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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.02.2009

"Am Anfang stand eigentlich eine ganz harmlose Auffälligkeit"

"FAZ"-Redakteurin Voss über den Zusammenhang von Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf" und Charles Darwin

Julia Voss im Gespräch mit Holger Hettinger

Julia Voss sieht einen Zusammenhang zwischen Charles Darwin und Michael Endes Buch "Jim Knopf" (AP Archiv)
Julia Voss sieht einen Zusammenhang zwischen Charles Darwin und Michael Endes Buch "Jim Knopf" (AP Archiv)

Die Kunsthistorikerin Julia Voss hat herausgefunden, dass sich in Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" sehr viele Querverweise auf den Evolutionsforscher Charles Darwin finden lassen. Jemmy Button aus dem Werk von Charles Darwin sei "übersetzt Jim Knopf", sagte die Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Holger Hettinger: Michael Endes Buch "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer", eines der erfolgreichsten Kinderbücher der Nachkriegszeit. Die Geschichte von der Insel mit zwei Bergen, die von vielen skurrilen Gestalten bevölkert wird, darunter die altmodische Lokomotive Emma, der stets regenbeschirmte Herr Ärmel, die Schülerquälerin Frau Mahlzahn und natürlich das Findelkind Jim Knopf und dessen bester Freund, der ölverschmierte und bärenstarke Eisenbahner Lukas.

Gerade wenn man die Fernsehversion der Augsburger Puppenkiste vor Augen hat, mag man Michaels Endes Geschichte für einen Stoff von gemütvoller Betulichkeit halten. Völlig verkehrt sagt Julia Voss. Sie ist Kunsthistorikern, hat über Darwins Buchillustrationen promoviert und ist Kulturredakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ihre These: Die Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer ist ein Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Rasseideologie, wie sie im Dritten Reich unter Berufung auf die Thesen von Charles Darwin an den Schulen vermittelt wurde. In einem Studio in Frankfurt begrüße ich nun Julia Voss. Schönen guten Morgen!

Julia Voss: Guten Morgen!

Hettinger: Frau Voss, was hat Sie darauf gebracht, Michael Endes "Jim Knopf" und die Theorien von Charles Darwin zusammenzudenken?

Voss: Am Anfang stand eigentlich eine ganz harmlose Auffälligkeit, und zwar einfach eine Namensübereinstimmung von Jemmy Button und Jim Knopf. Jemmy Button ist mir bekannt eben aus dem Werk von Charles Darwin, weil das ein junges, feuerländisches Kind war, was auf der Beagle wieder mit zurückgereist ist nach Feuerland, wovon her er zuerst geholt worden ist, dann in England zwei Jahre erzogen wurde, und als Darwin mit der Beagle ausfuhr, wurde dieses Kind wieder zurückgebracht. Dieses Kind hieß Jemmy Button, und mir ist irgendwann aufgefallen, dass Jemmy Button natürlich übersetzt Jim Knopf ist. Und daraufhin habe ich mich noch mal drangemacht, Jim Knopf noch mal neu zu lesen, und dann gibt es immer mehr Auffälligkeiten. Also dann ist die Übereinstimmung von Lummerland und England als einer kleinen Mikrogesellschaft sehr auffällig, und es taten sich dann immer mehr Übereinstimmungen auf.

Hettinger: England hat aber mehr als zwei Berge, wenn mir dieser kleine Einwand gestattet sei. Woran machen Sie die Auffälligkeiten und diese Übereinstimmungen fest?

Voss: Lummerland ist auf den ersten Blick gleich zu sehen, natürlich ist es eine kleine Insel, es gibt dort eine Eisenbahn wie im England der Industriezeit. Regiert wird Lummerland von einem König, der schottische Pantoffel trägt, also United Kingdom. Die Untertanen von Lummerland, es gibt ja nur drei Untertanen, aber die Untertanen sind Bürger, Kaufleute und Arbeiter. Herr Ärmel, einer dieser Untertanen, heißt wie der Ärmelkanal, der England vom Kontinent trennt.

Hettinger: Also sind schon namensmäßige Auffälligkeiten zu spüren, aber wo genau kommt da der Nationalsozialismus, wo genau kommt der Gegenentwurf zu diesen Rassetheorien ins Spiel?

Voss: Das kommt ein bisschen später, die Geschichte läuft ja so: Jim Knopf kommt als Paket in Lummerland an, ähnlich auch wie damals Jemmy Button, der praktisch auch als Ware mitgebracht wird nach England. Und dann machen sich Lukas, der Lokomotivführer, und Jim Knopf eben auf. Weil Lummerland zu eng ist und nicht alle Bewohner aufnehmen kann, machen sie sich auf eine Weltreise.

Und eine dieser Stationen ist eben ganz am Anfang Mandala, und in Mandala erfahren sie von den Drachen, ist ganz interessant, wie sie eingeführt werden. Es gibt einen Hofzoologen, also auch wie im England des 19. Jahrhunderts, es gibt einen Hofzoologen, der an einer Tafel ihnen die verschiedenen Rassen der Drachen vorführt. Diese Tafel sieht aus in der Illustration von Tripp wie Unterrichtstafeln aus dem 19., 20. Jahrhundert, späten 19., 20. Jahrhundert.

