Freitag, 06.12.2019
 

Interview | Beitrag vom 05.10.2019

Amazonas-SynodeKommt Bewegung in die Zölibats-Debatte?

Hubert Wolf im Gespräch mit Ute Welty

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Dunkelhäufige Hände halten beim Gebet eine Kette mit einem Kreuz. (picture alliance / AP Photo / Felipe Dana)
Für die Indigenen im Amazonasgebiet ist der Zölibat keine akzeptierte Lebensform, sagt der Theologe Hubert Wolf. (picture alliance / AP Photo / Felipe Dana)

17 Priester in einem Gebiet so groß wie die Bundesrepublik: Der dramatische Priestermangel im Amazonasgebiet könnte den Papst zum Umdenken beim Zölibat veranlassen. Nicht nur für Lateinamerika, sondern auch für Europa, hofft der Theologe Hubert Wolf.

Bei der am Sonntag beginnenden, dreiwöchigen Amazonas-Synode könnte das Heiratsverbot für Priester weiter ins Wanken geraten. Auch die große Mehrheit der Katholiken in Deutschland empfinden der Zölibat als überkommen. 

Das hofft jedenfalls Hubert Wolf, katholischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte in Münster. Der Grund dafür, dass Wolf Bewegung in der Zölibatsdebatte erwartet, ist schlicht der Priestermangel im Amazonasgebiet:

Papst Franziskus sei geschockt gewesen, als er gehört habe, "dass in einer Diözese mit 20 Millionen Katholiken, die so groß ist wie die Bundesrepublik, es 17 Priester gibt und die Menschen in den 880 Pfarreien der Diözese nicht einmal einmal im Jahr die Gelegenheit haben, zur Eucharistie zu gehen", sagt der Theologe, der vor einigen Monaten ein Buch mit 16 Thesen gegen den Zölibat veröffentlicht hat. Deshalb denke der Papst jetzt darüber nach, im Amazonasgebiet ältere, verheiratete Männer als Priester zuzulassen.

Impulswirkung auch für Europa?

Von einer solchen Maßnahme könnten Impulse für die katholische Kirche insgesamt ausgehen, so Wolf. Zumal es auch hierzulande bereits verheiratete Priester gebe. Etwa evangelische Pfarrer, die zum Katholizismus überträten und die alle vor ihrer Priesterweihe eine Dispens vom Zölibat bekämen. Oder Priester, die aus den katholischen Ostkirchen stammten, wo Priester heiraten dürften.

"Wir haben jetzt in Münster [gemeint ist die Diözese Münster, d.Red.] zum Beispiel in einem Dorf einen ukrainischen Priester, der verheiratet ist und ein Kind hat und im Pfarrhaus wohnt, und die Leute sind begeistert. Die wollen den eigentlich lieber haben als manchen anderen."

Ein weiteres Argument gegen den Zölibat ist für Wolf die von den Bischöfen selbst in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie, die vor einem Jahr veröffentlicht wurde. Darin sei der Zölibat zwar nicht als Ursache des Missbrauchs von Kindern identifiziert worden, wohl aber als entscheidender Risikofaktor.

Hubert Wolf: "Und ich muss sagen: Risikofaktoren beim Missbrauch von Kindern zu minimieren – kann es eine größere Selbstverständlichkeit geben?"

(uko)

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