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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.08.2015

Alltagsrassismus"Ich bewerbe mich ohne Foto!"

Von Adama Ulrich

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Vordruck für eine anonyme Bewerbung ohne Foto, Name und Alter (dpa / picture alliance / Jens Büttner)
Kann eine Bewerbung ohne Foto helfen? (dpa / picture alliance / Jens Büttner)

Offener Rassismus? Selten! Viel verletzender sind die vielen kleinen subtilen Vorurteile und Stereotype, sagen Zugewanderte. Wie fühlen sich Menschen mit dunkler Haut oder die einen Namen tragen, der sich fremd anhört? Ein Feature.

Adama Ulrich: "Als ich so fünf war, hat eine junge Frau zu ihrem Sohn gesagt: Wenn du dich immer nicht waschen willst, dann siehst du bald aus wie das Mädchen hier. Dabei lächelte sie mich augenzwinkernd an."

Dr. Adama Ulrich, Journalistin.

Das bin ich. So unwichtig ich den Doktortitel vor meinem Namen auch finde, muss ich doch gestehen, dass es mir einen diebischen Spaß bereitet, zu beobachten, wie verdattert die Leute gucken, wenn in vollen Wartezimmern bei Ärzten oder in Ämtern "Frau Dr. Ulrich" aufgerufen wird und ich dann aufstehe. Allein dafür haben sich die Strapazen der Dissertation gelohnt.

Damals, als ich als abschreckendes Beispiel dienen sollte, rannte ich nach Hause, stellte mich vor den Spiegel und war entsetzt, denn mir fiel zum ersten Mal mit schockierender Klarheit auf, dass ich anders aussah als alle anderen Menschen um mich herum. Verglichen mit mir waren sie kreidebleich. Sie hatten rote, braune oder blonde, auf jeden Fall glatte Haare und einen Pony, der ihnen bis zu den Augenbrauen reichte.

Meine Haare waren kraus und störrisch. Als ich mir gegen den Willen meiner Mutter auch so einen coolen Pony schnitt, stand er mir wie ein Vordach oder ein Sonnenschutz vom Kopf ab. Ich musste ihn mit etlichen Haarklämmchen zurückstecken, was die Sache nicht besser machte. Ja, ich sah anders aus als die anderen. Aber schmutzig war ich nicht!

Tradierte Vorurteile

Saraya Gomis: "Das fängt im Kindergarten, Schule an. Da tragen wir weiter, was wir von der Familie etc. kennen. Es ist, glaube ich, ganz wichtig zu wissen, dass man nicht unbedingt 'eine böse Absicht haben muss', dass es ein netter Mensch sein kann, um bestimmte Rassismen weiter zu tradieren, weil man das erlernt hat. Die und diejenigen sind so und so. Ob sich das auf Religion, Kultur, Ethnie bezieht, ist völlig belanglos."

Saraya Gomis ist bildungspolitische Aktivistin. Sie meint, dass man nicht unbedingt rechtsradikal oder Neonazi sein muss, um andere Menschen zu diskriminieren. Meist handelt es sich um Alltagsrassismus. Also um eine oft unbewusste, anerzogene und erlernte Form von Rassismus.

In der Veröffentlichung "Normalität des Rassismus: Messen mit zweierlei Maß" beschreibt die Diplom-Theologin Anne Broden, wie ähnliche Vorkommnisse in den Medien oft unterschiedlich bewertet werden. Auch so etwas kann zur Manifestation von Alltagsrassismus führen.

"Als Mitarbeiter eines christlichen Verlags in der Türkei ermordet wurden, wurde diese Tat von vielen Kommentatoren als Indiz dafür gewertet, dass die Türkei nicht bereit sei für eine Aufnahme in die EU. Wurde die EU-Tauglichkeit Deutschlands infrage gestellt, als im Mai 1993 in Solingen fünf türkischstämmige Migrantinnen ermordet wurden?"

