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Zeitfragen | Beitrag vom 25.02.2021

Alzheimer Die Krankheit im Auge erkennen

Von Christine Westerhaus

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Nahaufnahme eines Auges. (imago images/Westend61)
Mediziner untersuchen, inwiefern die Netzhaut Auskunft über eine mögliche Alzheimererkrankung geben kann. (imago images/Westend61)

Alzheimer kann nicht geheilt werden. Eine neue Methode, bei der die Netzhaut des Auges untersucht wird, könnte aber dabei helfen, die Krankheit frühzeitig zu erkennen. Auch das kann Betroffenen helfen.

Sie wird auch als Fenster zum Gehirn bezeichnet: Die Netzhaut des Auges, ohne die wir nichts sehen könnten. Diese auch Retina genannte Schicht besteht aus Nervenzellen und ist deshalb genauso von so genannten neurodegenerativen Krankheiten betroffen wie andere Teile des Gehirns. Das brachte Reiner Leitgeb von der medizinischen Universität in Wien und seine Kollegen auf die Idee, die Netzhaut zu scannen. Und dort nach typischen Veränderungen zu suchen, die bei der Alzheimer Krankheit entstehen:  

"Man hat gesehen, dass sich bestimmte Schichten in der Netzhaut, die Netzhaut ist sehr, sehr fein strukturiert, dass bestimmte Schichten in der Netzhaut dünner werden aufgrund von Alzheimer. Man hat auch gesehen, dass es einen Einfluss gibt auf die Gefäßstruktur in der Netzhaut. All diese Veränderungen hat man sehen können."

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In Versuchen mit Mäusen ist es den Forschenden nun gelungen, von Alzheimer betroffene Tiere anhand einer speziellen Untersuchung an der Netzhaut von gesunden Tieren zu unterscheiden. Dazu entwickelten Rainer Leitgeb und sein Team ein Gerät, das zwei Messverfahren kombinieren kann: Mit der sogenannten Raman Spektroskopie untersuchten die Forschenden Veränderungen der biochemischen Zusammensetzung der Netzhaut. Ein zweites Verfahren, die sogenannte optische Kohärenz-Tomographie, lieferte sogenannte Spektren, also Informationen über strukturelle Änderungen in der Retina.

"Unser erster Schritt war zu sehen: Kann ich überhaupt Spektren bekommen, sind die überhaupt aussagekräftig. Das war der erste Schritt und das hat funktioniert. Im nächsten Schritt war dann die Frage: Kann ich denn Signaturen sehen, die typisch sind für Alzheimer. Wir sind nicht auf humane Retinas gegangen, sondern wir haben zuerst einmal Retinas von Mäusen genommen, welche die Alzheimer hatten und welche, die gesund waren, und konnten in diesem Schritt tatsächlich mit der Raman Spektroskopie Unterschiede erkennen zwischen den Alzheimer und den gesunden Retinas."

Angestrebt wird eine routinemäßige Untersuchung

Bislang müssen Ärzte das Rückenmark ihrer Patientinnen und Patienten punktieren, um eine frühzeitige Diagnose stellen zu können. Ein Scan des Auges wäre einfacher und würde ähnlich wie ein Sehtest ablaufen, erklärt Rainer Leitgeb. Die Untersuchung könnte ab einem bestimmten Alter routinemäßig durchgeführt werden.

"Das Schöne daran wäre, dass man völlig nicht invasiv arbeiten könnte. Man tastet das Auge, die Netzhaut, mit Licht ab, die Messung wird wahrscheinlich ein paar Minuten dauern, aber dann hat man die Information zurück von dem Auge und kann diese Information dann spektroskopisch analysieren. Das Ganze geht dann im Nachhinein mit Methoden, die also sehr sensitiv dann sind, und hoffentlich Unterschiede erkennen können in diesem gemessenen Spektrum, die genügend Aussage haben, um auf Alzheimer oder andere Erkrankungen schließen zu können."

