild: dpa / Carsten Rehder). (Carsten Rehder/dpa)Kinder in einer Grund-Schule (Bild: dpa / Carsten Rehder). (Carsten Rehder/dpa)

Viele meinen, den Lehrberuf zu kennen

Und für Karsten? Fazit nach einem Schuljahr. Er trifft seine Lehrerin. Frau Car - die Fachseminarleiterin Mathematik. Sie hat sich viele seiner Unterrichtsstunden angesehen, ihm viele Tipps gegeben. Am Ende ist sie es, die ihn benoten muss. Heute steht das Auswertungsgespräch vor den Sommerferien an:

- Frau Car: "Hallo! Ich begrüße Sie!"
- Markus-Schnabel: "Hallo!"
- Frau Car: "Sie haben sich ja jetzt vor einem Jahr auf diesen Job eingelassen, wir arbeiten jetzt zumindest ein Schuljahr zusammen. Können Sie vielleicht einfach mal so ein Fazit für sich ziehen? Wie läuft's bisher? Wo kann ich Sie noch besser unterstützen?"
- Markus-Schnabel: "Ich bin froh, dass zwei Drittel vorbei sind und fand das ganze doch sehr anstrengend. Was den Zeitaufwand anging und eben auch, was überhaupt den Arbeitsaufwand anging."
- Frau Car: "Jetzt haben Sie gerade gesagt, zwei Drittel vorbei. Ein Drittel steht ja noch an. Und noch die Finale Prüfung..."

Frau Car ist im Berliner Bezirk Charlottenburg für mehrere Quereinsteiger zuständig. Im Schuljahr 2014/ 2015 wurden in Berlin immerhin dreihundert eingestellt.

- Reporter: "Wie ist es gelaufen, aus Ihrer Sicht?"
- Frau Car: "Unterschiedlich, kann man sagen. Viele meinen ja den Lehrerberuf zu kennen, im Sinne von: "Entweder war ich jahrelang selber in der Schule, hab Kinder in der Schule und gehe immer wieder zu Elternsprechtagen und so weiter. Ist doch alles ganz nett eigentlich." Aber da steckt eben viel, viel mehr dahinter. Da ist, glaube ich, vielen erst mal in dieser Zeit bewusst geworden, dass es eben nicht nur heißt, das Fach zu kennen, sondern eben auch für Unterrichtsruhe zu sorgen. Die ganze Sache zu organisieren. Und das ist natürlich schon ein Problem."

Ein Argument für Quereinsteiger ist deren Praxis-Erfahrung . Aber ist das immer ein Vorteil gegenüber alteingesessenen Lehrkräften?

- Frau Car: "Das kann ich jetzt für meine Situation noch nicht bestätigen. Vielleicht mag es solche Situationen irgendwo gegeben haben, aber in der Regel ist es ja auch so, dass gerade für das Fach Mathematik ja keine Mathematiker jetzt eingesetzt werden, sondern eben Chemiker. Der macht dann in der Schule Chemie und Mathe. Oder eben eine Astronom, der macht dann Physik und Mathe. D.h. da hat man ja nicht richtig in dem Sinne jemanden, der jetzt Mathematik in der Realität betrieben hat. Von daher, schwierig. Von Klasse 7 bis 10, inwieweit man da mit denen mathematische Möglichkeiten in die Realität reintragen will, also anders, als wir es schon versuchen, weiß ich nicht."
- Reporter: "Welche Note bekommt das Quereinsteiger-Projekt von Ihnen?"
- Frau Car: "Nicht bewertbar. Ich glaube, da müsste man das noch ein bisschen beobachten, über die Jahre. Da muss noch ein bisschen was passieren. Diese Bedingungen müssen noch etwas verändert werden. Also bisher hab ich da ganz große Bauchschmerzen. Muss ich ganz ehrlich sagen. Ich find's auch gemein gegenüber den Quereinsteigern, um es mal so zu formulieren oder auch der Schülerschaft. Klar, es ist schön, dass wir Lehrer haben, dass Mathematik unterrichtet wird, dass Physik unterrichtet wird. Aber da ist immer noch die Frage, zu welchem Preis?"

Karsten Markus-Schnabel hat ein hartes Jahr hinter sich, aber er will weiter machen. Er hat trotz aller Schwierigkeiten seine Liebe für den Beruf des Lehrers entdeckt. Es ist noch ein weiter Weg, sagt er. Aber den will er gehen:

"Ich habe teilweise meine Grenzen erlebt, ich hab erlebt, was ich kann oder eher, was ich nicht kann. Und in dem Zusammenhang eben auch ganz viel Unterstützung erlebt. Von den Kollegen, von Familie, Freunden... ohne das, wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht hier."

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