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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 24.05.2019

Alt werden in Buenos AiresDie deutsch-jüdische Hausgemeinschaft in "Vida Linda"

Von Victoria Eglau

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Bewohner des deutsch-jüdischen Hochhauses "Vida Linda" in Buenos Aires (Victoria Eglau / Deutschlandradio)
Bewohner des Hochhauses "Vida Linda" in Buenos Aires (Victoria Eglau / Deutschlandradio)

Vor 50 Jahren gab es noch keine Senioren-WGs. Doch damals zog eine große Zahl jüdischer Deutscher in ein Hochhaus, um dort gemeinsam alt zu werden. Einige von ihnen leben mit 87 oder 93 Jahren immer noch dort.

Ein 60er-Jahre-Hochhaus in Belgrano, einem Stadtteil der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Wer durch die verspiegelte Eingangstür getreten ist und sich beim Portier angemeldet hat, merkt, dass dies kein gewöhnliches Wohngebäude ist, in dem Nachbarn anonym nebeneinander her leben. 

Durch eine Glasfront fällt der Blick in den sonnigen Garten, wo ein paar Hausbewohner auf Bänken sitzen und plaudern. Und im Erdgeschoss sitzt eine Gruppe älterer Herrschaften um einen Tisch herum und spielt Karten. Einer von ihnen: Der 87-jährige Ralph Nissensohn:

"Wir haben hier viel Kontakt mit Menschen, sind nie allein. Und wenn man allein sein will, kann man das auch. Man braucht nicht an den verschiedenen Aktivitäten teilnehmen."

Eine Hausgemeinschaft, die selbst schon 50 Jahre alt ist

Das Wohnprojekt nennt sich Vida Linda - das bedeutet "Schönes Leben". Ein Wortspiel, denn das Gebäude befindet in der Calle Vidal, der Vidal-Straße. Vida Linda ist eine Art Alters-WG, die vor gut 50 Jahren gegründet wurde – lange, bevor diese Wohnform in Mode kam.

Gisela Brunnehild, Bewohnerin des deutsch-jüdischen Hochhauses "Vida Linda" in Buenos Aires (Victoria Eglau / Deutschlandradio)Gisela Brunnehild (Victoria Eglau / Deutschlandradio)

Es waren deutsche, nach Argentinien eingewanderte Juden, die gemeinsam alt werden wollten: Alle in einem Gebäude, jeder in seiner eigenen Wohnung. Gisela Brunnehild, eine lebendige, temperamentvolle Frau, lebt im 15. Stock von Vida Linda – sie erzählt von den Anfängen:

"Meine Mutter war die erste Generation. Die Grundidee war, eine Gruppe von Deutschen – am Anfang musste man deutscher Jude sein, um hierherzukommen, deutsch und jüdisch – die Muttersprache wieder zu sprechen. Denn es war für alle – auch für meine Mutter, Spanisch sprach sie zwar, aber schlecht. Denn sie war schon über 50, da lernt man keine Sprache mehr."

"Heute ist es ganz argentinisch geworden"

Über 50 war die Mutter, als sie 1936 das nationalsozialistische Deutschland verließ und mit der zwölfjährigen Tochter Gisela nach Buenos Aires kam. Die Familie stammte aus Mannheim, der ältere Bruder hatte es schon vorher nach Argentinien geschafft, und der Vater – von Giselas Mutter geschieden – folgte einige Jahre später nach.  Bis zu 45.000 verfolgte deutsche Juden fanden in den 30er-Jahren in Argentinien einen Zufluchtsort.

"Ich lehne mich immer gegen das Wort Emigranten auf. Wir waren keine Emigranten – wir waren Flüchtlinge! Wir wären ja nicht gekommen."

