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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.02.2018

Allen Frances: "Amerika auf der Couch"Ein Land in therapeutischer Behandlung

Von Susanne Billig

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Buchcover von Allen Frances' Buch "Amerika auf der Couch" (Photocase / birdys / Dumont)
Allen Frances: "Amerika auf der Couch" (Photocase / birdys / Dumont)

Der Psychiater Allen Frances legt in seinem neuen Buch gleich sein ganzes Heimatland, die USA, auf die Couch. Was ist bloß mit der Politik passiert und was ist in die Wähler gefahren, fragt er. Und unternimmt einen Therapieversuch.

"Amerika auf der Couch" geht kräftig zur Sache: Der gegenwärtige amerikanische Präsident sei ein "impulsiver, demagogischer Betrüger mit imperialen Ambitionen", wettert der in Fachkreisen weltbekannte Psychiatrieprofessor Allen Frances. Donald Trump habe die Aufmerksamkeitsspanne eines Kleinkinds, sei jedem therapeutischen Bemühen unzugänglich und nur deshalb Präsident geworden, "weil es durch das Reality-TV zu einem politischen Pluspunkt geworden ist, nur noch Müll zu reden."

Klare, befreiende Worte

Dennoch ist dies kein Buch über Trump. Dessen Psyche trete in ihrer gewaltbereiten Vulgarität so offensichtlich zu Tage, dass sich eine Analyse erübrige, erklärt der Autor – und rückt andere Fragen in den Fokus: Welche Wahnvorstellungen haben einen aggressiven Schreihals an die Schalthebel des mächtigsten Landes der Erde gewählt – und welche Therapie kann davon heilen?

Gründlich fächert der Autor zunächst die kollektiven Fantasiegebilde auf: Man muss sich um Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung, Artensterben, Überbevölkerung und Ressourcenverbrauch schon keine Sorgen machen, weil HighTech-Lösungen (oder das pure Glück, der liebe Gott) die Menschheit schon irgendwie retten. Die Armen profitieren automatisch, wenn die Reichen immer mehr Geld anhäufen. Amerika kann sämtlichen Ländern der Welt militärisch seinen Willen aufzwingen. Es muss nur rundherum dicke Mauern ziehen, dann wird es wieder groß...

Mit liebevoller Strenge zur Einsicht

Woher rühren solche trügerischen Gewissheiten, fragt Allen Frances, nachdem er ihren Unsinn-Charakter argumentativ gründlich zerpflückt hat. Denn so sei es gute therapeutische Praxis, betont der Psychiater: Es gelte, dem Patienten mit liebevoller Strenge zur Einsicht zu verhelfen. An der Wurzel sieht Allen Frances vor allem pure Verleugnung: Wir haben unsere Welt inzwischen so stark verhunzt, dass wir sie nur unter immensen Opfern wieder in Ordnung bringen können. Weil diese Realität allzu schmerzhaft ist, rennen Wählerinnen und Wähler in Amerika und anderswo lieber Demagogen und Populisten hinterher.

Die ganze Macht des Wissens

Die Klarheit, Schärfe und Vehemenz, mit der Allen Frances zu Werke geht, die Vielschichtigkeit, mit der er von der Evolutionspsychologie über die Neurowissenschaften bis hin zu einer präzisen Kenntnis von Ökonomie, Ökologie, Theorien zu Rassismus, Internet- und Mediengeschehen die ganze Macht des Wissens und der Rationalität auffährt, um dem nackten Wähler-Affen den Spiegel vorzuhalten, machen dieses Buch zu einem riesigen Lesevergnügen. In seiner wuchtigen Grundsätzlichkeit ähnelt es Yuval Hararis Beststellern – in seinem Ruf nach ernsthafter Umkehr und seiner freundlichen Liebe zu den Angelegenheiten der Menschheit und des blauen Planeten ragt es über dessen befremdliche Kühle weit hinaus.

Vielleicht sei die Schocktherapie eines Trumps nötig, um die Menschheit zur Vernunft zu bringen, gibt Allen Frances seiner Leserschaft als Hoffnungsschimmer mit auf den Weg. Denn eines sei keine Option: der Status quo. "Wir werden unsere Welt entweder verbessern, oder wir werden sie zerstören."

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