Und sie fahren dann los, und ich glaube, das ist die auffälligste Szene im ganzen Buch, sie fahren von Lummerland nach Kummerland, der bösen Drachenstadt. Und zu Kummerland heißt es dann, dass Kummerland ein schwarzes Loch ist, aus dem es raucht wie aus einem Ofenrohr. Und in dieses rauchende Ofenrohr fahren Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mit einer Eisenbahn hinein. Und ein großes Schild hängt oben drüber, auf dem steht, der Zutritt für nicht reinrassige Drachen sei bei Todesstrafe verboten. Das heißt, wir haben die ganzen Reizwörter als auch die Ikonografie des …

Hettinger: Diese KZ-Ikonografie auch ein bisschen?

Voss: Genau, wir haben die KZ-Ikonografie. Das heißt, im Deutschland der Nachkriegszeit erscheint ein Kinderbuch, wo eine Lokomotive in ein rauchendes Ofenrohr rein fährt, und oben drüber steht, was man in Deutschland der Nazizeit eben überall finden konnte, dass der Zutritt für nicht Reinrassige, also damals für Juden, verboten sei.

Hettinger: Das ist dieses Kummerland. Wenn ich mich recht erinnere, das ist eine Szene, da sind die Schüler in irgendeiner Weise ganz schlimm angekettet an ihren Bänken, und Frau Mahlzahn, reinrassiger Drache, wenn ich mich recht erinnere, der biegt ihnen dann irgendwas bei, und wenn ich mich meine vage Erinnerung nicht trügt, die müssen irgendwelchen falschen Dinge für sich annehmen und wehren sich da aber. Gibt es da auch Parallelen?

Voss: Ja, also Ende war ein großer Kritiker der Schulausbildung, so wie er sie selbst erfahren hat, er ist ja im Nationalsozialismus zur Schule gegangen, und diese Schule gleicht natürlich mehr einer Drillstation, einer Kaserne als einer Schule als Aufklärungsort. Und diese Kinder, wie Sie sagten, sind an den Schulbänken festgekettet und werden dann eben gedrillt, bestimmte Sachen zu sagen.

Und so beschreibt Ende auch den Schulunterricht im Dritten Reich. Also er sagt dann selber, Jim Knopf ist ja derjenige, der nicht lernen möchte, und Ende sagt auch selber über sich, er wollte nicht lernen, jedenfalls das nicht, was ihm in der Schule beigebracht worden ist. Und Frau Mahlzahn, das ist ja auch sehr schön geschrieben bei ihm, hat eben auch diesen militärischen Drillton. Immer wenn sie spricht, ich glaube, daran wird sich auch jeder erinnern, sind die Rrrs ja immer mehrfach geschrieben. Also sie spricht mit diesem rollenden militärischen Ton zu ihren Schülern.

Hettinger: Auf welche Motive insgesamt nimmt Michael Ende denn Bezug, die die Nationalsozialisten aus Darwins Theorie von der Entstehung der Arten abgeleitet haben?

Voss: Also es ist ja bekannt, dass die Nationalsozialisten aus der Evolutionstheorie eine Rassetheorie gemacht haben und aus der Evolutionstheorie praktisch eine große Rechtfertigungstheorie, die Gewalt und Unterdrückung und Beseitigung von Leben rechtfertigen sollte. Das hat mit Darwin erst mal gar nichts zu tun. Bei den Nationalsozialisten war das aber sozusagen die biologistische Fundierung, die in alle Unterrichte reingetragen worden ist, also von Deutsch über den Erdkundeunterricht, über den Sprachenunterricht, in allem taucht dann diese Rassetheorie auf, wo es eben darum ging, die Menschheit in verschiedene Rassen aufzuteilen, angebliche Rassen aufzuteilen und diese auch stark zu hierarchisieren. Das heißt, es gibt dann die lebenstüchtigen und starken Arier, mit denen man sich selbst identifiziert hat, und eben Rassen, denen man die Berechtigung abspricht wie damals den Juden, die durch die Arier besiegt werden müssen und praktisch in einem Kampf ums Dasein vernichtet werden müssen.

Hettinger: Und als Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, in dieses dunkle Land, in dieses Kummerland geraten, dann haben sie aber auch die Kraft, die zu befreien. Und dann lassen Sie uns mal auf Lummerland die ganze Sache konzentrieren, dann löst sich das Ganze auf. Da findet Versöhnung statt, Eintracht, Freundschaft wird ganz großgeschrieben. Ist das der Gegenentwurf zu diesem nationalsozialistisch missbrauchten Darwin, von dem anfangs die Rede war?