Gisela Brunnehild, heute 93, erzählt vom schwierigen Neuanfang in Buenos Aires, wo sie zwar bald in der Schule glänzte, aber ihren Wunsch, zu studieren, aus wirtschaftlichen Gründen begraben musste. Um Geld zu verdienen, vermietete die Mutter zwei Räume ihrer Wohnung – sie und die Tochter schliefen im Wohnzimmer.

Die Situation der Familie verbesserte sich, als der Bruder als Unternehmer Karriere machte. Er war es auch, der Ende der 60er-Jahre, als das Hochhaus in der Vidal-Straße gebaut wurde, für die Mutter in dem deutsch-jüdischen Wohnprojekt eine Wohnung kaufte.

"Heute ist es ganz argentinisch geworden, ganz argentinisch, und ganz anders."

Hausgemeinschaft wird diverser

Gisela Brunnehild muss es wissen: Sie hat die Wohnung ihrer Mutter geerbt und lebt seit 1989 in Vida Linda. Allerdings nur sechs Monate im Jahr – den Rest verbringt sie in Genf, wo sie ein ganzes Berufsleben bei der UNO verbracht  hat. Geändert hat sich in Vida Linda, dass dort nur noch wenige deutschstämmige Juden leben.

Zuerst zogen Menschen ohne deutschen Background ein, und vor kurzem hat der Genossenschaftsverein, der das Gebäude verwaltet, die Hausgemeinschaft auch für nichtjüdische Argentinier geöffnet. Der Grund: Vida Linda hatte mit sinkenden Bewohnerzahlen zu kämpfen – vor fünf Jahren stand mehr als ein Drittel der gut hundert Wohnungen leer. 

"Es gab keine andere wirtschaftliche Möglichkeit. Deutsche Juden gibt es nicht mehr. Juden von anderer Abstammung haben sich nicht genug interessiert, und da hat man Werbung gemacht für diese Institution, und es haben sich Menschen anderen Glaubens beworben. Und im Allgemeinen sind wir sehr zufrieden."

"Für Kinder ist es leicht, sich einzuleben"

Hausbewohner Ralph Nissensohn und seine Frau sind das letzte deutsch-jüdische Ehepaar in Vida Linda. Nissensohn, ruhig und nachdenklich, ist gebürtiger Hamburger. Er war sechs, als er mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Buenos Aires kam.

"Für Kinder ist es immer leicht, sich einzuleben. Damals konnte man auch noch auf der Straße spielen, und da hat man sich Freunde gemacht. Für unsere Eltern war es sehr schwer. Mein Vater hat erst Bauarbeiter gearbeitet, im Bau der Untergrundbahn. Und da hat er sich die Füße verbrannt mit Zement und musste aufhören."

Ralph Nissensohn, Bewohner des deutsch-jüdischen Hochhauses "Vida Linda" in Buenos Aires (Victoria Eglau / Deutschlandradio)Ralph Nissensohn (Victoria Eglau / Deutschlandradio)

Die Eltern fanden eine kleine Wohnung, in der sie keine Miete zahlen mussten, aber für den Besitzer kochten und wuschen und seinen Laden sauber hielten. Später bauten und verkauften sie Nähkästen und hielten die Familie so über Wasser. Die Mutter habe kein Spanisch gelernt und sei kaum aus dem Haus gegangen, erinnert sich Nissensohn.

Auf Spurensuche mit den argentinischen Enkeln

Zu Hause wurde gegessen wie in der Heimat, aus der sie vertrieben worden waren –  es gab Sauerkraut oder Apfelkuchen. Ralph Nissensohn besuchte die Industrieschule und arbeitete später in einer Firma für Kunststoffartikel, für die er oft zu Messen nach Deutschland flog. Auch privat reiste er mehrfach in die alte Heimat – und immer zog es ihn an die Elbe, zurück in seine Geburtsstadt:

"Für mich ist Hamburg die schönste Stadt (Lachen)."
"Schöner als Buenos Aires?"
"Ich habe mein Herz für Hamburg."

