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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.08.2010

"Am Samstag ist die Schlingensief-Republik gestorben"

Der Berliner Theater-Intendant Matthias Lilienthal über seinen "einzigen Freund" Christoph Schlingensief

Matthias Lilienthal im Gespräch mit Joachim Scholl

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Intendant Matthias Lilienthal im Foyer des Theaters Hebbel am Ufer, Berlin (Theater Hebbel am Ufer, Georg Knoll)
Intendant Matthias Lilienthal im Foyer des Theaters Hebbel am Ufer, Berlin (Theater Hebbel am Ufer, Georg Knoll)

Der Einschnitt ist für Lilienthal so groß wie damals, als Fassbinder starb: Mit dem Krebstod seines Freundes Christoph Schlingensief gehe eine Ära zu Ende. Aber er ist sich sicher, dass der seine neueste Kamera mitgenommen habe und "schon längst den anderen Film" drehe.

"Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt. Wir gedenken dem zukünftig Verstorbenen, der vieles leisten wollte, kaum dass er schon wieder weg war. Ein Mensch wie wir, wie du, wie ich, wir alle und damit auch besonders. Er war der, der er war, mehr nicht. Aber immerhin, wer kann das schon von sich sagen?"

Joachim Scholl: Ein Auszug aus "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", 2008 aufgeführt, gewissermaßen ein Requiem auf seinen eigenen Tod. Christoph Schlingensief - am Samstag ist der Künstler, der Regisseur, im Alter von nur 49 Jahren gestorben. Im Studio begrüße ich nun Matthias Lilienthal, er ist Direktor am Berliner Theater Hebbel am Ufer. Guten Tag, Herr Lilienthal!

Matthias Lilienthal: Guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Sie schreiben heute im Berliner "Tagesspiegel", Herr Lilienthal: "Ich bin traurig, dass mein einziger Freund tot ist." Was war das für eine Freundschaft zwischen ihnen?

Lilienthal: Ach, wir haben uns kennengelernt 1993, und da war kurzfristig an der Volksbühne eine Inszenierung ausgefallen. Und dann nahm der damalige Referent von Castorf, Dirk Nawrotzki, hat das "Tip" gelesen, und hat dann über "Terror 2000 – Intensivstation Deutschland" gelesen. Und dann klang das irgendwie interessant und dann haben wir Christoph angerufen in Mülheim und ach ja, kommt doch mal! Und dann bin ich da rübergefahren und dann saßen wir da in irgendeiner Kebabbude rum, er hat über seinen Film erzählt und dann haben wir die Theaterarbeit in Berlin verabredet, und ab da war er eigentlich mein Freund.

Scholl: 93 begann die Arbeit an der Volksbühne …

Lilienthal: Genau!

Scholl: …, die dann doch, ja, kontinuierlich einfach sich vollzog. Wie haben Sie denn ja so und auch die Theaterwelt in Berlin damals so diese ersten Projekte auch aufgenommen? Ich meine, waren das nicht so auch Schläge ins Kontor? Das war ja auch was ganz überraschend Neues auf dem Theater?

Lilienthal: Na ja, es war, die Filme waren ja so krude, es ging um Asylanten. Aber die Asylanten waren dann plötzlich aufgenommen in einer Kaserne - Feliks Dzierzynski bei Teupitz - also so einem Stasiregiment. Und die Asylanten schrien immer "ficken, ficken, ficken". Und ein Stuntman versuchte, über ein Wahlplakat von Helmut Kohl zu springen und klatschte auf das Plakat. Und das Gesicht von Herrn Kohl war rot besudelt und das war natürlich so wie "Kettensägenmassaker", das hatte was mit Horrorfilm zu tun, das hatte was mit Trash zu tun, das hatte natürlich so einen politischen Einspruch, der aber auch sich nicht verorten ließ. Weil dass die Asylanten dann "ficken, ficken, ficken" riefen, war ja auch nicht so politisch korrekt. Und dieses krude Chaos war daran irgendwie interessant.

Scholl: Sie haben mit ihm zusammen das Projekt "Ausländer raus" in Wien gemacht, Matthias Lilienthal. Im Jahr 2000 war das. Also für alle, die mit der Arbeit, dem Stil von Christoph Schlingensief vielleicht auch nicht so vertraut sind: Wir haben jetzt schon viel gehört, aber erzählen Sie doch mal, wie so eine Aktion dann ablief!

Lilienthal: Na ja, bei "Ausländer raus" war eigentlich so die Idee, wir machen was für die Wiener Festwochen. Und damals war ja gerade die FPÖ an die Regierung in Österreich gekommen und dann war die Frage, es gibt Container wie bei …

Scholl: Die Partei von Jörg Haider.

