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Fazit | Beitrag vom 25.07.2020

Amsterdamer Stedelijk MuseumDesignerstühle, die Gefühle wecken sollen

Von Marten Hahn

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Drei Designstühle. V.li.: "Aluminum chair" (1942-1943) von Gerrit and Wim Rietveld; "Military chair 1" (1923), Supervision von Gerrit Rietveld; Eerste Model - Prototyp (1927) Supervision von Gerrit Rietveld. (Peggy Janssen, Styling: Heidi Willems)
Drei von Gerrit Rietveld entworfene Stühle - zu sehen in der Ausstellung "From Thonet to Dutch Design" im Amsterdamer Stedelijk Museum. (Peggy Janssen, Styling: Heidi Willems)

Das Stedelijk Museum in Amsterdam feiert im September sein 125-jähriges Jubiläum und präsentiert seine Designsammlung neu. Die emotionale Verbindung zu Möbeln und Alltagsgegenständen steht dabei im Zentrum.

Entführt man Möbel aus ihrem natürlichen Lebensraum, verlieren selbst Designerstücke an Aura. Das weiß jeder, der schon einmal in einem Möbelhaus stand. In einem Museum, das Möbel fern der Wohnräume präsentiert, für die sie entworfen wurden, ist der Effekt ähnlich. Das weiß auch Ingeborg De Roode:

"Das ist eigentlich immer ein Problem, wenn man Formgestaltung ausstellt, dass man das nicht anfassen kann, nicht benutzen. Und es geht ja nicht nur darum, wie es aussieht. Überhaupt nicht. Meistens geht es auch sehr darum, wie man das benutzt."

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De Roode hat die Ausstellung From Thonet to Dutch Design kuratiert. Das Stedelijk Museum in Amsterdam feiert sich damit selbst. Im Herbst wird das Haus 125 Jahre alt und will hier einen neuen Blick auf seine bekannte Möbel- und Designsammlung werfen. Auch im Stedelijk Museum darf man sich in keines der Exponate hineinsetzen. Aber de Roode und ihr Team versuchen auf andere Weise Zimmer-Atmosphäre zu schaffen: durch Tapete.

Neuer Blick auf die berühmte Sammlung

De Roode: "Wir versuchen, hier etwas mehr Kontext zu geben durch unsere Zusammenarbeit mit Bas van Beek. Er hat mit verschiedenen Eingriffen in verschiedene Räume mehr Kontext gegeben, mit Designs an der Wand und auf dem Boden. Und das gibt Kontext, man sieht, wie das damals aussah."

Für den ersten Raum hat der Designer Bas van Beek eine schwere, schwarze Tapete mit hellem Pflanzenmuster entworfen. Davor stehen Stühle von Michael Thonet. Im 19. Jahrhundert wurden die Stühle aus gebogenem Holz zu Bestsellern. Der Besucher trifft hier auf einen alten Bekannten. Einen Thonet-Schaukelstuhl. Sofort stellt sich ein intimes Gefühl von Kindheit und Heimat ein.

De Roode: "Ich denke, die Verbindung zwischen Möbel und Emotionen ist ziemlich groß, weil es sind Objekte, die man immer immer benutzt, jeden Tag. Und sie sind auch für Entwerfer immer sehr wichtig. Die meisten Entwerfer entwerfen auf jeden Fall ein Stuhl."

Und so bewegt man sich von Designerstuhl zu Designerstuhl. Von Thonet über Gerrit Rietveld und Charlotte Perriand bis hin zu Verner Panton. Viele Designer waren davon besessen, einen Stuhl aus einem Stück zu entwerfen. Erst aus Holz und Metall und später aus Plastik.

Nachhaltigkeit spielt eine zunehmend große Rolle

De Roode: "Als das in den 60er-Jahren sehr viel benutzt wurde, war das ein ganz tolles Material. Man kann fast alles damit machen, zum Beispiel auch Möbel aus einem Stück, was immer für Entwerfer so ein Ideal gewesen ist. Das war auf einmal sehr einfach zu machen. Und man dachte natürlich auch, es ist billig und so weiter. Jetzt wissen wir natürlich, wie viele Probleme das gibt."

Schon in den 70er-Jahren machte man sich über Nachhaltigkeit Gedanken. Aber erst in den 90er-Jahren nahm das Thema Fahrt auf. De Roode: "Und jetzt ist es das Thema im Design. Und wir zeigen hier auch verschiedene Möbel, die mit Recyclingtechnik gemacht worden sind."

Da sind zum Beispiel die Stühle aus dem 3D-Drucker von Dirk Vander Koij, aus recyceltem Plastik. Oder die kantigen Möbel von Piet Hein Eek aus Holzresten. Das Stedelijk Museum zeigt hier jedoch mehr als Stühle. Die Ausstellung versammelt auch Spielzeuge, Gebrauchsgegenstände und ein Paar Laufschuhe, entworfen von Pharell Williams.

Der US-amerikanische Musiker und Produzent hat dem Museum eine Nachricht geschickt, die Besucher nun im Audioguide hören können: "What more interesting story to tell than the East African mentality for running."

Die Designszene und die Pandemie

Und dann ist da noch der Elefant im Raum: Covid-19. Was macht die Pandemie mit der Designszene in den Niederlanden? Die Kreativindustrie ist enorm wichtig für das Land. In den vergangenen 17 Jahren hat sich die Zahl der Designer hier verdoppelt. Das Museum hat deswegen eine Umfrage durchführen lassen und präsentiert die Ergebnisse in riesigen Infografiken. Nochmal Kuratorin Ingeborg De Roode:

"Da haben wir gesehen, dass mehr als die Hälfte sehr viele Aufträge verloren hat. Und dass sehr viele von ihnen auch erwarten, dass es noch lange so bleiben wird."

Das Museum will deswegen tun, was es kann, und die Kreativen mit Aufträgen versorgen. Vielleicht heißt die nächste Ausstellung in 50 Jahren dann "Von Thonet bis Covid-19-Design". Die ersten Designer haben schon aufblasbare Schutzmasken entworfen.

From Thonet to Dutch Design
Stedelijk Museum, Amsterdam
25. Juli 2020 - 21. März 2021

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