Bevor das Gerät zur Früherkennung beim Menschen eingesetzt werden kann, müssen die Forschenden allerdings noch einige offene Fragen klären. Bisher wurde das Verfahren ja nur an Mäusen getestet. Doch die Nager erkranken in der freien Natur nicht an Alzheimer. Im Labor arbeiten Forschende mit Tieren, die genetisch so verändert sind, dass sie Symptome der Alzheimer Krankheit entwickeln. Ob die Methode auch die Ablagerungen erkennt, die beim Menschen auftreten, ist deshalb noch offen.

"Wir haben das Gerät gebaut. Wir sind im Zulassungsprozess und hoffen, dass wir wirklich jetzt bald in den nächsten Monaten Zulassung haben und beginnen können mit Messungen. Zuerst an gesunden Probanden und danach auch an Alzheimer Patienten."

Es gibt noch Zweifel an der Methode

Dennoch ist der Alzheimer-Experte Professor Michael Heneka vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen skeptisch. Er hält die Methode für nicht spezifisch genug. Die Ablagerungen könnten zu leicht mit anderen Krankheiten verwechselt werden. 

"Es gibt ja auch Beta Amyloid Ablagerungen im Gehirn bei anderen Erkrankungen, beispielsweise der Lewy-Körperchen Krankheit. Dann muss es abgegrenzt werden von Augenerkrankungen, da sind ja im Alter eine ganze Reihe von Schwierigkeiten und andere Augenerkrankungen, die auftreten können, wie eine Makula Degeneration, wie Grauer Star, Grüner Star. All das sind sicherlich Komplikationen bei solchen Messungen und bislang gibt es keine zugelassene Messmethode."

Noch gibt es sie nicht. Michael Heneka geht aber davon aus, dass sich die typischen Veränderungen schon bald routinemäßig nachweisen lassen. Und zwar im Blut der Erkrankten.

"Wir haben ja bereits sehr gute Daten aus dem Liquor, das heißt, wir können relativ präzise über fünf wenn nicht zehn Jahre vorhersagen nach einem Liquor-Profil, ob sich da eine Alzheimer Erkrankung anschleicht oder nicht. Und wir hoffen, dass wir das in einer nicht allzu fernen Zeit durch eine ganz einfache Blutuntersuchung genauso gut zeigen können."

Vorteile für die Patienten

Doch welche Vorteile würde es Patienten überhaupt bringen, wenn sie vor Ausbruch der Krankheit wüssten, dass sie an Alzheimer erkranken werden? Heilen lässt sie sich nicht. Denn es gibt keine Medikamente, die das Absterben der Nervenzellen aufhalten können. Dennoch sei es sehr nützlich, Alzheimer frühzeitig zu erkennen, sagt Michael Heneka.

"Mittlerweile wissen wir, dass die Alzheimer-Krankheit irgendwann in der Mitte des Lebens spätestens beginnt. Irgendwo dritte oder vierte Lebensdekade und eben keine Erkrankung des Alters ist, sondern eine Erkrankung des mittleren Lebens. Wir wissen, dass es ganz viele Faktoren gibt, die zum Beispiel zwischen 40 und 50 entscheidend dazu beitragen, ob oder ob nicht Sie ihr Risiko, an Alzheimer zu erkranken, 30 Jahre später erhöhen.

Das bedeutet, wir haben vielleicht die ganze Zeit gute Ideen oder gute Ansätze gehabt, haben sie aber in völlig falschen Zeitfenstern eingesetzt. Und jetzt, wo wir wissen, wann und wie früh wir die Patienten sozusagen identifizieren können, dann sind wir auch in der Lage, möglicherweise bereits bekannte oder neue Therapiemodalitäten zu testen." 

Einer der wichtigsten Faktoren ist die Ernährung. Studien zufolge haben Menschen mit Übergewicht oder Typ-2 Diabetes ein höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Wer abnimmt und sich gesund ernährt, schützt sich also.  

"Wenn ich das 20 oder gar 30 Jahre vorher weiß, habe ich natürlich viel mehr Chancen, auch durch reine Veränderungen der Lebensstil Faktoren schon was für mich zu tun. Und alle sollten sich daran halten. Wenn man weiß, dass man damit ein Drittel der Demenzfälle in 30 Jahren verhindern würde, dann ist es doch eigentlich eine hervorragende Möglichkeit, noch mal etwas für die eigene Gesundheit zu tun."

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