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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.08.2011

"Alles war besser als Jelzin"

Sabine Adler hat ein Buch über ihre Zeit in Russland geschrieben

Moderation: Stephan Karkowsky

Sabine Adler kam 1999 nach Moskau, als die Jelzin-Ära zu Ende ging. (©Deutschlandradio / Bettina Straub)
Sabine Adler kam 1999 nach Moskau, als die Jelzin-Ära zu Ende ging. (©Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der Westen müsse mehr Geduld mit Russland haben, sagt Sabine Adler, langjährige Russland-Korrespondentin von Deutschlandradio Kultur. In ihrem Buch "Russisches Roulette. Ein Land riskiert seine Zukunft" beschreibt sie, wie sie Russland kennengelernt hat.

Stephan Karkowsky: Es ist ein Lesebuch geworden, eine Aneinanderreihung von Essays, mal Geschichtslektion, mal Reportage, mal Analyse. Äußerst plastisch steht einem Russland hier vor Augen, wie ein Drehbuch für das Kino im Kopf. "Russisches Roulette", so heißt das Buch, ein Land riskiert seine Zukunft. Geschrieben hat es die langjährige Deutschlandradio-Kultur-Russland-Korrespondentin und derzeitige Leiterin des Hauptstadtstudios Sabine Adler. Guten Tag!

Sabine Adler: Guten Tag!

Karkowsky: Ihr Buch erscheint passend zum 20-jährigen Jubiläum des Putsches in Moskau, dem Anfang vom Ende der Sowjetunion. Wonach haben Sie Themen für dieses Buch ausgesucht?

Adler: Ich habe jetzt nicht versucht, ganz, ganz systematisch vorzugehen, also sozusagen eine Gesellschaftsdeklination vorzulegen, sondern ich habe versucht, das zum Thema zu machen, wo mir die größten Konflikte zu liegen scheinen. Also, da springt natürlich ins Auge die Nationalitätenkonflikte, also der Zerfall der Sowjetunion, der ja im Jahr 1991 begonnen hat, eigentlich genau genommen schon davor, 89, 90 waren die Sezessionsbewegungen unter anderem ja schon, vor allem im Baltikum. Dann, darüber hinausgehend, also die wichtigsten Konflikte mit den Nationalitätenkonflikten verbunden, Kriege auch, die es im heutigen Russland beziehungsweise der damaligen Sowjetunion gab. Dann, daraus folgend der Umgang mit der eigenen Geschichte, schon mit der, auch wieder ausgehend von den Nationalitäten, wie sind eigentlich solche Konflikte entstanden, wie schaut man heute darauf, was macht eigentlich so dieses nationale Geschichtsbewusstsein der Russen aus? Und interessant war für mich immer, dass, wenn ich im Land unterwegs war, beziehungsweise in der Region unterwegs war, das ist ja heute mehr als nur Russland, dann habe ich bei allen Menschen immer angetroffen dieses, das, was wir auch in Deutschland kennen, dieses Vor-der-Wende, Nach-der-Wende. Das gibt es in Russland genau so, Vor-der-Perestroika, Nach-der-Perestroika. Und da vergleichen die Menschen eigentlich alles: Wie war die Kultur, wie war die Bildung, wie war das Gesundheitswesen, wie hat funktioniert zum Beispiel die Wirtschaft, hat sich jetzt was getan, wo das Land jetzt so reich geworden ist, sieht man davon was, hat sich die Infrastruktur verändert, hat sich die Armee verändert? Oder ein ganz großes Kapitel ist, weil wirklich sozusagen so ein Nerv Russlands, sind die Gefängnisse. Das können wir uns überhaupt nicht so vorstellen, denn in Deutschland spielen Gefängnisse natürlich eine Rolle, aber das ist nicht so präsent im Alltagsbewusstsein, jedenfalls nicht von Durchschnittsfamilien. In Russland ist jeder dritte Mann schon mal im Gefängnis gewesen. Und das ist natürlich etwas, das ist so präsent und natürlich gucken die Familien da ganz genau, wie ist es, wie geht es den Männern - hauptsächlich - im Gefängnis heute, aus welchen Gründen kommen sie da rein und wie sind die Umstände dort?

Karkowsky: Vor 20 Jahren sahen viele die Zukunft Russlands noch in einer Wertegemeinschaft mit dem demokratischen Westen. Ist das noch immer die Zukunft, die Sie im Untertitel meinen, die Russland nun aufs Spiel setzt?

