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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.05.2020

Amy Hempel: "Sing"Immer diese traurigen Paare

Von Manuela Reichart

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Das Cover von Amy Hempels Buch Sing. Neue Stories. auf pastellfarbenen Hintergrund. (Deutschlandradio / Marix Verlag)
Amy Hempel schreibt vom überraschenden Scheitern, von andauernden Hoffnungen, traurigen Paaren und verwunde­ten Frauen. (Deutschlandradio / Marix Verlag)

Untreue Männer, sinnsuchende Frauen - Amy Hempel erzählt in ihren Storys "Sing" vom alten Drama zwischen Mann und Frau. Jeder ihrer Sätze scheint klar und birgt doch ein Rätsel. Großartige Literatur von einer bei uns noch unbekannten Autorin.

Er ist ein Frauenverzehrer, ein Mann, der das Gefühl erweckt, er wolle wie die Geliebten alles, hundert Prozent investieren und gemeinsam in eine neue Dimension aufbre­chen, der dann aber doch nur bei seinen "fünfundsechzig" Prozent Zuneigung und Mut bleibt. Nur manchmal wird ihm langweilig, "insbesondere in kalten Nächten am Wochen­ende. Also greift er zum Telefon, um eine anzurufen, die er zurückgewiesen hat."

Die 1951 geborene amerikanische Schriftstellerin, die bei uns leider immer noch eine Unbekannte ist, braucht nicht mehr als anderthalb Seiten, um das alte Drama zwischen Mann und Frau neu zu beschreiben: die unterschiedlichen Sehnsüchte und Hoffnungen, die Unfähigkeit des Mannes – und die dumme Bereitschaft der Frauen, gegen jede Erfah­rung immer wieder an einen strahlenden Anfang zu glauben.

Im Hinterhof eines New Yorker Mietshauses

Es geht nicht um das Innenleben, nicht um das Ausleuchten von Motiven oder Charakte­ren in diesen grandiosen Geschichten. Stattdessen bringt uns Amy Hempel mit knappen Bildern und luziden Sätzen dazu, die Leerstellen selber zu füllen. Wir lesen vom überraschenden Scheitern, von andauernden Hoffnungen, traurigen Paaren und verwunde­ten Frauen. Jeder dieser kla­ren Sätze – so hat es der Literaturkritiker James Wood in der Zeitschrift "New Yorker" be­schrieben – enthält eine ganze Geschichte, ein Rät­sel.

"Andere Menschen kommen mit Mord davon, aber ich komme nicht mal damit durch, im Bett ein Glas Wasser zu trinken." So beginnt etwa die traurig-komische Story über eine einsame Frau, die im Hinterhof ihres New Yorker Mietshauses einen kleinen braunen Bären beobachtet. Für einen Augenblick meint sie, ihr toter Hund sei ihr in neuer Ge­stalt erschienen.

Begleitet von einer Schreckensmelodie

Unverbindliche Nähe, dauernde Ehen, untreue Männer, sinnsuchende Frauen, zufällige Begegnungen mit unabsehbaren Folgen: Es ist das gewöhnliche Leben, um das es in die­sen Miniaturen geht. Und manchmal auch um eine folgenschwere Entscheidung. Als 18-Jährige hatte eine Frau – in der längsten Geschichte dieses Bandes – ihr Baby zur Adop­tion freigegeben. Seitdem begleitet sie die Vorstellung von dem, was aus dem Mäd­chen geworden sein könnte. Sie ist nicht verzweifelt, bereut nicht – auch nicht, als sie er­fährt, dass es sich bei der Institution, die damals die Adoption vermittelte, um ein Horror­haus gehandelt hat. Sie kann nur nicht aufhören, daran zu denken, ihr ganzes Le­ben wird begleitet von einer Schreckensmelodie. Die tönt nicht immer laut, ist aber als Hintergrundgeräusch stets da.

Von New York ist die ehema­lige Lehrerin nach Florida gezogen, hier kann sie preiswerter leben. Aber das ist schon das Beste, was sich über die neue Existenz der Teilzeit-Altenbetreuerin sagen lässt: Nicht nur in ihr, sondern auch um sie herum herrscht ein stilles, oft groteskes Grauen. Amy Hempel erzählt in Abschweifun­gen und scheinbar zusammenhanglosen Erinnerungsfetzen von einer Frau ohne Eigenschaften. Das Ende ist ebenso verstörend wie gewaltig. Auch wenn eine Entschei­dung richtig war, bleibt sie falsch. Die Möglichkeit in der Wirklichkeit zu erfas­sen: Das gelingt der Literatur, jedenfalls wenn sie so großar­tig ist wie die von Amy Hem­pel.

Amy Hempel: Sing. Neue Stories
Aus dem Amerikanischen von Annette Kühn und Chris­tian Lux
Marix Verlag, Wiesbaden, 2020
200 Seiten, 16 Euro

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