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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.05.2020

Amanda Lasker-Berlin: "Elijas Lied"Einmal zum Gipfel und wieder zurück

Von Anne Kohlick

Das Buchcover zu Amanda Lasker-Berlin: "Elijas Lied" (Deutschlandradio / Frankfurter Verlagsanstalt)
Das Buch gibt wertvolle Denkanstöße zu umstrittenen Themen. (Deutschlandradio / Frankfurter Verlagsanstalt)

Was geht im Kopf einer Rechtsextremen vor? Wie fühlt es sich an, bezahlten Sex mit einem Pflegebedürftigen zu haben? In ihrem Roman "Elijas Lied" erforscht Amanda Lasker-Berlin die Körper und Gefühle von drei Schwestern: ohne Angst vor Tabus.

Zu dritt wandern sie durch ein Moor: Elija, Noa und Loth. In diesem Roman sind sie keine biblischen Männerfiguren, sondern Schwestern im Hier und Jetzt, die seit Jahren zum ersten Mal wieder gemeinsam etwas unternehmen.

Am Morgen sind sie zusammen aufgebrochen: die magersüchtige Loth wie immer mit leerem Magen, Querdenkerin Noa rückwärtslaufend, um den Himmel besser zu sehen, und Elija, die das Down-Syndrom hat, verheddert in den Schnürsenkeln ihrer Wanderschuhe.

Gedankenströme und Erinnerungen

Bis in die Nacht begleitet der Debütroman "Elijas Lied" von Amanda Lasker-Berlin die Schwestern auf ihrem Weg zum Gipfel eines Bergs und wieder zurück. Je länger die drei zusammen unterwegs sind, desto klarer wird: Dieser Ausflug wird ihr Leben für immer verändern. Jedes Kapitel des Buches ist mit einer Uhrzeit überschrieben, die chronologisch voranschreitet. Dazwischen taucht die Erzählung in die Köpfe der Protagonistinnen ein.

Aus Gedankenströmen und Erinnerungen erfahren wir, dass Elija in Berlin erfolgreich Theater spielt, Loth in einer "patriotischen Hausgemeinschaft" in Halle wohnt und Noa als Sexualbegleiterin mit Pflegebedürftigen arbeitet. Doch wie viel wissen die Schwestern eigentlich voneinander? Das Reden fällt jeder der drei aus anderen Gründen schwer - dafür beobachten sie ihre Körper sehr genau: Loth schaut angewidert auf Elijas Speckröllchen, Noa fühlt spitz herausstehende Knochen, wenn sie Loth umarmt.

Nicht nur in dieser Körperlichkeit zeigt sich die feine Beobachtungsgabe der erst 25-jährigen Autorin. Sie beschreibt Details, die für ihre Figuren wichtig sind - das Gefieder einer ausgestopften Eule, die Tropfengröße, mit der Wasser aus dem Duschkopf strömt - in schlichten, treffenden Sätzen, manchmal nur Wortgruppen, kurz und direkt.

Jede Schwester hat ihren eigenen Ton

Dabei hat jede Schwester ihren eigenen Ton: Der von Loth ist hart und geprägt von Worten wie "Heimat", "Stolz" und "sauber" - auch wenn ihr mitunter Zweifel kommen an den Kameraden und den YouTube-Videos gegen "linke Meinungsfaschisten".

Die Sprache der Schwester mit Trisomie 21 entfaltet dagegen eine träumerische Poesie: "Elijas Hand landet auf seinem Hinterkopf … Sie legt beide Hände darauf, vielleicht kann sie so hören, wie seine Gedanken hin- und herflitzen."

Elijas Leben mit dem Down-Syndrom - für Loth ist es nicht lebenswert. Kann man so über seine Schwester denken und trotzdem eine Familie sein?

Was tun, wenn ein Teenager mit Trisomie 21 schwanger wird? Oder die eigene Schwester plötzlich zum Internet-Star der identitären Szene aufsteigt und demnächst wohl vom Verfassungsschutz beobachtet wird?

"Elijas Lied" gibt keine eindeutigen Antworten, aber umso wertvollere Denkanstöße zu umstrittenen Themen. Ein mutiger Debütroman, der mit seinen vielschichtigen Figuren und seiner klaren Sprache überzeugt.

Amanda Lasker-Berlin: "Elijas Lied"
Frankfurter Verlagsanstalt, 2020
256 Seiten, 22 Euro

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