Mittwoch, 26.02.2020
 

Kompressor | Beitrag vom 27.07.2018

Alltagsrassismus und der Hashtag #MeTwo"Wie ein antiker Chor – so viele Stimmen"

Ronya Othmann im Gespräch mit Timo Grampes

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Ronya Othmann (Paula Charlotte Kittelmann)
Schriftstellerin Ronya Othmann: traurige und auch befreiende Aktion. (Paula Charlotte Kittelmann)

Unter dem Hashtag #MeTwo veröffentlichen vor allem Menschen mit Migrationshintergrund Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Schriftstellerin Ronya Othmann sagt, in ihrer Familie habe jeder solche Erfahrungen gemacht. Die Aktion mache aber Mut.

Ein neuer Hashtag macht gerade Furore: Nach "#MeToo", bei dem es um sexuelle Belästigung und Übergriffe ging, nun "#MeTwo". #MeTwo richtet sich gegen Alltagsrassismus: "Ich bin nicht nur deutsch, weil mich an die Regeln halte oder Erfolg habe, ich bin es immer und auch das andere", schreibt Ali Can, der Initiator der Aktion mit diesem Hashtag.

Unter dem Hashtag #MeTwo schildern nun also Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie im Alltag Rassismus und Vorurteile erleben. Thierry Chervel, Mitbegründer von "perlentaucher.de" hat dazu bei uns in Studio 9 am Mittag gesagt:

"Es gibt sicherlich Ausgrenzungserfahrungen, das ist keine Frage. Die gibt es in jeder Gesellschaft. jede Gesellschaft muss damit umgehen. Deswegen ist so eine Aktion wie #MeTwo auch gut, solange die Leute dabei nicht allzu larmoyant sind. Ich finde, sie sind ja doch Teil dieser Gesellschaft, haben Chancen in dieser Gesellschaft, können auch arrivieren." 

Grund genug, sich aufzuregen

Ronya Othmann, Jahrgang 1993, studiert am Leipziger Literaturinstitut. Die Gewinnerin der Literaturwettbewerbs Open Mike in der Kategorie Lyrik hat väterlicherseits kurdisch-êsîdische Wurzeln und ist in Mintraching bei Regensburg aufgewachsen. Auch sie hat sich unter dem Hashtag #MeTwo geäußert.

Othmann entgegnet Thierry Chervel, es gebe bei Rassismus genug Grund zu jammern und auch zu weinen, sei es deswegen, was man Alltagsrassismus nenne, sei es wegen Verbrechen bis hin zu den NSU-Morden. 

Sie sagt, es gebe Alltagsrassismus und Mikroaggressionen: Etwa dann, wenn ihr eben gesagt werde, dass sie den Literaturpreis nur wegen ihres Migrationshintergrundes gewonnen habe; dann, wenn man ihr sage, dass man sie jetzt etwas schreiben lasse, weil ihr Migrationshintergrund gerade zufällig aktuell sei, wegen des Krieges in Syrien, wegen Kurden und Êsîden.

"Dann führt das ja auch dazu, dass man an seinen eigenen Fähigkeiten zweifelt, oder dass es einen verunsichert. Und das ist ja auch nicht besonders gesund, dass man das Gefühl hat, die eigene Arbeit wird so anders gemessen, beurteilt, wegen dieses sogenannten Migrationshintergrundes."

Zweischneidige Erfahrung mit #MeTwo

Othmann sagt, sie finde an #MeTwo in gewisser Weise ermutigend, dass ganz viele Leute ihre jeweiligen Erfahrungen und Eindrücke teilen – schließlich habe man oft auch Angst, dass einem nicht geglaubt werde, wenn man von seinen Erfahrungen berichte, wenn man sage, dass auch im Literaturbetrieb, im näheren Umfeld solche Sachen gesagt würden.

"Für die Leute, die von Rassismus betroffen sind, ist es natürlich nichts Neues, was da geschrieben wird. Die ganzen Geschichten, die geteilt werden, kennt man. Mit meiner Familie habe ich auch darüber geredet – und jeder kennt das, irgendwie."

Die Erfahrung mit "#MeTwo sei letztlich etwas zweischneidig: 

"Einerseits macht das natürlich auch sehr traurig, diese Masse an diesen Geschichten unter diesem Hashtag zu lesen und zu sehen, okay, das ist so viel. Andererseits, finde ich, hat es auch etwas Befreiendes. Ich fand, das war schon so ein bisschen wie ein antiker Chor unter diesem Hashtag, so ganz viele Stimmen."

Für alle zugängliches Medium

Othmann sagt, sie selbst habe nicht so viele Follower auf Twitter. Sie wisse aber, dass manche, die etwas unter #MeTwo getwittert hätten, ihre Tweets auch wieder gelöscht hätten.

"Es ist natürlich total schwierig. Man äußert sich über Rassismus-Erfahrungen und dann kriegt man total viel Rassismus entgegengeschleudert, in den Kommentaren darunter."

Ein Vorteil von den sozialen Medien als Plattform für die Aktion sei, dass sie so leicht zugänglich sind – und dass mit der Verbreitung deutlich wird, wieviele Menschen von Rassismus betroffen sind.

"People of Colour werden ja oft als Minderheit betrachtet. Aber wenn man das so sieht – das sind sehr viele Menschen, die von Rassismus betroffen sind in Deutschland. Das ist ja nicht so eine Minderheitenangelegenheit – und das hat ja auch was mit einer Mehrheit zu tun."

(mf)

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