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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 24.09.2010

Altes Problem in neuen Gewändern

Konferenz zum heutigen Antisemitismus

Von Matthias Bertsch

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Antisemitismus ist längst keine rechtsextreme Domäne mehr. (Thilo Schmidt)
Antisemitismus ist längst keine rechtsextreme Domäne mehr. (Thilo Schmidt)

Antijüdische Vorurteile einen nicht nur alte und neue Nazis, sondern sind auch bei Teilen der Linken und vielen Muslimen verbreitet. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Friedrich-Ebert-Stiftung haben eine Konferenz zum Thema Antisemitismus veranstaltet.

Der neue Antisemitismus hat vor allem einen Feind: Israel, den Superjuden, wie es Robert Wistrich nennt. Der jüdische Staat, so der amerikanische Historiker, wird immer häufiger für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht:

"Juden sind Kriegstreiber, vor allem in Israel. Sie wollen keinen Frieden, sondern Krieg, und sie sind an allen Konflikten schuld. Den Juden wird die Schuld für den Terrorismus auf der ganzen Welt in die Schuhe geschoben, das ist antisemitisch, denn es gibt keinen Zusammenhang. Terrorismus gäbe es so oder so, die meisten Anschläge werden von Muslimen gegenüber Muslimen ausgeführt, und manchmal gegen Christen, aber die Vorstellung, es gäbe keinen Terrorismus, wenn es Israel nicht gäbe, breitet sich immer mehr aus. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen glauben das inzwischen, und so entsteht Antisemitismus."

Israel ist in den Medien der Böse. Das wurde zuletzt bei den Berichten über die Erstürmung der Hilfsflotte für Gaza deutlich. Bei Demonstrationen gegen das israelische Vorgehen wurden nicht nur in der Türkei, von wo aus die Schiffe gestartet waren, immer mehr antisemitische Töne laut, sondern auch unter muslimischen Migranten in Berlin. Dabei war der Konvoi nicht – wie behauptet - in humanitärer Mission unterwegs, sondern von einer islamistischen Gruppe mit dem Ziel auf den Weg geschickt worden, Israel in den Augen der Weltöffentlichkeit zu diskreditieren. An Bord der Schiffe waren auch mehrere deutsche Parlamentarier.

Ahmet Senyurt: "Die Islamisten und ihre Strukturen merken, dass sie nicht mehr alleine sind, dass sie Zuspruch bekommen von zum Teil linken Kreisen, aber zum Teil auch von Teilen der bürgerlichen Mitte, dass Bündnispartner möglich sind, ja, und das merkt man ja auch an den Demonstrationen nach den Ereignissen um Free Gaza und das Schiff Marvi Marmara, wo Linke, Islamisten und Rechte zusammen demonstriert haben, und im Grunde damit auch antisemitische Stereotypen damit bedient haben."

Der Kölner Journalist Ahmet Senyurt ist Muslim und in der Türkei aufgewachsen, doch seit seinen kritischen Berichte über islamistische Gruppierungen wird er häufig als Jude beschimpft. Kritik am Islam, so das ernüchternde Fazit des Journalisten, werde in der Öffentlichkeit oft diffamiert:

"Es muss möglich sein in einer Demokratie, in unserer Gesellschaft, Islam und diejenigen, die diese Religion rückwärtsgewandt, antidemokratisch interpretieren, dass man die kritisieren darf in der Öffentlichkeit, aber es gibt halt Strömungen und Interessen, die sagen, jegliche Kritik am Islam ist im Grunde islamophob, und natürlich versuchen sie diese Begriffe zu etablieren, denn es geht um Deutungshoheit von Begriffen, mit denen kann man Politik machen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es Ausländerfeindlichkeit nicht gibt: wir haben Ausländerfeindlichkeit, wir haben Rassismus in dieser Gesellschaft, nur man sollte das dann auch klar beim Namen nennen und klar differenzieren."

Islamischen Antisemitismus benennen und kritisieren, ohne gegenüber Muslimen allgemein rassistisch zu sein. Wie schwierig das in der Praxis sein kann, wird bei der Frage deutlich: Wie geht man eigentlich mit Rechtspopulisten wie Thilo Sarrazin oder dem Niederländer Geert Wilders um, die den Islam fundamental kritisieren, aber Juden sehr positiv gegenüberstehen? Die Vorsitzende der Antonio-Amadeu-Stiftung, Anetta Kahane, warnt vor einer Zusammenarbeit: Wer pauschal gegen "den Islam" kämpfe, könne zentrale jüdische Werte wie Gewissensfreiheit und die Freiheit des Individuums nicht für sich reklamieren:

"Natürlich gibt es Juden, auch in Europa, die aus der Angst vor neuem Antisemitismus und natürlich vor dem real existierenden muslimischen Antisemitismus, den gibt es ja tatsächlich, sich in eine Falle locken lassen, gleichzeitig rechtspopulistisch zu sein und zu meinen, dass sie diese jüdischen Werte aufrechterhalten können. Das ist die Substanz des Dilemmas, und ich glaube, dass man dieses Dilemma zwischen der Furcht vor Antisemitismus, die symbolisiert wird durch bestimmte Kreise muslimischer Einwanderer, dass man die nicht so beantworten kann."

Kahanes klares Nein zu Sarrazin und Wilders fand auf der Berliner Tagung viel Beifall, aber es gab auch ganz andere Stimmen, zum Beispiel die von Robert Wistrich:

"Ich verstehe und respektiere diese Position, aber es ich glaube, es ist nicht so einfach. Nehmen wir Wilders: Als Jude in Israel oder in Europa kann man die Tatsache nicht ignorieren, dass er ein leidenschaftlicher Unterstützer Israels ist. Angesichts seiner Ansichten über Muslime mag das für manche Leute befremdlich sein, aber ich glaube nicht, dass er opportunistisch ist.

Er ist der Ansicht, und diese Überzeugung teile ich, dass Israel eine Demokratie ist und an vorderster Front im Kampf gegen einen Fanatismus steht, der nicht nur Israel und die Juden bedroht, sondern Europa und die Zivilisation. Ich glaube, dass er in gewissem Umfang recht hat, nicht 100 Prozent, aber ich kann eine gewisse Sympathie für diese Position nicht verhehlen, und ich bin sicher, dass es vielen Juden so geht."

Wistrich dürfte mit seiner Einschätzung wohl recht haben. Rechtspopulismus gilt im öffentlichen Diskurs in Deutschland, und ganz Westeuropa, zwar als politisch nicht korrekt. Doch wenn man Umfragen glauben darf, hat die Idee eines Kampfes der Kulturen – hier christlich-jüdische Zivilisation, dort islamischer Fanatismus – mehr Anhänger als oft angenommen, auch in den jüdischen Gemeinden hierzulande.

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