Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 13.11.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.04.2009

Am Vorabend der Diktatur der Kunst

Jonathan Meese im Arp-Museum

Von Christoph Gehring

Podcast abonnieren
Die Gesten eines Staatenlenkers hat er drauf: Der Radikal-Performer Jonathan Meese   (AP)
Die Gesten eines Staatenlenkers hat er drauf: Der Radikal-Performer Jonathan Meese (AP)

Jonathan Meese gilt Kunstkennern als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Jetzt hat Meese eine neue Aufgabe gefunden: Er gibt den Diktator des fiktiven "Erzstaates Atlantisis" im Arp Museum in Remagen. Dort ist die erste, nahezu lückenlose Retrospektive auf sein bildhauerisches Werk zu sehen.

Am Eingang zum Erzstaat Atlantisis grüßt Marschmusik. Zwischendurch spricht der Staatenlenker seltsame Sätze vom Band. "Du hast einen hübschen Lolli - aber du hast leider keinen Humor." Gleich treffen wir den Staatenlenker. Er wartet im Obergeschoss. Im Lichtschacht neben dem gläsernen Fahrstuhl liegen Skelette. Die Demokratenfamilie. Man braucht Humor. Oder viel Verbitterung. Der Staatenlenker trägt beides in sich. Der Fahrstuhl wuchtet den Menschen 40 Meter in die Höhe und speit ihn direkt vor ein Standbild des Staatenlenkers. Bronze. Schrumpelig. Verwachsen. Daneben: Der Staatenlenker. Und das Volk, das in seinen Staat drängt, den Erzstaat Atlantisis, die Diktatur der Kunst. Der Staatenlenker ist - Jonathan Meese.

"Atlantis ist der total rechtsfreie Raum. Atlantis ist nicht untergegangen, sondern hat sich getarnt. Seit der Dalai Lama im Spiel ist, ist eben Atlantis weg. Die Reise ins Innere, die endet immer mit dem Tod. Das ist ein Synonym für den Tod. Und wenn irgendein Prediger oder Prophet oder Guru einem die Reise ins Innere anbietet, dann bietet er den Tod an."

Erzstaat Atlantisis, eine Statistik: Das Staatswesen wird zusammengehalten von 170 Plastiken und Skulpturen, 14 Gemälden, elf Künstlerbüchern in Vitrinen, zehn Filmen, vier Klangquellen und einer Großcollage. Daraus hat Jonathan Meese die neue Welt geschaffen, die von außen wie das Arp-Museum aussieht, innen aber wüst und brachial und obszön und schroff ist und voller Penisse. Pimmel. Schwänze. Das primäre Geschlechtsmerkmal des Mannes, bronzehart oder mit weichem Strich gemalt, immer aber übergroß, scheint diese Welt zusammenzuhalten.

"Das ist so ein mieser Mythos, der mir auch immer angedichtet wird: Ich sei ein Spinner. Verrückt. Total genial. Dilettantisch. Geil. Widerlichblödperversobszön - nur das Menschen-Ich ist obszön! Ich liebe Pornographie, das was als Pornographie bezeichnet wird. Deshalb bin ich sehr oft in Erotikshops. Ich habe aber noch nie etwas pornographisches dort entdeckt. Ich sehe nur Spielzeug. Ja, aber wenn ich morgens in den Spiegel gucke und mich zum Gesetz für andere mache, da sehe ich das Obszönste, das Widerwärtigste und Ekelerregendste! Und da führe ich den totalen Krieg gegen mich selber. Der totale Krieg gegen dich selbst, der ist total gerecht. Du selber bist der Feind, gegen den du vorgehen musst! Du musst auch liebevoll mit dir sein, kannst ja auch mal ausschlafen und dich wieder beruhigen. Aber es gibt heute keinen Feind mehr außerhalb von einem selber."