Es geschieht ein sogenannter "Ehrenmord" an einer jungen türkischstämmigen Frau in Berlin und die Forderung nach Ausweisung der gesamten Familie wird laut. Der Islam wird einmal mehr als rückständig, frauenfeindlich und unaufgeklärt diffamiert. Werden Kinder von "deutschen" Müttern und Vätern sexuell misshandelt, geprügelt, vernachlässigt oder ermordet, so hat das soziale Sicherungssystem (Jugendamt etc.) versagt. Niemand kommt auf die Idee, die christliche Religion, der die Eltern womöglich angehören, die sie zumindest ethisch geprägt haben soll, als rückständig, kinderfeindlich und unaufgeklärt zu titulieren.

Ein Mädchen sitzt vor einem Schreibtisch mit einem Deutschbuch für Ausländer. (BARBARA SAX / AFP)Ein Mädchen sitzt vor einem Schreibtisch mit einem Deutschbuch für Ausländer. (BARBARA SAX / AFP)

Saraya Gomis: "Wir machen Menschen immer wieder zu anderen und hierarchisieren die und drücken damit Herrschaft aus. Das heißt, wir haben dann die Macht, jemanden zu benennen und die sich nicht selber benennen zu lassen. Da würde ich zurückkommen auf das N-Wort oder bestimmte Bezeichnungen für Sinti und Roma."

Saraya Gomis ist Afrodeutsche. Sie ist in Berlin geboren und hat bereits in vielen Ländern gelebt. Jetzt ist sie in Berlin-Wedding zuhause. Hier arbeitet sie als Lehrerin.

"Ich arbeite an einer integrierten Sekundarschule, einer sogenannten ISS mit gymnasialer Oberstufe. Diese Schule hat bestimmt in den Medien auch mal dieses Label 'Brennpunkt- Schule' bekommen. Wir haben viele Schülerinnen und Schüler mit dem Label 'nicht deutscher Herkunftssprache'."

Auch Schulbücher vermitteln Stereotype

Saraya Gomis unterrichtet Geschichte, Darstellendes Spiel und Französisch. Immer wieder hat sie es mit einer ganz versteckten Form von Alltagsrassismus zu tun.

"Wenn ich zum Beispiel sage, ich bin Lehrerin, dann kommt als erstes, ah in der Grundschule? Das hat einen Grund, dass ich gefragt werde, ob ich Grundschullehrerin bin. Und dann größtes Erstaunen, wenn ich sage, dass ich Gymnasiallehrerin bin. Weil damit eben andere intellektuelle Anforderungen verbunden werden, die mir nicht zugeschrieben werden."

Auch Schulbücher vermitteln bis heute Stereotype, die dazu beitragen, Vorurteile zu verfestigen - wenn auch mit wohlmeinenden, freundlichen Formulierungen. Die Sprache, die oftmals benutzt wird, suggeriert Primitivität. In westlichen Zusammenhängen spricht man beispielsweise von "Volksgruppe", "Vorstand" und "Glaube", auf Afrika bezogen von "Stamm", "Häuptling" und "Aberglaube". Abwertende koloniale Bezeichnungen wie "Buschmänner" oder "Pygmäen" werden kommentarlos verwendet.

Andrés Nader: "Das Problem ist nicht, dass die Schulklasse heterogen ist, sondern das Problem ist, dass die Schule nicht auf die Heterogenität vorbereitet ist. Dann soll man nicht die Heterogenität bekämpfen, sondern man soll die Schule so entwickeln, dass sie mit der Heterogenität gut umgehen kann, alle fördern kann. Das Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse auch gefördert werden und dass sie als gleichberechtigte Teilnehmer an dem Bildungsprozess beteiligt werden."

Andrés Nader leitet seit 2012 in Berlin die "Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie", kurz RAA genannt. Der gemeinnützige Verein wurde 1991 gegründet. Eine seiner wichtigsten Aufgaben besteht darin, in Schul- und Jugendarbeit Minderheiten zu stärken sowie Diskriminierung und Rassismus vorzubeugen und zu bekämpfen.

