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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.10.2012

Alles erlaubt, außer Pleite sein

Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Theater Bremen

Von Elske Brault

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Die Operninszenierung zog sich durch das ganze Theater Bremen. (Jörg Landsberg)
Die Operninszenierung zog sich durch das ganze Theater Bremen. (Jörg Landsberg)

Der Opernabend ist so rasant, dass der Zuschauer ständig hinterher rennen muss: Das Ensemble spielt im ganzen Bremer Theater und sogar davor, ständig begleitet von einer Kamera. Eine kämpferische, anrührende und dadaistische Aufführung, die Maßstäbe setzt.

"Wo geht's denn los?" - "Im Foyer im ersten Stock!" Die Stehplatzkarte, verbunden mit der Aussage, das Stück spiele "im ganzen Haus", zwingt schon vor Beginn der Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", sich mit anderen Zuschauern auszutauschen. Auf Leinwänden und über Lautsprecher wird das Geschehen überallhin übertragen, eine beeindruckende technische Leistung, denn der Klang ist glasklar: die Sänger, natürlich alle ausgerüstet mit Mikroports, folgen scheinbar mühelos dem Dirigat von Markus Poschner, der eine Etage tiefer, im Theatersaal, vor dem auf der Bühne sitzenden Orchester steht - seine Bewegungen sind für sie auf kleineren Fernsehschirmen zu sehen. So ist diese "Mahagonny"-Inszenierung ein Abbild unserer hoch technisierten Medienwelt: Nur die modernen Übertragungswege, die kleinen digitalen Handkameras machen die Vervielfältigung von Bild und Klang bis in den letzten Winkel des Theaters möglich.

Und doch wird das Live-Geschehen dadurch nicht ab-, sondern aufgewertet: Viele Zuschauer versuchen, nah an die Solisten heranzukommen. Gute Kenntnisse des Theaterbaus - Stichwort: Bildhintergrund! - helfen herauszufinden, wo die gerade singen, über Tische turnen oder die Treppe hinuntereilen, verfolgt vom Kamerateam. Mal ist man zu spät, die Protagonisten verlassen gerade den Theatervorplatz, auf dem auch Passanten kostenlos ein Stück "Mahagonny" genießen durften, während man es als zahlender Karteninhaber gerade erst nach draußen geschafft hat - und nu gehen die Jungs wieder hinein!. Dann wieder gelingt es, durch Verfolgen der Kamerafrau geschickt den nächsten Auftrittsort zu antizipieren. Und zwischendurch bekommt auch der einfache Zuschauer die von Andy Warhol versprochenen zehn Minuten Ruhm oder doch wenigstens Leinwandpräsenz, weil er versehentlich oder mit Lust vor das Kameraobjektiv gerät. Auch dies entspricht der neuen Verbreitung von Information und Inszenierung im Internet: Einer Modewelle kann der Nutzer hinterherrennen oder sie so vorausahnen, dass er der erste am Brennpunkt des Geschehens ist, jeder hat die Möglichkeit zur Selbstinszenierung oder gerät wider Willen in den Focus der Aufmerksamkeit.

Die Mitglieder des Chors mischen sich ohne Mikroports unter die Zuschauer, sie sind entweder äußerlich von ihnen nicht zu unterscheiden oder grotesk aufgeputzt, mit glitzernden Paillettenjacken und Rokokoreifröcken, waagrechte Perückenbalken in pink oder wellensittichgelb wie Zuckerwatte auf dem Kopf. Sie flüstern oder singen einen von der Seite an, reichen Sekt, fordern auf zum Tanz und schunkeln den Zufallspartner im Walzertakt. Kein blödes Mitmachtheater, sondern in einer Welt voller Vergnügungsangebote der permanente Zwang, sich zu entscheiden, was man annehmen oder mitmachen, was ablehnen will. Dies ist die Welt von morgen: Ohne Hierarchien und Insignien der Macht. Jeder muss sich ständig selbst definieren und sozial positionieren - oder rücksichtsvoll schauen, wie er dem durch die Menge wabernden Drama Platz zu machen hat.

Doch sind Schöpfung und Naturgewalten nicht zu unterschätzen: Nach einer Stunde ist in Mahagonny vom heran nahenden Taifun die Rede. "Retten Sie sich" scheuchen Platzanweiserinnen und Chormitglieder die Zuschauer in den Saal, wo die Darsteller über Leitern von den Rängen ins Parkett klettern und wir uns auf dem Boden oder kleinen Klapphockern lagern, wie es gerade kommt. Der Taifun verschont bekanntlich die Netzestadt, aber das Diktum ihres Helden Jim Mahoney, angesichts der Ungewissheit der Zukunft den Augenblick zu nutzen, hat ebenso verheerende Folgen: Einer frisst sich zu Tode, der nächste wird beim Preisboxen erschlagen. In einer enthemmten Welt erledigt der Mensch sich selbst.

Jim Mahoney, anrührend und überzeugend gesungen von Michael Zabanoff, fällt am Ende seinem eigenen Gesetz zum Opfer: Alles dürfe man, außer: Kein Geld haben. Seine Geliebte Jenny (Marysol Schalit) erinnert sich plötzlich nur noch der quälenden Stunden ihrer Gemeinschaft und hilft ihm nicht, seine Kumpels lassen Jim im Stich. Während der Gerichtsprozess über ihn hinwegrollt und zum Todesurteil führt, verlassen die etwa 70 Statisten und Chormitglieder einer nach dem anderen den Saal: Sie ziehen sich bis auf die Unterwäsche aus, tragen ihre Sachen auf ausgestreckten Armen über die Bühne wie bei einer Leichenprozession und schalten an einem großen Zählwerk mit roten Leuchtziffern eine Zahl runter, bevor sie nach hinten abgehen. 63 - 62 - 61, der letzte macht das Licht aus, und der letzte ist Jim Mahoney. Aber seinem Abgang folgt noch ein Nachspiel: Eine Kinderschar trägt weiße Plakatwände aus den Kulissen und verteilt sie unter den Zuschauern. Die können ihre Forderungen mit schwarzem Edding darauf schreiben - und das Bild der Kinder gemahnt zugleich, für wen sie es tun.

So kämpferisch, gefühlvoll und dadaistisch hat es die Brecht/Weill-Oper wohl noch nirgendwo gegeben. Regisseur Benedikt von Peter legt die Latte hoch für den Rest der Spielzeit im Musiktheater. Und Intendant Michael Börgerding macht mit von Peter als neuem Leiter der Sparte klar, welche Art von Oper er in Bremen zeigen will.

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