Adler: Unter anderem, aber nicht nur. Sie haben recht, das ist eine Anspielung, wenn ich sage, ein Land riskiert seine Zukunft, dann meine ich, habe ich natürlich auch die demokratische Zukunft, also sozusagen das Erstrebenswerte im Blick. Aber das ist es nicht nur, denn das Land riskiert auch seine Zukunft in anderer Hinsicht. Also, zum Beispiel demografisch. Das Land wird, wie in Deutschland auch, heimgesucht von einem ganz großen Bevölkerungs- ... , von einer Dezimierung, und diese Dezimierung, die hat nicht nur was mit sinkenden Geburtenraten zu tun, die hat vor allem was mit unglaublich hohem Risiko, sehr früh zu sterben, zu tun. Jetzt unlängst wieder eine Meldung, die das bestätigt hat: Es ist der Wodka-Konsum unter anderem, der den Lebensdurchschnitt, oder die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern so weit nach unten drückt. Also, dann auch diese verpasste Zukunft, aus dem Reichtum heute, der jetzt gewonnen wird mit Gas und Öl, nichts zu machen, viel zu wenig zu investieren in Zukunftstechnologien oder in neue Energien oder was auch immer. Also, wirklich immer dieses, was die Russen selber auch beklagen, dieses Denken von mittags bis zwölf. Und das ist etwas, was sie wissen, was sie nicht tun, und wo sie ganz wenig strategisch denken, das soll das schon auch mit beinhalten.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" Sabine Adler, hier mal als Autorin eines neuen Russland-Buches namens "Russisches Roulette". Frau Adler, Ihre Zeit als Korrespondentin begann auch mit dem Auftauchen Putins, 99 war das, glaube ich, war das so?

Adler: So ist das.

Karkowsky: Auf welchen Boden traf dieser Putin eigentlich damals, wie war die politische Stimmung im Land?

Adler: Die politische Stimmung war so, dass alle Jelzin satthatten, dass sie ihn weg haben wollten. Jelzin hatte den siebten Premier installiert, Putin war der siebte Premier in diesen wenigen Jahren, in denen Jelzin überhaupt an der Macht war. Und es war die Zeit, wo man sich schämte für den alten Präsidenten, wo man gesehen hat, der ist nicht nur krank, der ist auch wirklich zuweilen oder doch des Öfteren betrunken, auf offener Bühne. Es gibt da eine ganz furchtbare Szene, die passierte, als Putin schon Premier war, da ist Jelzin krank und leider auch betrunken in China gewesen und hat den Chinesen mit den Atomwaffen gedroht. Also, das war sozusagen etwas, die Menschen waren wirklich geradezu angewidert von ihrem Präsidenten. Sodass dieser vollkommen unbekannte Putin, der zunächst da Anfang August 1999 in das Amt kam, ein ganz leichtes Spiel hatte. Alles war besser als Jelzin, alles. Und diese Demokratieversprechen, die es gab mit Jelzin, es gab ... Wir sind immer noch einer Zeit in Russland gewesen, 1999, wo die Leute sehr stark politisiert waren, aber sie waren politisiert, weil es ihnen a) so schlecht ging, weil sie durch eine Rubel-Krise im Jahr zuvor unheimlich viel Geld verloren haben, die aufstrebende Mittelklasse, die gerade erst entstanden war, verarmte wieder rapide. Das heißt, die Leute haben sich sehr dafür interessiert, was politisch lief und was vor allem wirtschaftlich lief. Und es konnte sozusagen überhaupt nicht mehr schlechter kommen, es war Zeit für ein - ich will das Wort jetzt nicht benutzen -, aber ein bisschen war die Stimmung so für einen Erlöser. Und das war Putin, der war jung und dynamisch und ein Patriarch, ein ordentlicher Mensch.

Karkowsky: Und er hat dem Volk seinen Nationalstolz zurückgegeben?

