Als Munch in Oslo filmte

Von Volkhard App · 08.02.2012
Eine spannende und wichtige Frankfurter Ausstellung zeigt den norwegischen Künstler Edvard Munch im produktiven Umgang mit ganz anderen technischen Möglichkeiten. Er war dem Kino zugeneigt und experimentierte mit der Kamera.
Bewegte Bilder, aufgenommen von Edvard Munch in den späten 20er-Jahren: Alltagsszenen aus Oslo, eilige Passanten, PKWs, eine Straßenbahn. Später folgen noch Impressionen aus Dresden, und ganz am Ende des fünfeinhalbminütigen Zusammenschnitts der erhaltenen Filmsequenzen tritt der Künstler selber vors Objektiv und schaut sich das Gerät neugierig an, als müsse er sich des neuen Mediums erst noch vergewissern. Angela Lampe, Kuratorin dieser Ausstellung:

"Munch ist Amateurfilmer, kein Cineast. Aber dieser Film ist interessant, weil er zeigt, wie sich Munch für dieses neue Medium interessiert, wie er versucht, mit der Kamera zu experimentieren, wie er sie bewegt, zum Beispiel einer Fußgängerin folgt. Man sieht, dass es nicht darum geht, Familienmitglieder zu filmen oder irgendwelche Denkmäler, sondern es hat eine leicht experimentelle Ausstrahlung."

Dem Kino war Munch durchaus zugeneigt, er sah Chaplin und andere Leinwandstars. Die Vorstellung verließ er allerdings, wenn seine Hündin bellte, weil ihr die Qualität des Films nicht zusagte. Ein befreundeter Kinobesitzer stellte in seinem Lichtspiel-Etablissement 1911 sogar Bilder des Künstlers aus. Auch als Fotograf ist der moderne Edvard Munch in dieser Schau präsent, dabei fällt der hohe Anteil an Selbstporträts auf. Ein Maler, der auf diese Weise sein Älterwerden festgehalten und sein Inneres erkundet hat.

Angela Lampe: "Es gibt auch ein Zitat von ihm: Wenn man den Koffer mit seinen Selbstporträts finde, könne man mithilfe dieser Fotografien die Biografie schreiben."

Ein Zeichner und Maler im produktiven Umgang mit ganz anderen, technischen Möglichkeiten. Spannend ist die Frage, wie weit die mediale Erfahrung auch die Gestaltung seiner Gemälde beeinflusst hat. Und hier wird man in der Schirn nicht müde, in den diversen Abteilungen anschaulich zu machen, wie sehr Munch ein Kind dieser neuen Zeit gewesen ist.

Auf einem Ölbild ragen gelbe Baumstämme in den Vordergrund, eine Allee erstreckt sich auf einem anderen in die Tiefe des Raums, und da scheint ein Pferd aus dem Bild herausgaloppieren zu wollen. Ganz ohne jene Raumerfahrung, die durch Fotografie und Film vermittelt wird, scheinen solche perspektivischen Darstellungen nicht denkbar.

Angela Lampe: "Es gibt einige Kompositions-Strukturen, die man auch schon im Impressionismus gesehen hatte, bei Degas und Caillebotte: also lange Schrägen, die in den Raum hineinschneiden und akzentuierte Vordergründe. Das gab es auch schon im 19. Jahrhundert. Aber Munch intensiviert und radikalisiert es. Dazu kommt die Filmerfahrung: das dynamische Bild, das aus der Leinwand praktisch heraustritt. Und das ist etwas, was man aus den Erfahrungsberichten der frühen Kinobesucher kennt. Sie schrien, als der Zug wie bei den Brüdern Lumière in den Bahnhof einfuhr. Und diese Dynamik des Kinobildes, das aus der Leinwand heraustritt, das hat Munch sehr gut verstanden."

Edvard Munch wird mit immer neuen Aspekten in seine Zeit gestellt, man scheut auch nicht die Nachbarschaft berühmter Thesen: Munchs Neigung, bestimmte Motive wie den "Vampir”, das "Kranke Kind” oder "Die Einsamen” die Jahre über zu wiederholen, wird in die Nähe der Überlegungen Walter Benjamins gerückt, dass das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Aura eingebüßt habe, die Einmaligkeit des Hier und Jetzt.

Es ist eine analytisch ambitionierte Ausstellung, in der man eben nicht die bekannten Motive ein weiteres Mal chronologisch präsentiert. Vor allem möchte man den Klischees gegensteuern, die mit diesem Künstler verbunden sind – der Vorstellung, dessen Werk ließe sich allein aus der angegriffenen Seelenlage und den biografischen Abgründen erklären. Max Hollein, Direktor der Schirn:

"Die Frage lautet: Ist unsere Wahrnehmung dieses Künstlers zu eindimensional? Und da hat unsere Ausstellung nicht nur Überraschendes zu bieten, sondern sie ermöglicht tatsächlich einen anderen Blick durch Hinzuziehung einer Reihe von Arbeiten aus dem Spätwerk. Es entsteht so ein ganzheitlicher Blick auf Munch als einem Künstler, der in enger Verbindung stand mit den technologischen Möglichkeiten seiner Zeit und im Austausch war mit anderen Künstlern und kulturellen Entwicklungen – er war kein Einsiedler. Man muss bedenken, dass Munch tatsächlich bis 1944 gelebt hat. Und diese Ausstellung zeigt diesen gesamten Facettenreichtum."

In einer kleinen Abteilung wird gesondert das grundsätzliche Interesse Edvard Munchs an der Außenwelt und am Zeitgeschehen unterstrichen: mit mächtig wirkenden Arbeitern, die eine Eisenbahnstrecke bauen, und mit einer panisch reagierenden Menge während des Ersten Weltkriegs.

Eine wichtige Ausstellung. Mag sein, dass sich mancher Besucher an eine solch thesenhaltige Präsentation erst gewöhnen muss, und bei soviel Reflexion mag auch die unmittelbare Erschütterung vor den obsessiven Gemälden zunächst ein wenig schwächer ausfallen – im Ganzen aber hat sich das Bild von diesem Künstler mit dem überraschend "modernen Blick” vervollständigt.

Informationen der Frankfurter Kunsthalle Schirn zur Ausstellung "Der moderne Blick"
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