Lilienthal: … die Partei von Jörg Haider. Und es ging darum, dass Asylanten aus diesem Container rausgewählt wird. Und das Ganze fand dann statt direkt neben der Staatsoper am Ring in Wien, und dann wurden diese Container aufgebaut und es stand auf den Containern oben drauf "Ausländer raus". Als Erstes am Montagmorgen, als das passierte, kam dann ein Bus mit einer Reisegruppe aus Israel, die sah als Erstes neben der Staatsoper "Ausländer raus" und reiste sofort wieder zurück. Und das war dann natürlich eine Frage auf die Ausländerfeindlichkeit in Österreich. Aber dann auch die Ausländerfeindlichkeit natürlich noch mal abwickeln, indem man sagt, Sie können es wählen. Und …

Scholl: Und zugleich eine Persiflage auf "Big Brother" und den Container?

Lilienthal: Ja, Persiflage, also das war, das war halt: Natürlich, Persiflage trifft es vielleicht nicht ganz, weil es war ja ein ernstes Ritual. Also so, wie Sie es jetzt gerade bei "Kirche der Angst" eingespielt haben, eigentlich hat er immer Rituale entworfen, die dann so eine Austreibung, Teufelsaustreibung für die Gesellschaft beinhalteten und wo sich immer alles widersprach. Und das war dann eine Aktion, die wochenlang die österreichische Presse beschäftigt hat, und von uns hatte irgendwann auch keiner Lust, noch irgendeinem amerikanischen Radiosender noch irgendein Interview zu geben.

Scholl: Woher kamen eigentlich Schlingensiefs Ideen? Man hat ja auch so das Gefühl, wenn man so diese Werkbiografie sieht von den letzten 20 Jahren, dass der Mann praktisch pausenlos arbeitete, jeden Monat ein neues Projekt, eine neue Idee, ein neuer Plan.

Lilienthal: Der quatschte da einfach immer vor sich hin. Also der hat, wir wussten auch nicht, wann er gelebt hat oder gearbeitet hat, das war immer alles eins. Also der saß im Auto, quatschte vor sich hin, und in jedem Halbsatz wurde ein neues Projekt entworfen. Und der telefonierte auch pausenlos mit allen Menschen und kommunizierte mit allen, und daraus, da wurden diese Ideen immer rausgeschleudert. Und das war ihm, das war auch das, was ihm immer Spaß gemacht hat.

Scholl: Aber er hat es jetzt ja dann doch auch immer umgesetzt. Das heißt also, man muss auch irgendwie eine Art von Pragmatismus, einen künstlerischen, haben. Also nicht nur reden, nicht nur vor sich hinquatschen, sondern die Sachen kamen auf die Bühne!

Lilienthal: Klar, aber es gibt auch 80 Prozent von Ideen, die nie realisiert wurden. Also und na klar, aber es war natürlich auch eine Factory. Also nicht umsonst hat er auch immer wieder von ner Warhol, also es gibt ja auch ganz viele Leute, die für ihn gearbeitet haben. Und die ihm dann geholfen haben, die Sachen umzusetzen, oder die versucht haben, seine Ideen aufzufangen und zu betreiben. Und das war das, was total Spaß gemacht hat mit ihm.

Scholl: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Matthias Lilienthal, er leitet das Berliner Theater Hebbel am Ufer und ist, und war ein enger Freund von Christoph Schlingensief. Man hätte sagen können, Herr Schlingensief 2004, als der Anruf von Wolfgang Wagner kam so für die Inszenierung des "Parsifal" in Bayreuth, ja Mutmaßung, jetzt fängt der Weg an ins Establishment, so Smoking statt Jeans. Und auch das ist in keiner Weise geschehen.

Also er hat trotzdem also auch "Parsifal" in Bayreuth seine eigene Handschrift aufgeprägt, und wenn man jetzt so die Vielzahl von Stimmen sieht, die jetzt also auch sich äußern zu dem Tod von Christoph Schlingensief bis hin zur Politik, könnte man eigentlich sagen: Das Establishment hat nicht ihn übernommen, sondern er hat ein wenig das Establishment übernommen oder auch ein wenig so die Kultur unseres Landes doch ja so geprägt, dass man so einen wie ihn plötzlich für unersetzlich hält.

Lilienthal: Am Samstag ist die Schlingensief-Republik gestorben. Also es gab, der war ja eine Figur also, die sowohl als Filmemacher als auch als bildender Künstler als auch als Theatermann. Und das war er natürlich immer: Wenn er dann baden gegangen ist in den Wolfgangsee, um Helmut Kohl zu ertränken, und dann wenn ganz viele Leute da kommen und sich in den See reinstürzen, dann sind wir den Bundeskanzler endlich los. Ist ja totaler Quatsch! Also selbst, wenn es mehr als die paar hundert gewesen wären, auch wenn es hunderttausend gewesen wären, hätte das Herrn Kohl nicht das Leben gekostet. Das sind ja absurde Installationen und diese Lust, diese absurden Installationen immer weiterzudenken.

Scholl: Ja. Aber heute, also sozusagen, heute trauert ein Bernd Neumann, CDU-Mitglied und Kulturstaatsminister, und nennt diesen Mann einen der wichtigsten Künstler unserer Republik. Das ist ja auch interessant, oder?