Adler: Das hat er da, natürlich, das wusste man noch nicht, zunächst noch nicht gemacht, aber man hat eben gesehen, der kann sich bewegen, der wahrt die Formen, der hat schon auch so ein bisschen appelliert an diese alte Größe, aber das hat er auf ganz merkwürdige Weise getan, er hat nämlich gesagt - und das ist so ein bisschen auch das Motto für das Buch: Die große Tragödie der Sowjetunion oder Russlands war der Zerfall der Sowjetunion. Und damit hat der den Menschen sehr aus dem Herzen gesprochen. Das können wir uns heute nicht so vorstellen, weil wir glauben oder in dem Luxus vielleicht uns wähnen, dass Demokratie das eigentlich Wichtige sein soll und nach Demokratie Größe kommt. Für die Russen war das was anderes, da war Demokratie überhaupt nichts Erstrebenswertes. Das, was sie als Demokratie verkauft bekommen haben bis zu diesem Zeitpunkt, war Zerfall, war Chaos, waren leere Geschäfte und volle Regale, zunächst leerere Geschäfte, dann aber volle Regale, nichts davon konnte man sich leisten. Das heißt also, das pure Chaos. Und wenn da jetzt jemand kommt und sagt, ich bringe da jetzt Ordnung rein und wir stabilisieren jetzt die Wirtschaft ... Das hat er zwar alles gesagt letzten Endes. Nun ist es das Glück des Tüchtigen vielleicht auch gewesen, dass er in eine Zeit kam, wo dann allmählich die Wirtschaft am tiefsten Punkt angekommen war und es jetzt wirklich nur noch aufwärts gehen konnte, aufwärts vor allem deshalb, weil das Öl wieder teurer wurde.

Karkowsky: Heute wird Putin im Westen vor allem als Führer einer Demokratur wahrgenommen, egal, ob er nun gerade Präsident ist oder, wie jetzt, nur Ministerpräsident. Oder ist Präsident Medwedew eigenständiger in seiner Politik, als viele im Westen glauben, die sich nicht so gut auskennen wie Sie?

Adler: Ich würde es nicht sagen, ich würde sagen, dass die beiden mit verteilten Rollen spielen. Die Rolle von Medwedew ist wesentlich kleiner, auch die ihm zugedachte Rolle ist wesentlich kleiner, sie spielen mit verteilten Rollen Good guy, Bad guy. Also, Medwedew ist immer derjenige, der ein bisschen etwas demokratischer Klingendes von sich gibt, nichts dergleichen umgesetzt hat, also die Unterstützung zum Beispiel für die Nichtregierungsorganisation von Menschenrechtsaktivisten, die ist wirklich hohl und leer, es sind hohle, leere Phrasen, hinter denen überhaupt nichts steckt und aus denen auch nichts gefolgt ist. Aber das ist das Phänomenale, dass die Menschenrechtsaktivisten solche Worte ganz begierig hören und dann immer wieder neu Hoffnung daran knüpfen. Das ist für mich etwas, was ich wirklich phänomenal finde, also, was ich auch nicht bis zum Schluss verstehe eigentlich.

Karkowsky: Russland wird immer noch mit westlichen Standards gemessen von uns - was sollen wir auch anderes machen - und da hat der Osteuropaforscher Hans Henning Schröder in einem Interview darauf hingewiesen, auch in Deutschland sei die Demokratie nicht über Nacht gekommen, vom ersten demokratischen Parlament bis zur ersten halbwegs stabilen Demokratie in einem Bundesland habe es 100 Jahre gedauert. Hat der Westen zu wenig Geduld mit Russland?

Adler: Eindeutig ja, eindeutig ja. Und wenn man diese Dimension des Landes ansieht, auch die Dimension der Probleme, die sind natürlich wirklich riesengroß. Und wir müssen da Geduld haben. Andererseits ist es eben so, dass, wenn man so Partikel rausnimmt, also nehmen wir mal das Gesetz für die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen, da wird ein neues Gesetz gemacht: Das neue Gesetz ist viel, viel, viel schlechter als das alte, das ja auch erst neu war. Und wenn man ... Da muss man nicht Geduld haben, da darf man auch gar keine Geduld haben, da muss man wirklich den Finger in die Wunde legen und sagen, ihr verschlimmbessert hier etwas, das ist ganz furchtbar, was ihr hier gerade macht. Dass man sonst insgesamt den langen Atem haben muss, zum Beispiel mit der Modernisierung der russischen Wirtschaft, das ist klar.

Karkowsky: "Russisches Roulette", so heißt das Buch, "Ein Land riskiert seine Zukunft" der Untertitel, geschrieben hat es unsere langjährige Russland-Korrespondentin und derzeitige Leiterin des Hauptstadtstudios Sabine Adler. Ihnen vielen Dank!

Links bei dradio.de
Russland ist "manipulierte Demokratie"
"Russland bewegt sich zwischen Demokratie und Autokratie"
"Ende vom Mythos Medwedjew"

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