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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.01.2011

Alles zermalmende Wasserwände

Susan Casey: "Monsterwellen", Droemer Verlag, München 2011, 382 Seiten

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Der Öltanker "Esso Languedoc" wird 1980 östlich von Durban von einer Riesenwelle überrollt. (Universität Oslo)
Der Öltanker "Esso Languedoc" wird 1980 östlich von Durban von einer Riesenwelle überrollt. (Universität Oslo)

Schon Ernest Shackleton ist einer von ihnen begegnet. Bei der Überfahrt von der Antarktis nach South Georgia Island wurde das Schiff des Polarforschers 1816 völlig unerwartet von so "mächtigen Umwälzungen des Meeres" heimgesucht, dass es nur knapp dem Untergang entging. Monsterwellen, früher "Kaventsmänner" genannt und als Seemannsgarn abgetan, gibt es wirklich. Erst seit kurzem allerdings können Wissenschaftler dank moderner Messgeräte ihre Existenz nachweisen. Wie allerdings diese alles zermalmenden Wasserwände entstehen, stellt die Physik bis heute vor Rätsel.

Fünf Jahre lang hat Susan Casey recherchiert für ihr faktenreiches und spannendes Sachbuch über jene oft aus dem Nichts auftauchenden Riesen, die bereits ganze Ölbohrinseln oder als unsinkbar geltende Tanker vernichtet haben. Gigantische senkrechte Wälle, die sich zur Größe eines mittleren Hochhauses auftürmen und dann auch die Kreuzschifffahrt in die Bredouille bringen (so etwa 1995 den Luxusliner Queen Elizabeth II) oder aber ganze Küstenregionen vernichten. Wie die sage und schreibe 530 Meter hohe Welle, die Lituya Bay in Alaska am 9. Juli 1958 verwüstete.

Wellenprognostiker, Ozeanografen und Risikoforscher befragte Casey für ihr Buch, darüber hinaus Vulkanologen, Meteorologen, Schiffsversicherungsagenten sowie Schiffsbergungsunternehmer. Nicht zuletzt heftete sie sich monatelang an die Fersen der Big-Wave-Surfer.

Caseys wichtigster Gewährsmann ist Laird Hamilton, der die schwierigsten "Break Spots" der Welt gemeistert hat. Er kann erzählen, wie es sich anfühlt, der lebensbedrohlichen Wucht einer Riesenwelle ausgeliefert zu sein; wie es ist, wenn man durchgewalkt, in die Tiefe katapultiert wird und dann nur dank Auftriebsweste dem Tod entrinnt. Man erfährt, dass die Gefahr des "Wipeout" wider Erwarten keine Spinner suchen, sondern sorgsam planende Grenzgänger, die Demut empfinden vor der Naturgewalt.

Susan Casey versteht es, die richtigen Worte zu finden für das Farbenspiel dieses steil aufragenden heranrollenden Faszinosums – "der weiße Kamm, der sich bildet, wenn die Welle anfängt, sich zu brechen, die Skala der Blautöne von dunklem Lapislazuli bis zu blassem Türkis, die Rundung der Röhre und die brandenden Weißwasserfälle nach dem Einsturz der Lippe" und dann die "schwarze Leere". Nicht allein "majestätische Manifestationen" sind diese Monsterwellen, sondern auch Ausdruck des Klimawandels. Begünstigt der nach heutigem Erkenntnisstand die Entstehung der sturmgeborenen Mörderwellen.

Mitunter lässt sich Susan Casey von jenen Metaphern verführen, die wir aus Abenteuerromanen wie dem "Seewolf" kennen. Das hindert sie indes nicht daran, äußerst aufschlussreiche Non-fiction vorzulegen, die ein Phänomen vor Augen führt, das seltsamerweise oft ignoriert wird. Wenn ein Schiff, wie schon zigfach geschehen, spurlos vom Radar verschwindet, ohne dass auch nur ein Wrackteil geborgen wird, ertönt kaum ein Aufschrei des Entsetzens. Man bucht es ab unter "wetterbedingten Verlusten". Das gibt der Autorin zu denken. Nicht nur ihr.

Besprochen von Knut Cordsen

Susan Casey: Monsterwellen. Auf der Suche nach der Urgewalt des Meeres
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Harald Stadler
Droemer Verlag, München 2011
382 Seiten, 19, 99 Euro

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