Ralph Nissensohn liegt viel an Deutschland. Trotz allem, was passiert ist – sagt er. In Hamburg suchte er vergeblich die Synagoge am Bornplatz. Die Nazis hatten sie in der Pogromnacht im November 1938 verwüstet und im Jahr darauf abgerissen. Die Talmud-Tora-Schule, die Ralph Nissensohn als Kind besuchte, hat er dagegen wiedergefunden. Bei der Spurensuche begleitete ihn seine Familie, das war ihm wichtig:

"Wir waren mit unserem Sohn und Enkelkindern in Hamburg, und ich habe ihnen auch gezeigt, wo wir gewohnt haben und wo ich geboren bin."

Jeder behält seine Unabhängigkeit

An diesem Nachmittag trifft sich in Vida Linda der Literaturkreis. In der Bibliothek im Erdgeschoss sitzen sechs Frauen mit ihrer Lehrerin im Kreis und lesen einander Kurzgeschichten vor, die sie selbst verfasst haben – auf Spanisch. In den Regalen stehen spanisch- und deutschsprachige Bücher. Raquel Braun ist für die Bibliothek zuständig, außerdem organisiert sie für die Hausgemeinschaft Kulturveranstaltungen.

Literaturkreis im Wohnhaus "Vida Linda" in Buenos Aires (Victoria Eglau / Deutschlandradio)Im Literaturkreis werden selbstgeschriebene Erzählungen gelesen (Victoria Eglau / Deutschlandradio)

Mit ihren 74 Jahren gehört sie zu den jüngsten Bewohnern von Vida Linda. Vor zwölf Jahren hat sie sich in dem Hochhaus eine Wohnung gekauft:

"Da es von deutschen Juden gegründet wurde und ich (von deutschen Juden) abstamme, kannte ich schon einige, und ein paar andere um ein paar Ecken herum. Wenn ich Lust habe, hab ich Kontakt zu anderen, mit denen ich mich gut verstehe, und wenn nicht, sag ich nur 'Guten Tag' und 'Ciao', und dann bin ich weg - verstehst du?"

Wie ihre Nachbarn schätzt Raquel Braun an Vida Linda, dass das Haus kein Altersheim ist und jeder seine Unabhängigkeit behält. Falls die Bewohner allerdings pflegebedürftig werden, müssen sie entweder selbst eine Hilfskraft engagieren oder in ein Altersheim umziehen.

Raquel Brauns Eltern retteten sich während der Nazi-Zeit aus Deutschland über Schweden, Russland und Japan nach Argentinien. Ihre Tante überlebte die Shoa nicht. Aber Raquel Braun, in Buenos Aires geboren,  hat sich immer für Deutschland interessiert. Zwei Mal hat sie dort für mehrere Jahre gelebt – eine für sie positive Erfahrung.

"Ich glaub, ich bin kontaktfreudig. Also, ich kannte viele Leute. Was mich wirklich gestört hat, war, dass nicht die Sonne da war."

Raquel Braun, Bewohnerin des deutsch-jüdischen Hochhauses "Vida Linda" in Buenos Aires (Victoria Eglau / Deutschlandradio)Raquel Braun (Victoria Eglau / Deutschlandradio)

Zurück in der 15. Etage, in der lichtdurchfluteten Wohnung von Gisela Brunnehild – mit Blick über die Dächer der argentinischen Hauptstadt. Noch genießt die aktive 93-jährige das Pendeln zwischen den beiden Polen ihres Lebens: Buenos Aires und Genf. Aber sollte ihr das irgendwann schwer fallen, wird sich Gisela Brunnehild ganz für ein Leben in Argentinien – und in Vida Linda - entscheiden:

"Ich fühl mich hier sehr wohl. "Ich liebe Argentinien, und die Menschen liebe ich. Sie sind sehr solidarisch, sehr warmherzig. Und abgesehen von aller Korruption und so weiter, aber den Durchschnitt der Menschen hab ich sehr gern."

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