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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.04.2010

Altbackene Raumerkundung

Choreografin Wanda Golonka inszeniert Tanztheaterstück "Rrungs" an der Berliner Volksbühne

Von Elisabeth Nehring

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Außenansicht der Berliner Volksbühne im unrenovierten Zustand (AP Archiv)
Außenansicht der Berliner Volksbühne im unrenovierten Zustand (AP Archiv)

Und es hat "Rrungs" gemacht in der fast 100 Jahre alten Berliner Volksbühne. Erkundet hat den Theater-Raum unter diesem Titel die Choreographin Wanda Golonka, bis vergangenes Jahr Haus-Regisseurin am Schauspiel Frankfurt.

Die Choreografin Wanda Golonka verfolgt einen interdisziplinären Zugang zum Theater, in dem Tanz, Text, Bild und Musik als relativ gleichwertige Elemente zusammengebracht werden. Bekannt für ihre ortsspezifischen Arbeiten, sagt sie von sich selbst, sie erkunde Räume, wolle die Wahrnehmung von Räumen verändern und mit dieser Wahrnehmungsveränderung sinnliche Erfahrungen schaffen.

Die Raumerkundung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz beginnt mit einem Parcours, der die Zuschauer in verschiedenen Gruppen auf verschlungenen Wegen um und durch das Haus führt, bis sich das Publikum im neu bestuhlten und weiß verhängten Zuschauerraum und das Ensemble aus Schauspielern und Tänzern auf der Bühne versammelt.

Doch leider kann kein einziger der guten Tänzer und Schauspieler den Abend retten – der Eindruck, einem Sammelsurium an szenischen, theatralischen, bildlichen Ideen beizuwohnen, die aber nirgends und niemals konzis zusammengebunden werden, bestätigt sich im Verlauf der Vorstellung viele Male. Damen in hohen Schuhen und engen Kleidern stolpern, fallen, schlingern vereinzelt vor sich hin, ein Mann zieht viele Schichten Kleidung über, die ihm eine Halbnackte jäh wieder auszieht; eine Schauspielerin spricht einen pseudo-intellektuellen Text über den Körper, während eine andere ihren Körper wiederum manipuliert; ein Dialog zwischen einem Paar läuft ab, es wird gesungen zwischendurch, der Vorhang geht auf und zu - es gäbe hundert weitere Beispiele an Szenen, die alle nichts miteinander zu tun haben, von denen aber auch wenige ein starkes, Aufmerksamkeit-bindendes Eigenleben entwickeln.

Vor 30 Jahren mag man das Avantgarde genannt haben, als es noch darum ging, Theaterkonventionen zu sprengen, das enge Korsett des Sprechtheaters mit seinen starren Gesetzmäßigkeiten zu überwinden – heute erscheint dieser abstrakt-assoziative Theateransatz altbacken, aber vor allem leer, produziert Aktionismus und wirkt wie Ergebnis zahlloser Improvisationen, denen ein starker, künstlerischer Zugriff fehlt, der sie dramaturgisch zusammenbinden würde.

Den Abend retten können auch die Videoarbeiten Chris Kondeks nicht; ästhetisch herausfallen sie jedoch allemal: Video(stills), die stets nur Ausschnitte zeigen, Nahaufnahmen von Gesichtern, Frauen in Kleidern aus ungewöhnlichen Perspektiven, zum Beispiel von unten, leicht verfremdet, in abstrakten Formen, die sich wie ganz subtil bewegen, dass es aussieht, als wenn sie atmen – das ist feine, interessant strukturierte, subtile Videokunst, die ästhetisch einen eigenen Raum eröffnet, im Gegensatz zur Choreografie.

Der Volksbühne ist in jüngster Zeit oft vorgeworfen worden, sie zehre vom Ruhm von vor 15 Jahren; mit Wanda Golkonka hat sie nun eine Künstlerin ins Haus gebeten, deren Avantgarde-Begriff noch ein bisschen älter erscheint.

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