"Wir arbeiten mit Eltern, wir arbeiten mit Kindern, mit Lehrerinnen, Erziehern. Wir haben Sprachförderprogramme. Es geht darum, Bildung inklusiver zu machen, auch die Schule inklusiver zu machen und den Kindern und Jugendlichen zu helfen, die dabei Hilfe brauchen."

Nader ist in Argentinien aufgewachsen und hat in den USA Germanistik studiert. Er war oft in Deutschland, seine Mutter ist Deutsche. 2006 ist er endgültig hergezogen. Auch er hat mit alltäglichem Rassismus zu tun.

"Es sind subtile Botschaften, die ich bekomme, wo mir zu verstehen gegeben wird, dass ich nicht zu dem UNS gehöre in diesem Land, wo jemand fragt: 'Was, du hast einen deutschen Ausweis?' Das schließt mich aus, diese Überraschung. 'Ja, wie - du hast einen deutschen Ausweis?' Weil ich nicht arisch genug aussehe, wird mir so eine Frage gestellt. Alltagsrassismus ist die Unterstellung: Du bist nicht wie wir."

Antidiskriminierungsstelle soll helfen

Wer sich diskriminiert fühlt, kann sich seit einigen Jahren an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, kurz ADS, wenden. Sie wurde 2006 mit Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes eingerichtet. Die ADS unterstützt Menschen bei der Durchsetzung ihrer Rechte, die wegen ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität benachteiligt worden zu sind.

Laut einer Studie, die die Antidiskriminierungsstelle 2013 veröffentlicht hat, gehört Diskriminierung an Schulen und Universitäten immer noch zum Alltag. Nach dem 450-seitigen Bericht fühlt sich jeder vierte Schüler oder Student mit Migrationshintergrund diskriminiert.

Unter dem Motto "5 vor 12" wird am 21.03.2014 am Cottbuser Tor in Berlin gegen Rassismus demonstriert. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Demonstration gegen Rassismus im März 2014 in Berlin (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Angelika Ngyuen: "Ich war ja auch immer sensibilisiert für so etwas, wenn du ständig Zielscheibe von solchen Angriffen bist, das geht ja von ganz subtilen Äußerungen, bis hin zur Schlägerei. Das war ja die Bandbreite bei mir. Anstarren sowieso. Ich hab mich gewundert, wenn ich mal nicht angestarrt werde. Geht ja bis heute so, die Irritation. Insofern totaler Alltag und ganz breite Skala."

Angelika Ngyuen ist Anfang der 1960er-Jahre in Ost-Berlin geboren. Mutter Deutsche, Vater Vietnamese. Die schlimmsten rassistischen Erfahrungen hat sie in ihrer Grundschulzeit gemacht.

"Das war sehr intensiv. Das war auch so gemeint von den Kindern. Das fängt mit diesem Wundern immer an, Wunder, Wunder, Wunder. Überhaupt keine Selbstverständlichkeit im Umgang mit irgendwas, was anders ist, was von woanders kommt. Das passte irgendwie nicht in dieses Kleinfamilienraster der DDR, glaube ich."

Rassismus als Thema von Blogs

In den USA sorgt gerade die junge nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie für Aufsehen. Sie hat viele Jahre in den USA gelebt und wurde dort zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert. In Nigeria musste sie sich damit nicht auseinandersetzen. Da geht es eher um religiöse oder ethnische Konflikte, aber die Hautfarbe spielt kaum eine Rolle.

Die Protagonistin ihres jüngsten Romans "Americanah" ist, wie die Autorin, zum Studium in die USA gegangen und hat sich dort als Bloggerin einen Namen gemacht. In ihren Blogs dreht es sich ausschließlich um Alltagsrassismus.

Auch deutsche Blogs widmen sich dem Thema. Zum Beispiel "#SchauHin". Da können Betroffene ihre Erfahrungen posten.

