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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 10.10.2016

Alles richtig gemacht?Wien als Primus im sozialen Wohnungsbau

Von Philip Artelt

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Karl Marx-Hof in Wien (imago/Volker Preußer)
Der Karl Marx-Hof in Wien, eines der bekanntesten Projekte für den sozialen Wohnungsbau in der Stadt (imago/Volker Preußer)

In der österreichischen Hauptstadt Wien leben 65 Prozent der Wiener Bevölkerung in einer geförderten Wohnung. Das hält auch die Mieten auf dem privaten Wohnungsmarkt niedrig. Wie ist das möglich?

"Ich mache den Vorschlag, dass wir wieder Gemeindewohnungen bauen."

Wiens Bürgermeister Michael Häupl. Mit diesem Satz hat er sie eingeläutet, die Zukunft des sozialen Wohnungsbaus in Wien. Aber dazu später. Um die folgende Geschichte zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.

"Die Lebens- und Wohnsituation war gerade in der Über-zwei-Millionen-Metropole, die Wien um 1900 bereits war, so schlecht, wie in keiner anderen Metropole."

Sagt Werner Thomas Bauer. Er kuratiert eine Ausstellung über das Wien der Zwischenkriegszeit. Vor allem die Arbeiterschicht lebte ohne Strom, ohne fließendes Wasser – und oftmals auch ohne Wohnung. Sogenannte "Bettgeher" mieteten sich Schlafplätze in sowieso schon überfüllten Wohnungen.

"Die junge Sozialdemokratie damals noch hat sehr rasch erkannt, dass die Lösung dieses Wohnproblems wahrscheinlich der Schlüssel zum Herzen und zu den Hirnen der Menschen sein würde."

Wahlkampf also, aber einer, der Spuren hinterließ.

Mitten in der Wirtschaftskrise begann der sozialdemokratische Bürgermeister Reumann, Gemeindebauten zu errichten. Goethe-Hof, George-Washington-Hof – und der wohl Bekannteste, der Karl-Marx-Hof: ein gigantischer rostroter Wohnkomplex, mit dem sich das sozialistische, das "rote Wien" auch farblich ein Denkmal setzte. 65.000 Wohnungen entstanden, ganze Städte in der Stadt, mit Kindergärten, Veranstaltungsräumen, Mütterberatungsstellen, Künstlerateliers.

"Und auf diese Weise konnte man versuchen, eine Art von Gegenkultur zur bürgerlichen Kultur zu etablieren. Also einen neuen, gebildeten Proletarier hier zu erziehen. Das war die Idealvorstellung."

Die Nazis beendeten das Sozialexperiment

"Der Goethehof ist historischer Boden für die Sozialdemokratie, da wurde Widerstand geleistet, drei Tage wurde Widerstand geleistet - 1934 beim Bürgerkrieg, der in Linz begonnen hat. Ja, in Linz beginnt's, im Hotel Schiff. Da waren 200 Schutzbundkämpfer im Goethehof versammelt, drei Tage konnten sie Widerstand leisten."

Sagt Herbert Szlezak, Wiener Original und Künstler. Geholfen hat er nichts, der Widerstand im Goethe-Hof. Der Gemeindebau, das große Sozialexperiment, wurde von den Nazis beendet.

In der Nachkriegszeit baute die Stadt wieder. Keine Karl-Marx-Höfe mehr, dafür gesichtslose Gemeindebauten. Die entstanden aber nicht nur irgendwo am Stadtrand, sondern mittendrin im schönen Wien.

Stadtrat Michael Ludwig ist selbst in einem Gemeindebau aufgewachsen. Heute verwaltet er das Erbe des "Roten Wien". Und das ist groß: Denn im Gegensatz zu vielen Kommunen und Ländern in Deutschland hat Wien seine Sozialbauten bis heute behalten.

"65 Prozent der Wiener Bevölkerung leben in einer geförderten Wohnung, entweder in einer Gemeindewohnung oder in einer der 200.000 geförderten Miet- oder Genossenschaftswohnungen."

Gemeindewohnungen in Dachgeschossen

65 Prozent. Das sind weit mehr als nur die Bedürftigen. Will jemand in einen Gemeindebau ziehen, darf er bis zu 44.000 Euro im Jahr verdienen. Ist man mal eingezogen, wird der Verdienst ein Leben lang nicht mehr nachgeprüft. Unfair! - sagt die Opposition. Stadtrat Ludwig ist anderer Meinung:

"Wir haben immer versucht, den gesamten geförderten Wohnbau auch bis weit in den Mittelstand als attraktive und erstrebenswerte Wohnperspektive darzustellen, weil nur so auch eine soziale Durchmischung stattfindet."

Sozialer Wohnungsbau für jeden: Das soll Ghettos verhindern. Hier leben Menschen am Existenzminimum neben denen, die es im Leben geschafft haben.

Neuerdings baut die Stadt Dachgeschosse zu Gemeindewohnungen aus - nicht für reiche Russen oder Chinesen, die sich so gerne hier einkaufen. Nein, für Otto Normal. Und nebenbei hält die hohe Quote an geförderten Wohnungen auch noch die Mieten auf dem privaten Wohnungsmarkt niedrig. Den Maklern und Immobilienhaien ist das ein Graus.

Sie sind Teil eines sozialen Wohnungsmarktes, der weit über den Bau von Gemeindewohnungen hinaus geht. Die Stadt saniert, kauft Grundstücke auf und schreibt Regeln vor. Die Mietpreisbremse: Während sie in Deutschland noch diskutiert wurde, gab es sie in Wien schon seit Jahrzehnten.

"Also es ist am Dach des Gebäudes ein Schwimmbad, das ist im Sommer auch zugänglich mit Liegeplätzen und so."

Die Stadt zahlt kräftig mit – trotz Bewohnern aus der Mittelschicht

Daniela Barak hat eine günstige Wohnung bekommen. In der Seestadt, einem neuen Stadtteil, der gerade erst entsteht. 20.000 Menschen sollen hier einmal leben, mehr als die Hälfte in geförderten Wohnungen. Daniela Barak ist in der Seestadt in eine Genossenschaftswohnung gezogen: Das sind privat finanzierte Wohnungen, deren Eigentümergesellschaft aber gemeinnützig arbeitet. Und auch hier zahlt die Stadt kräftig mit – trotz Bewohnern aus der Mittelschicht.

"Der Genossenschaftsbeitrag war wesentlich geringer als bei anderen Wohnungen. Und auch durch Großeltern finanzierbar. Es gibt Genossenschaftswohnungen, wo der Genossenschaftsanteil bei 40.000 Euro liegt, und ich habe hier nichtmal 10.000 Euro gehabt."

Heile Welt in Wien? Nicht ganz. Weil so viele ein Anrecht auf geförderte Wohnungen haben, sind die Wartelisten lang. Jahre lang. Die vergangenen zwölf Jahre hat die Stadt nur Neubau gefördert, selbst gebaut hat sie nicht. Aber Wien wächst, schneller als viele andere europäische Städte. Und so hat Bürgermeister Häupl nach einem Jahrzehnt der Zurückhaltung die Devise ausgegeben:

"Ich mache den Vorschlag, dass wir wieder Gemeindewohnungen bauen."

Wahlkampf war das. So wie bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Aber wer Häupl kennt, ja, wer Wien kennt, der weiß: Demnächst werden hier 4000 neue Gemeindewohnungen stehen.

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