Voss: Ja, absolut. Also bei Ende werden diese Sachen praktisch rückwärts erzählt. Es gibt ja, auch wenn man dann sich anschaut, was mit Lummerland passiert, was Ende aufgreift, sind lauter Mythen, die auch in Kinderbüchern der Nazizeit unglaublich verbreitet waren, für mich war das zum Teil auch neu. Aber ein ganz wichtiger Mythos im Nationalsozialismus war eben Atlantis. Atlantis war damals tradiert als der Ort, wo die Arier herkommen und wo sie auch wieder hinziehen sollten. Atlantis gibt es natürlich auch in "Jim Knopf", Atlantis taucht da neben Lummerland eben auf, Lummerland ist nur die Spitze davon, aber es ist eben so, dass alle Rassen, alle Völker der Erde auf dieses Stück Land ziehen und dort in Eintracht zusammenleben. Also genau ein Gegenentwurf.

Das Zweite ist vielleicht die ganze Drachenmythologie da drin, die Drachenmythologie ist eine urdeutsche Mythologie, Nibelungensage natürlich, und die Drachen sind immer die Geschöpfe, gegen die man kämpfen muss und die man vernichten muss. Was in "Jim Knopf" passiert, ist, dass sie eben auch gegen diese Drachen antreten, die bösen Drachen sind die Reinrassigen, die guten sind die Mischlinge, also wie Nepomuk, den sie zum Beispiel vor Kummerland treffen. Das heißt, da gibt es auch schon eine Umwertung. Wenn sie diesen Drachen aber besiegen, wird dieser Drache eben nicht umgebracht, sondern diesem Drachen wird eigentlich eine zweite Chance gegeben, und er verwandelt sich dann in einen anderen mythologischen Drachen, nämlich den Glücksdrachen der asiatischen Kultur. Das heißt, aus dem Drachentöter ist ein Drachenretter geworden. Und auch da gibt es dann einen Moment der Harmonie und Einigkeit, die sich dann einstellt in dem Moment dieses Verzeihens.

Hettinger: Eigentlich ganz viel drin in diesem Kinderbuch "Jim Knopf". Zum einen diese peinigende, herrschsüchtige und determinierende NS-Pädagogik, die dann umgemünzt wird, mit einem Gegenentwurf konfrontiert. Ich frage mich, warum war das für Michael Ende so drängend? Als das Buch 1960 erschienen ist, da hatte das Wirtschaftswunder doch tonangebende Veränderungen in Deutschland hervorgerufen. War das überhaupt noch so an der Tagesordnung?

Voss: Ja, ich glaube, eine Beobachtung, die mich dann sehr nachdenklich auch gemacht hat: In den Nachkriegsjahren haben wir viele Bücher, in denen Kinder auftauchen – nehmen wir zum Beispiel "Die Blechtrommel" –, Kinder sind immer das Außen-Vor des Dritten Reichs in diesen Erzählungen, Kinder sind sozusagen neutral und schauen sich das an. Ich glaube, was Michael Ende wie kaum ein anderer verstanden hat, ist, dass natürlich der Nationalsozialismus insofern weitergeht, als diese Kinder, die damals zur Schule gegangen sind und eben in Rassekunde ausgebildet worden sind, natürlich zu Erwachsenen werden in den 1950er-Jahren.

Das heißt, die haben eine Art von Bildung bekommen, die natürlich weiterläuft, auch wenn das Dritte Reich längst beendet ist. Und ich glaube, dagegen hat er versucht, eine Gegenmythologie zu schaffen und zum einen der neuen Generation eine zweite Chance zu geben, dass sie mit anderen Bildern, mit anderen Mythen, mit anderen Geschichten aufwächst, als auch dieser anderen Generation, die diese Mythen und Bilder noch im Kopf hat, denen praktisch ein Gegenmodell an die Hand zu geben, wie man das anders erzählen kann. Und er hat ja selber gesagt, dass "Jim Knopf" zuerst nicht als Kinderbuch geplant war. Das heißt, es richtete sich eigentlich an Erwachsene und sollte einen Gegenmythos in Gang setzen zu den Mythen, mit denen diese Erwachsenen groß geworden sind.

Hettinger: Das würde bedeuten, Michael Ende war keineswegs der fantasiebegabte Fabulierer und der Schöpfer dieser farbenprächtigen Märchenwelten, als der er oft gesehen wird?

Voss: Ja, er ist natürlich beides. Aber ich muss sagen, ich war sehr beeindruckt, nachdem ich mich durch diesen "Jim Knopf" noch mal durchgefräst habe, man tatsächlich diese ganze Symbolik so entschlüsseln kann. Ich war sehr beeindruckt, dass eben Michael Ende nicht nur ein guter Fantast ist und es versteht, lustige Szenen aneinanderzuhängen, sondern dass tatsächlich ein so großer und durchdachter Kosmos dahintersteht und wirklich dieser bewusste Versuch, einen Gegenmythos in Gang zu setzen.

Hettinger: Schönen Dank, Julia Voss. Die promovierte Kunsthistorikerin hat über Darwins Buchillustrationen promoviert und ist Kulturredakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

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