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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.02.2014

AlltagDer überforderte Mensch

Michael E. Harrer: "Burnout und Achtsamkeit"

Von Susanne Billig

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Depressionen und Angst gibt es nicht erst in unserer modernen Industriegesellschaft. (picture alliance / dpa Foto: Marijan Murat)
Depressionen und Angst - Achtsamkeit als Gegenmittel (picture alliance / dpa Foto: Marijan Murat)

Michael Harrer, selbst Psychiater, erläutert die Burnout als Verknüpfung zweier hochaktueller Trends: von Stress und von der Sehnsucht nach Ruhe. Harrer bietet dabei einen wissenschaftlich fundierten Überblick.

Erschöpfung, Bitterkeit, Sinnlosigkeit. Im Burnout erleben Menschen das völlige Ersterben ihrer psychischen Kräfte. Eine Mode-Diagnose? Keineswegs, wie Psychiater und Stress-Experten Michael E. Harrer in seinem Buch "Burnout und Achtsamkeit" eindrucksvoll zeigt. Umfassend führt er in die Burnout-Symptomatik ein, beleuchtet die vielen Aspekte der Achtsamkeit als Gegenmittel, stellt zusätzliche Therapiekonzepte vor, erläutert Präventionsmaßnahmen und liefert Ratschläge für Burnout-Gefährdete, Arbeitskollegen und Angehörige.

Wie gewissenhaft der Psychiater sein Buch angeht, wird schon im ersten Kapitel deutlich. Mit einer simplen, populärwissenschaftlichen Definition des Burnout-Phänomens gibt Michael E. Harrer sich nicht zufrieden, sondern präsentiert eine Vielzahl unterschiedlicher, sich teils ergänzender, teils überschneidender Burnout-Konzepte. Dabei nimmt er immer auch gesellschaftliche Umstände in den Blick: Beschleunigung und Rationalisierungsdruck, erzwungene Flexibilität und eine mangelhafte Kultur der Anerkennung, sinnlose und entfremdete Arbeit und die Diskriminierung von Alleinerziehenden.

Achtsamkeit als Gegenmittel

Auch die Achtsamkeit stellt sich bei Michael E. Harrer als vielschichtiges Geschehen dar. Achtsam sein - das kann sowohl fokussierte Konzentration als auch offenes Gewahrsein im "Panorama-Bewusstsein" bedeuten. Dann nimmt man die gesamte äußere und innere Weite wahr, etwa so wie ein Mensch still auf einem Berggipfel die Landschaft als Ganzes in sich aufnimmt. Im Kern bedeute Achtsamkeit, in einem lebendigen und akzeptierend-wohlwollenden Kontakt mit der Gegenwart zu stehen, wie der Autor anschaulich beschreibt.

Hier schließt sich dann auch der Bogen zur Burnout-Problematik: Der überforderte Mensch fühlt sich der Welt hilflos ausgeliefert. Achtsamkeitsübungen kehren die Situation um - wie ein Torwächter entscheidet die Achtsamkeit, welchen Eindrücken sich der Übende widmet und welchen er sich entzieht. Gleichzeitigkeit entfernt man sich von der reflexhaften Identifikation mit Sinneseindrücken und Emotionen, was Ruhe und Erleichterung schafft. Zwar können Achtsamkeitsübungen nicht das Wunder vollbringen, schädliche Arbeitsplatzsituationen zu verändern, dennoch schaffen sie Erlebnisräume für Wertschätzung, Freude und Dankbarkeit. Mit den Kräften, die daraus erwachsen, lassen sich die Anforderungen des Lebens wieder bewältigen und möglicherweise auch neue Weichen darin stellen.

Die differenzierte, ruhige Sprache, die vielen Querverweise, die den Stoff zu einem dichten Netz an Informationen verweben, die gekonnte Balance zwischen Wissenschaftlichkeit und Ratgeberliteratur - Michael E. Harrers Buch begeistert mit seiner Vielfältigkeit, Umsicht und Sorgfalt. Natürlich möchte der Autor zu eigenen Erfahrungen inspirieren. Darum stellt er auf den Verlagsseiten ergänzende Audio-Dateien und Übungsblätter zur Verfügung. Denn letztlich lasse sich die Achtsamkeit nicht in Worte fassen - man müsse sie schon selbst probieren.

Michael E. Harrer: Burnout und Achtsamkeit
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013
304 Seiten, 22,95 Euro
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