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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2007

Als die Frauen Fahrrad fahren lernten

Gabriele Beyerlein: "Berlin, Bülowstraße 80a". Thienemann Verlag 2007, 494 Seiten

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Schloss Charlottenburg  (AP)
Schloss Charlottenburg (AP)

Berlin um 1890. "Bülowstraße 80a" lautet die neue Adresse der Familie Dr. Friedrich Schneider. Der Arzt hat sich mit großem Fleiß so weit hochgearbeitet, dass er mit seiner Frau Sophie, geb. von Zietowitz, und den drei Kindern Charlotte, Wilhelm und Richard in die Beletage eines Hauses im Berliner Westend ziehen kann. Hier lebt man gut- bis großbürgerlich, besucht Kaffeezirkel und Bälle, geht in die Oper und ins Theater, hat Bedienstete und kann sich sogar einen Urlaub in Süddeutschland leisten.

Das Kaiserreich hat zu dieser Zeit seine volle Pracht und Macht entfaltet, doch hinter den Fassaden beginnt es schon zu bröckeln. Auch in der Familie Dr. Schneider ist nicht alles Gold, was glänzt. Die kühle Sophie, die viel zu früh einen Mann geheiratet hat, der ihr Vater sein könnte, sehnt sich unbestimmt nach dem wirklichen Leben, schreibt Romane und verliebt sich in den Assistenten ihres Mannes. Ihre intelligente Tochter Charlotte, ihr widerspenstiger Sohn Wilhelm, der kranke kleine Richard und die ebenso arrogante wie verbitterte Mutter machen ihr das Leben nicht leicht. Als ihr Mann plötzlich stirbt, bricht für Sophie und ihre Familie eine Welt zusammen.

"Berlin, Bülowstraße 80 a" ist der zweite Band von Sophie Beyerleins Trilogie über die Kaiserzeit, dessen Geschichte aber ganz unabhängig vom ersten Band zu lesen ist. Im Mittelpunkt des Familien- und Zeitromans stehen Sophie, die der Fuchtel ihrer strengen Mutter durch Heirat unter Stand entgangen ist, und ihre Tochter Charlotte, die ihren ganz eigenen Kopf hat und unbedingt Medizin studieren möchte - ohne das für die Ausbildung nötige Geld und in einer Zeit, in der Mädchen der Zugang zu Gymnasien und Hochschulen in Preußen verwehrt war. Zwei Frauen, die, jede auf ihre Weise, sich ein Stück aus ihrem Familienhintergrund lösen und mitten hinein geraten in die neue Frauenbewegung.

Durch die Konzentration auf das Schicksal von Mutter und Tochter und den scharfen Blick auf die Frauenfrage im auslaufenden 19. Jahrhundert ist "Berlin, Bülowstraße 80a" eher ein Mädchenbuch. Darüber hinaus aber bietet der Roman auch eine sehr genaue Schilderung der Lebensumstände seiner Protagonistinnen.

Wie Konventionen, Manieren und schöner Schein den Alltag dominieren, wie Kinder gedrillt und Angestellte gescheucht werden, dass Mädchen nicht Fahrrad fahren, zum Gymnasium gehen und nicht aufgeklärt werden dürfen, dass Väter und Ehemänner unumschränkte Herrscher im Haus sind - Gabriele Beyerlein malt ein sehr lebendiges Bild der bürgerlichen Mittelschicht dieser Zeit.

Ein Vergleich liegt nahe mit Klaus Kordons Trilogie über das Leben der Familie Jacobi in Berlin in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts, deren zweiter Band "Fünf Finger hat die Hand" im vergangenen Herbst erschienen ist. Gegenüber Kordons Roman, in dessen Handlung die 48er-Revolution und der Deutsch-Französische Krieg unmittelbar eingeflochten sind, erfährt man in "Berlin, Bülowstraße 80 a" nur sehr wenig über die großen politischen Umwälzungen der Zeit. Auch die Stadt Berlin wird nicht wirklich erkennbar, das geschilderte familiäre und gesellschaftliche Leben könnte in fast jeder deutschen Stadt spielen.

Doch das hat auch seine innere Logik, hatten die Damen der Gesellschaft in dieser Zeit doch auch nur einen sehr beschränkten Radius. Sie bewegten sich hauptsächlich in Haus und Wohnung, Salon und Theater, während Kordons Handwerkerfamilie viel mehr in das städtische und politische Leben eingebunden war.

Einen Schwerpunkt legt Gabriele Beyerlein stattdessen - sie ist promovierte Psychologin - auf die z.T. höchst komplizierten menschlichen Beziehungen. Wie schwer Sophie sich lösen kann vom Standesdünkel der Mutter, wie sie gefangen bleibt in Normen und Formen, wie sie fast zerbricht an ihrer unmöglichen Liebe, wie sie wächst nach dem Tod ihres Mannes und für das Studium ihrer Tochter Charlotte kämpft, das ist sehr mitreißend und bewegend geschildert.

Dass Gabriele Beyerleins Sprache ab und zu ein bisschen sehr blumig, schnörkelig oder auch überschwänglich ausfällt, passt zum Sujet, müsste aber nicht sein. Weniger wäre da manchmal mehr gewesen. Was aber die Freude an einem unterhaltsamen, spannenden, interessanten Roman über die Situation der Frauen um die Jahrhundertwende kaum mildert. Auch Mädchen von heute wird er Mut machen, sich nicht an unveränderbar scheinende Gegebenheiten anzupassen, sondern ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Zumal im Nachwort deutlich wird, dass die Autorin ihre Geschichte nicht erfunden, sondern eine reale Familien zum Vorbild gehabt hat.

Rezensiert von Sylvia Schwab

Gabriele Beyerlein: Berlin, Bülowstraße 80a
Thienemann Verlag 2007
494 S., geb., 19,90 Euro.

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