"Drei Supermarktkassen offen & bei zwei endlos lange Schlangen. Eine Kasse ist fast leer: die, wo eine Frau mit Kopftuch arbeitet." (Kevin Culina)
"Meine Oma, die den Taxifahrer fragte, seit wann Türken 'hier' Auto fahren dürfen." (Julia)
"Wenn ich gefragt werde, ob ich wieder 'nach Hause' gehe." (Tobias Zawisla)
"Sätze, die mit 'ich hab nichts gegen dich aber...' anfangen." (F.)
"Auf Ämtern geduzt zu werden, nur weil man einen türkischen Namen hat." (Ali Utlu)
"Als ich mit 11 sagte: 'Später will ich aufs Gymnasium', hat die Lehrerin am lautesten gelacht. (Dilan)

Kübra Gümüşay hat den Blog 2013 begonnen. Die Enkelin eines türkischen Gastarbeiters studierte Politikwissenschaften in Hamburg und London. Kübra Gümüşay ist praktizierende, kopftuchtragende Muslima, die sich selbst als Deutschtürkin und Feministin bezeichnet. Im Vorwort zu ihrem Blogg erklärt sie ihr Anliegen.

"Rassismus ist nicht etwas, auf das wir entspannt mit weit ausgestrecktem Finger in der weiten, weiten Ferne zeigen können. Etwas, das irgendwo am rechten Rand der Gesellschaft geschieht, wo die Glatzen glänzen und die Springerstiefel stampfen. Nein. Rassismus ist hier. Mitten unter uns. Jeden Tag. Überall."

Betül Ulusoy: "Ich bewerbe mich grundsätzlich ohne Bewerbungsfoto, damit ich eine Chance habe, zum Gespräch eingeladen zu werden. Meist überzeugt mein Lebenslauf ja. Und ich habe dann im Vorstellungsgespräch auch die Chance, persönlich zu überzeugen und das gelingt mir eigentlich ziemlich gut."

Ein Jugendlicher bei einem Bewerbungstraining in Paris. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)Ein Jugendlicher bei einem Bewerbungstraining. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Kein Allheilmittel gegen Rassismus

Es ist ihr Kopftuch, das Betül Ulusoy immer wieder Probleme bereitet. Um anderen muslimischen Mädchen solche Erfahrungen künftig zu ersparen, engagiert sich Betül Ulusoy bei JUMA. Die Abkürzung steht für Jung, Muslimisch, Aktiv. Träger des Vereins ist die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie. Andrés Nader dazu.

"Eines der Ziele ist, dass die Jugendlichen selber ihre Meinung einbringen. Das weniger über sie gesprochen wird. Das kam aus der Zeit nach den Debatten um Sarrazin, um die sogenannte Nichtintegration. Unser Ansatz war, es wird über sie geredet, aber wer redet mit ihnen? "

Ein Allheilmittel gegen Rassismus scheint es wohl nicht zu geben. Dass das Gleichbehandlungsgesetz existiert, ist sicher wichtig. Doch Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung lassen sich nicht per Gesetz abschaffen. Hier ist die Wachsamkeit jedes Einzelnen gefragt.

Bernhard Franke: "Das Gleichbehandlungsgesetz hat auch einen erzieherischen Effekt. Das soll Bewusstsein schaffen. Dazu gehört, dass Politiker mit Äußerungen vorsichtig sind, die Diskussionen auslösen können, die dann in rassistische Gefilde abgleiten können."

Angelika Ngyuen: "Eine Aufmerksamkeit im Alltag und den Finger draufhalten, halte ich für wirksamer als irgendwelche Antirassismus-Projekte, wo die Leute das dann so museumsmäßig wieder abhaken. Man muss im richtigen Moment die Geduld und die Courage haben".

Betül Ulusoy: "Jeder Mensch hat Vorurteile - auch Muslime, auch ich habe Vorurteile, auch gegenüber Frauen mit Kopftuch. Das muss man sich auch mal vorstellen. Das Problem ist, dass man Vorurteile auf jeden Fall hinterfragen muss, man darf sich nicht auf ihnen ausruhen."

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