Lilienthal: Ja ist doch gut, dass sie es kapiert haben!

Scholl: Wir haben vorhin, Herr Lilienthal, eine kurze Passage aus der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" gehört. Wie haben Sie als sein Freund, der wahrscheinlich auch immer besser und eher wusste, wie es wirklich um ihn stand, wie haben Sie diesen öffentlichen künstlerischen Umgang von Christoph Schlingensief mit seiner Krankheit erlebt?

Lilienthal: Er hat ja immer seine, er hat immer seine Biografie und sein Leben zum Inhalt dessen gemacht, und das war dann bei der Erkrankung dasselbe. Also auch die Erkrankung. Er ist für uns alle stellvertretend krank geworden und hat dann auch seine Erfahrung damit exzessiv ausgelebt und veröffentlicht. Und das hat ja auch vielen anderen Menschen auch in dem Umgang mit solchen Krankheiten noch Hoffnung und Kraft gegeben und das halt total bewundert. Und dann manchmal war es, manchmal saß ich aber auch dabei und dachte, warum tust du dir das jetzt auch so an, dass es jeder weiß, und dazwischen schwankte ich natürlich manchmal.

Scholl: Ich meine, man hatte umgekehrt das Gefühl durch diese Offensive, dass er es packen würde. Dass gerade so einer es packt, der so also radikal auf diese Krankheit zumarschiert und sagt: Ich bin beleidigt, ich bin gekränkt, der über Gott auch reflektiert. Dass jetzt doch also auch, also als die Nachricht am Samstag kam, also mir ging es so, ich doch plötzlich geschockt war, ich dachte: Ach nein! Obwohl man sich eigentlich seit einem Jahr es hätte ausrechnen können. Lungenkrebs ist nun wirklich eine der schlimmsten Krankheiten und ohne einen Lungenflügel und dann Metastasen. Ab wann wussten Sie, dass es wirklich so schlimm um ihn stand?

Lilienthal: Ach, der, die … Er hat dem Leben ja noch mal eine ganz lange Zeit abgerungen. Also und er hat viel mehr geschafft, als da zu hoffen war. Außerdem bin ich mir ganz sicher, dass er am Samstagmorgen noch mal kurz zu Saturn gegangen ist und sich die neueste Kamera gekauft hat. Und die hat er mitgenommen und der dreht schon längst den anderen Film!

Scholl: Wird Christoph Schlingensief Erben haben? Wie wird sich sein Werk fortsetzen?

Lilienthal: Es haben ja ganz viele Leute immer bei ihm assistiert und hospitiert und eine ganze Reihe von Leuten, die mit ihm gearbeitet haben, arbeiten, sind ja junge Künstler, die zum Beispiel am HAU arbeiten oder Filme machen. Und insofern wird der, wird das natürlich Folgen haben. Und ich glaube auch, dass diese Orientierung eine Riesenrolle spielt. Und ich musste irgendwie in den letzten Tagen so ein bisschen dran mich erinnern: Als ich jung war, starb dann irgendwann mal Fassbinder, und der Tod von Christoph ist ein ähnlicher Einschnitt.

Scholl: Seit 17 Jahren sind Sie mit ihm befreundet gewesen, Herr Lilienthal. Was war die schönste Geschichte vielleicht oder eine der schönsten Geschichten, die Sie mit ihm zusammen erlebt haben? Wird es viele geben, wahrscheinlich.

Lilienthal: Ja, das ist schwer zu sagen. Also das absurdeste Projekt haben Sie schon benannt, das war ganz sicher "Ausländer raus". Und das Aufregendste war vielleicht, wie man diesem Bilderentwerfer und Filmemacher dann das erste Mal versucht hat, mit dem Theater bekannt zu machen und sich da den Weg zu suchen. Und dann war es diese Erfindung, dass er – der stand ja bei "100 Jahre CDU - ein Jahr im Führerbunker" (Der korrekte Titel lautet: "100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen", Anmerkung der Redaktion) nicht von Anfang an mit auf der Bühne. Sondern wir haben dann irgendwie nach der vierten, dritten, vierten Vorstellung miteinander gequatscht und haben gesagt: Irgendwie, du bist ganz anders als der Abend ist, und irgendwas fehlt da. Und dann hat, und dann fiel die Entscheidung, dass er mit auf die Bühne geht. Und dann hat er das Licht ausmachen lassen, hat, ist in Heulen über den Tod seiner Oma ausgebrochen und hat sich einen Schuss gesetzt. Und hat dann plötzlich die Abstraktion der Inszenierung über sein eigenes Familienschicksal spürbar werden lassen.

Scholl: Matthias Lilienthal, Direktor am Berliner Theater Hebbel am Ufer und enger Freund von Christoph Schlingensief. Ich danke Ihnen für den Besuch, Herr Lilienthal!

Lilienthal: Vielen Dank!

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