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Studio 9 | Beitrag vom 04.12.2019

Alternativer Nobelpreis für Aminatou HaidarUnermüdlicher Einsatz für ein vergessenes Land

Von Florenz Gilly

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Aminatou Haidar im Kopftuch (imago images / Agencia EFE)
Riskiert für die Menschen in der Westsahara ihr Leben: Aminatou Haidar. (imago images / Agencia EFE)

Aminatou Haidar setzt sich seit Jahren für ihre Heimat, die Westsahara, ein. Dafür saß sie vier Jahre im Gefängnis und trat auch in den Hungerstreik. Für ihr Engagement bekommt sie nun den sogenannten Alternativen Nobelpreis.

Die erste Ohrfeige bekam Aminatou Haidar nicht von ihren Eltern, sondern als junge Frau von einem marokkanischen Polizisten. Es sollte nicht die letzte gewesen sein. Gefangenschaft, Misshandlung und Folter haben Spuren hinterlassen am Körper der 52-Jährigen. Der feste Blick durch die rahmenlose Brille und Haidars Gestik verraten dennoch: Ihr Wille ist ungebrochen. Das traditionelle Gewand, das vom Kopf über ihre Schultern bis zu den Füßen herab fällt – Mehlfa genannt -, trägt Haidar mit Stolz.

"Wenn ich hier in Europa so ein Kleid trage, ist es so, als würde ich in eine Saharauische Flagge gehüllt sein. Die Leute kommen zu mir und fragen: 'Sind Sie aus Mauretanien? Oder aus Indien?' Nein, antworte ich dann. Ich bin aus der Westsahara, die heute unbekannt ist und vergessen."

Tatsächlich ist es still geworden um die ehemals spanische Kolonie, die 1976 von Marokko annektiert wurde und heute geteilt ist: Die Küstenregion steht unter marokkanischer Kontrolle, das Landesinnere ist in den Händen der Frente Polisario, einer Widerstandsorganisation, die Haidar als einzig legitime Vertretung der Sahrauis betrachtet.

Vier Jahre Haft als Erweckungserlebnis

Als Kind spanischer Eltern waren die Perspektiven der 1967 in der Oasenstadt Akka geborenen Haidar ungleich besser als für die rund 170.000 Sahrauis in den grenznahen Flüchtlingslagern. Doch bevor sie ihr Studium der Naturwissenschaften beenden konnte, wurde Haidar 1987 vom marokkanischen Geheimdienst verschleppt. Mit verbundenen Augen brachte man sie in ein Gefangenenlager, wo sie - ohne Kontakt zu ihrer Familie - völlig isoliert ausharren musste.

Vier Jahre lang hat man Haidar dort festgehalten, ohne sie einem Haftrichter vorzuführen. Eine Zeit, die sie rückblickend als eine Art Erweckungserlebnis beschreibt: "Diese vier Jahre haben mir viel Kraft gegeben und mir die Augen geöffnet. Als ich das große Leid meiner Landsleute gesehen habe, da habe ich beschlossen, wenn ich lebend hier wieder rauskomme, werde ich kämpfen für die Würde und Freiheit des Sahrauischen 'Volkes'."

Der Einsatz für Menschenrechte - er sollte zu Haidars Lebensaufgabe werden. Seitdem sie 2005 wegen ihres politischen Engagements ihre Arbeit verlor, reist die zweifache Mutter um die Welt und wirbt vor der internationalen Gemeinschaft um Unterstützung für die Bevölkerung der Westsahara.

Lieber Gefängnis als im Exil

Einmal kostete Haidar ihr Aktivismus fast das Leben. 2009 tritt sie am Flughafen von Lanzarote in einen 32-tägigen Hungerstreik, nachdem man ihr die Wiedereinreise nach Marokko verweigert hatte. Lieber wollte Haidar dort im Gefängnis sitzen, sagt sie, als in Sicherheit im spanischen Exil.

Ob sie denn gar keine Angst habe? "Natürlich", sagt sie. "Ich bin ja auch nur ein Mensch. Uns alle begleitet die Angst. Doch ich schöpfe Kraft, wenn ich an die Zukunft unserer Kinder und der nächsten Generationen denke."

Sorge bereitet Haidar nur der Teil der jungen Generation, der sich nicht mit dem Status Quo arrangiert hat und eines Tages die Geduld verlieren könnte. "Ich möchte nicht, dass mein Volk wieder zu den Waffen greift. Weil wir durch den Krieg unsere Liebsten verloren haben. Und um zu vermeiden, dass sich ein solches Drama wiederholt, das viel Leid verursacht hat bei der sahrauischen, aber auch der marokkanischen Bevölkerung."

Weil sie Gewalt kategorisch ablehnt, wird Haidar oft "Gandhi der Westsahara" genannt. Ihr Mut ist beispielhaft für viele Frauen in der Saharauischen Unabhängigkeitsbewegung. Von der Auszeichnung mit dem "Alternativen Nobelpreis" erhofft sich die Aktivistin wieder mehr Aufmerksamkeit für das Schicksal ihres Landes.

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