Ohne Fremdenführer wird es schnell unübersichtlich in diesem Erzstaat Atlantisis, den Jonathan Meese am idyllischen Ufer des Rheines errichtet hat. Zu viele Anspielungen, zu viele Zweideutigkeiten, zu oft die Frage: Meint der das so, der Staatenlenker Meese? Er müsste jeden Tag jeden Einzelnen durch dieses Staatengebilde führen, dann würde es verständlich. Aber dazu hat der Staatenlenker Meese keine Lust, er muss weiter an seinem Staat, seiner Welt bauen. Der zweitbeste Führer, der sich möglicherweise finden lässt, um den Weg durch Atlantisis zu finden, gilt außerhalb davon als Kurator und heißt Daniel Schreiber. Und er hat viel Nietzsche gelesen.

"Sterben, geboren werden, sterben, geboren werden. Es gibt sozusagen keinen Himmel, es gibt keine Götter - also das hat dieser Alleszerfleischer Nietzsche gesagt. Und möglicherweise ist also eine gute Portion von dieser Metaphysiklosigkeit auch im Werk von Jonathan Meese, also es ist der leere Erzraum, den Sie auch selber mit Ihrer Utopie füllen können. Also das ist jetzt mein kuratorisch-theoretisches Konzept und ich kann jetzt gerne dir das Feld überlassen. Vielleicht sagst du auch was zu den einzelnen Skulpturen?

" Klar!"

Aber natürlich sagt der Chef von Atlantisis nichts zu den einzelnen Skulpturen. Wieso auch? Ihm geht es nicht um das einzelne Werk, das nur ein Krümel im Großen, Ganzen sein kann. Ihm geht es um - Kunst. Und um deren Diktatur, die die totale Freiheit bedeutet. Vor allem die totale Freiheit von der Realität.

"In der Kunst gibt es keine Opfer und keine Märtyrer. Das gibt es nur in der Religion und in der mickrigen Realität. Und die Kunst muss so stark werden, dass sie diese mickrige Realität verdrängen kann, um einen neuen Nullpunkt zu schaffen. Eine neue Zeitrechnung muss beginnen, wo die Kunst herrscht, wo etwas beginnt, was wir noch nicht wissen. Viele sagen: "Öh, das können wir uns nicht vorstellen, ja was soll denn das sein?" Ich kann es mir auch nicht vorstellen, niemand kann es sich vorstellen."

Was man sich nicht vorstellen muss, sondern unabweisbar als Realität, die Realität außerhalb des perfekten, wahnsinnigen, visionären, ordinären, unreglementierten Erzstaates Atlantisis zur Kenntnis nehmen muss, das ist das Leben draußen, in das die Gäste - und mehr als ein Gast kann man nicht sein - von Meeses Künstlerstaat entlassen werden, wenn die Audienz vorbei ist. Dort sitzen dann beispielsweise angejahrte Kurgäste auf Parkbänken, führen beiges Popeline und kleine Hunde spazieren und haben keine Ahnung, dass dort drinnen, im Arp-Museum hoch über dem Rhein, ein neuer, vielleicht ein besserer, auf jeden Fall ein spannenderer Staat ausgerufen wurde als der, dem sie ihren Kuraufenthalt in Bad Breisig zu verdanken haben. Den Gedanken findet Oliver Kornhoff, der Direktor des Arp-Museums und derzeit so etwas wie der atlantisisische Botschafter in der Bundesrepublik, naheliegend. Aber falsch. Auch dort draußen, in der mickrigen Realität, sei der Staatenlenker Jonathan Meese ein überzeugender Abgesandter seines Erzstaates Atlantisis.

"Ich glaube, Jonathan Meese würde liebend gerne mit alten Muttchens, die ihren Spitz an der Leine führen, auf der Parkbank sitzen und ihnen genau das gleiche erzählen, was er uns heute erzählt hat. Und ich bin sicher, die Muttchens würden einen Großteil von dem auch verstehen - nicht weil sie sich für Kunst interessieren, aber weil sie die Energie und die Leidenschaft spüren und weil sie die Ernsthaftigkeit spüren, die hinter dieser ganzen verbalen Eruption steckt."

Info:
www.arpmuseum.org

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur