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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.01.2009

Allah im Unterricht

Erfahrungen an niedersächsischen Schulen

Von Ita Niehaus

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Pilger in Mekka - immer häufiger gibt es auch muslimischen Unterricht an deutschen Schulen (AP)
Pilger in Mekka - immer häufiger gibt es auch muslimischen Unterricht an deutschen Schulen (AP)

Bis vor einigen Jahren mussten die rund 750.000 muslimische Schülerinnen und Schüler bundesweit das Klassenzimmer verlassen, wenn für die christlichen Schüler "Gott" auf dem Stundenplan stand. Nur an Koranschulen wurden sie in ihrem Glauben unterrichtet. Immer mehr staatliche Schulen bieten nun auch muslimischen Kindern Religionsunterricht an. In Niedersachsen gibt es schon seit über fünf Jahren Islamunterricht an Grundschulen.

Begrüßungslied:
"Guten Morgen, good morning.. methaba ... namasti"

Zu Besuch in der vierten Klasse in der Grundschule Salzmannstraße in Hannover. Tünay Özrecber steht mit 15 Kindern im Kreis und singt mit ihnen das Begrüßungslied.

Begrüßungslied:
"Guten Morgen, good morning.. methaba ... namasti"

Auf den ersten Blick - ein normales Klassenzimmer: Tische, Stühle, Kinderbilder an den Wänden. Doch etwas ist anders: die Kinderbilder zeigen Szenen aus den Prophetengeschichten und auf einem gesonderten Tisch liegt der Koran. Die Schülerinnen und Schüler kommen ursprünglich aus ganz unterschiedlichen Ländern – aus der Türkei, dem Libanon oder aus dem Iran. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind alle Moslems. Das Klassenzimmer ist für sie ein ganz besonderer Raum
.
Umfrage:
"Weil wir hier viel über Gott lernen, da bin ich froh.
Und dass es hier in diesem Raum wie ein Gottraum ist. Wo überall Gott steht."

Unterricht:
"Gott weiß ja was wir getan haben, aber woher wissen wir, dass es ihm gefällt? Wir haben ja keine Buch, wo wir nachgucken können? ..Dogac ..Weil es etwas Gutes ist und Gott gefallen gute Sachen ..Das ist richtig, aber immer noch nicht die Antwort."

Tünay Özrecber unterrichtet Dilara, Dogac und die anderen muslimischen Kinder bereits seit der ersten Klasse. Im Mittelpunkt des Islamunterrichts steht nicht die Glaubenspraxis, sondern die Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten. Thema heute zum Beispiel: Wie können wir Gutes tun im Fastenmonat Ramadan?

Unterricht:
"Batuan hat mich auf etwas gebracht, er meinte....wo können wir lesen was Gott gefällt und was nicht? Koran - was steht denn da drin?"

Die 28-jährige Tünay Özrecber gehört mit zu den ersten Islamlehrern in Niedersachsen. Eine klassische Lehrerausbildung hat sie nicht gemacht. Wie ihre 22 Kollegen ist Tünay Özrecber eine Seiteneinsteigerin. Die gläubige Muslima gab zunächst muttersprachlichen Unterricht.

Tünay Özrecber:
"Es ist etwas Schönes für mich, meine Religion in der deutschen Schule zu vermitteln, eine Brücke zu bauen. Ich finde, die Eltern sollten die Kinder religiös zu erziehen. Es ist nicht meine Aufgabe, die Kinder religiös zu erziehen, es ist meine Aufgabe, das Wissen zu vermitteln – das ist sehr wichtig für mich, da sachlich zu bleiben."

Die Grundschule Salzmannstraße machte von Anfang an mit beim Modellversuch Islamunterricht. Es gab keine Unterrichtsmaterialien, keine Bücher, die Lehrpläne mussten erst entwickelt werden – letztendlich gab es überhaupt keine Erfahrung mit Islamunterricht an niedersächsischen Schulen. Es war Pionierarbeit.

Tünay Özrecber:
"Ich wusste nicht, was mich alles erwartet. Den Eltern gerecht zu werden, der Schule, den Schülern, mir selber. Die größte Herausforderung war, Erstklässlern islamischen Religionsunterricht zu vermitteln. Und auch mich als junge muslimische, moderne Lehrerin – bei den Eltern, bei den anderen Leuten, dass ich einfach dieses Vertrauen gewinne. Auch wenn ich es intuitiv geschafft habe, das ist eigentlich ganz schön schwer."

Der berühmte Sprung ins kalte Wasser. "Learning by doing" mit berufsbegleitender Fortbildung. Die christliche Religionspädagogik bot den Islamlehrern erste Orientierung.

Tünay Örecber:
"Zum Beispiel die Prophetengeschichten, die sind ja im großen und ganzen sehr ähnlich , aber ich hätte nie gewusst, wie ich einen Josef vermitteln kann. Ich nehme natürlich den Josef aus dem Koran und diese Suren und muss das auch kindgerecht umschreiben. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich daraus ein Josefsbüchlein machen kann."

Große Widerstände gab es nicht, weder bei den christlichen noch bei den muslimischen Eltern. Schulleiterin Marion Frontzek und ihren Kollegen war wichtig, dass der Islamunterricht ein Fach sein sollte wie alle anderen auch.

Marion Frontzek: "Die Verantwortung des Inhaltes muss beim bei Kultusministerium liegen, das war uns auch wichtig, weil wir schon manchmal mit einigen Moscheevereinen unangenehme Erfahrungen gemacht hatten. Wenn hier herkunftsprachliche Lehrkräfte, die ihren, wenn es nur optisch war, ihren Vorstellungen nicht entsprachen."

Das Medieninteresse war von Anfang an groß, brachte aber auch für Tünay Özrecber Probleme. Einige Moscheevereine hatten Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass diese junge attraktive Frau eine gute Islamlehrerin sein könnte.

Tünay Özrecber: "So eine Lehrerin soll unsere Kinder unterrichten – ich sehe zwar nicht so aus, aber ich glaube wie alle anderen. Da haben auch die Verbände was dazu gelernt."

Unterstützung bekam sie dabei vor allem von den Kindern.

Tünay Özrecber: "Die spiegeln das wieder zuhause, was sie im Unterricht lernen und die Begeisterung, die sie dabei haben, dass spüren die Eltern dann auch und sind zufrieden. Ich glaube, die beste Werbung für mich waren meine Schüler.."

Gesangsunterricht:
"Karin, Melissa, Doric – Allah hat euch alle lieb.."

Seit über fünf Jahren gibt es in Niedersachsen Islamunterricht als unbenotetes Schulfach gleich- berechtigt neben dem christlichen Religionsunterricht. 29 Grundschulen nehmen inzwischen am Modellversuch teil, rund 1600 Schüler. Das Besondere am Niedersächsischen Weg: Der Islamische Religionsunterricht liegt, anders als etwa in Berlin, in den Händen des Staates. Und: von Anfang an arbeitete das Land Niedersachsen mit den muslimischen Verbänden eng zusammen. Es gründete einen "Runden Tisch Islamunterricht" und lud die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) dazu ein und den Landesverband der Muslime, die ´Schura Niedersachsen.` Der 69-jährige promovierte Maschinenbauer Djavad Mohaghighi saß von Anfang an mit am Runden Tisch. Er baute die ´Schura Niedersachsen` mit auf, um Muslimen einen islamischen Religions- unterricht zu ermöglichen. 69 Moscheen sind Mitglied in dem islamischen Rat

Djavad Mohaghighi:
"Da sind Muslime unterschiedlicher Traditionen, Nationalitäten, Kulturen vereint und man ist sich natürlich nicht in allem einig. Man hat es geschafft, eine Satzung aufzustellen, wo einige Grund- züge des Islam drin sind. Das war eine wundersame Leistung. Und die Muslime haben sich auch am Runden Tisch verständigt. Das ist auch eine Leistung. Ich sehe die größere Leistung darin, dass sich Muslime und Nicht-Muslime verstanden haben."

Seyfi Bozkus:
"Weil wir diskutieren, über unser aller Probleme sprechen. Nicht nur über Islamunterricht, sondern indirekt auch über die Integration der Muslime. Wir sprechen über alltägliche Verhältnisse zwischen Muslimen und Deutschen - deswegen ist es ein sehr, sehr wichtiger Schritt."

Auch Seyfi Bozkus, seit kurzen Religionsattache` im Türkischen Generalkonsulat in Hannover und Vertreter der DITIB am Runden Tisch, begrüßt grundsätzlich den Islamunterricht in Niedersachsen.
Der Runde Tisch erarbeitete gemeinsam die Rahmenrichtlinien. Das Land entschied ganz pragmatisch, mit dem Unterricht zu beginnen, auch wenn noch nicht alle juristischen Voraus- setzungen erfüllt waren.


Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann: "Wir leben hier in Deutschland. Wir haben unser Grundgesetz. Wir haben Religionsfreiheit. Da gibt es auch diese Toleranz. Die erwarten wir von anderen auch. Aber es geht nicht alleine um die Religion, sondern es geht um die Integration auch mit Hilfe von Religion. Und ich möchte, dass unsere jungen Menschen mit Migrantenhintergrund eine bestmögliche Integrationschance bekommen. Und vor diesem Hintergrund sitzen wir hier zusammen."

Djavad Mohaghighi: "Das war von Anfang nicht einfach. Die Muslime hatten einen Aufholbedarf an Religionsunterricht seit mehreren Jahrzehnten. Auf Kultusministeriumsseite waren es die ersten vorsichtigen Schritte und die ganze Bundesrepublik guckte: Schulversuch? Wo ist die gesetzliche Basis? Mit wem redet ihr? Man musste sich herantasten."

Bei allen Meinungsunterschieden am Runden Tisch - eines ist jetzt schon klar: Die muslimischen Kinder, die in der Grundschule Salzmannstraße bereits seit vier Jahren Islamunterricht erhalten, haben schon viel gelernt.

Umfrage Kinder:
"Die Geschichte von Adam und Eva, Propheten. Und die Entstehung des Korans und ich bekomme Infos, wie ich mich besser verhalten kann und was Gott gefällt. Viel über Gott, dass man gerecht sein muss, dass Gott immer bei uns ist, uns hilft."

Ortswechsel. Die Michaelschule in Papenburg. Die Haupt- und Realschule erprobt als erste katholische Schule bundesweit seit über einem Jahr Islamunterricht – parallel zum katholischen und evangelischen Religionsunterricht. Der Unterricht wurde zunächst nur in der fünften und sechsten Klasse angeboten. Mit Beginn dieses Schuljahres, wegen der positiven Resonanz, auch in der siebten Klasse. Anders als in den staatlichen Schulen steht hier in Papenburg nicht so sehr die Integration der muslimischen Schüler im Mittelpunkt, sondern der Glaube - sagt Michael Sommer, Schulaufsichtsreferent im Bistum Osnabrück.

Michael Sommer: "Wir möchten, dass die Kinder einen verstehenden Zugang zu ihrem Glauben bekommen, dass sie ihre religiöse Identität ausprägen können, dass sie in ihrer religiösen Dialogfähigkeit gestärkt werden. In der Öffentlichkeit nimmt man zwei Facetten des Islam wahr: eine nicht übersehbare aggressive Ausprägung, eine immer wieder wahrnehmbare friedliebende Facette. Diese Facette wollen wir stärken, da es wichtig ist für eine Integration von Menschen , dass sie sich in ihren wesentlichen Existenzfragen, und das sind religiöse Fragen , verständigen können und letztlich auch vertragen können."

Die Michaelschule liegt direkt neben der katholischen Kirche, in jedem Klassenzimmer hängt ein Kreuz. Doch vor dem Schulsekretariat steht eine Vitrine mit aktuellen Informationen über kirch- liche Veranstaltungen - Veranstaltungen der katholischen, evangelischen und der muslimischen Gemeinde.

Unterricht:
"Wir haben Bücher! Wir haben Bücher! - Wir fangen jetzt bitte an. Asalam. Guten Tag. Setzt euch."

Islamlehrer Jörg Ballnus und seine Schüler freuen sich. Denn endlich haben sie, worauf sie schon lange gewartet haben: "Saphir" - das Religionsbuch für junge Muslime und Musliminnen in der fünften und sechsten Klasse.

Jörg Ballnus: ""Ich finde das auch sehr schön. Das ist für mich auch eine große Hilfe. Für alle Lehrer, die das zur Zeit unterrichten in Deutschland, ist das eine große Hilfe."

Jörg Ballnus setzt das neue Schulbuch gleich ein. "Glauben verbindet" ist das Thema der Unterrichtsstunde

Unterricht: "Ja Batul, beschreib mal, was siehst du da? - Ich sehe eine Wiese, da steht ein Haus wie ein Schloss, es sieht aus wie eine Mischung aus Moschee und und Kirche, oben an Spitzen das Zeichen der Religionen."

Respekt vor anderen Religionen zu vermitteln – eine wichtige, aber keine leichte Aufgabe.

" Also, Buddhisten gibt es vorwiegend in Asien.Und die Juden sind die, die Kippa tragen. Das sind Orthodoxe, die Mischlinge (Lachen) - Nein, es gibt auch bei den Juden verschiedene Gruppen. Es gibt Juden, denen sieht man nicht an, dass sie Juden sind. Es gibt Juden, wie du sagst, die tragen Kippa, eine kleine Kappe auf dem Kopf."

Jörg Ballnus ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Zwei Mal in der Woche macht sich der 41-jährige konvertierte Moslem auf den langen Weg nach Papenburg. Der Lehrer hat an der katholischen Michaelschule ähnliche Erfahrungen gemacht wie seine Kollegen an den staatlichen Schulen: Islamunterricht ist Pionier- arbeit. Seine größte Herausforderung: die Glaubensinhalte schülergerecht im Unterricht zu vermitteln.

Jörg Ballnus: "Er muss hinführen zu einer Mündigkeit der Schüler, selbstauskunftsfähig zu werden über die eigene Religion, dies auch durchaus kritisch mit eigenen Nachfragen an die Religion zu begleiten."

Alle Religionen sind gleichwertig – diesem Anspruch versucht die katholischen Michaelschule gerecht zu werden. Wie gut sich die Beziehung von Christen und Muslimen entwickelt hat, wurde Schulleiter Ludger Stukenborg besonders deutlich an einem Projekttag. Die ganze Schule setzte sich mit dem Vater Unser und der "Fatiha", dem muslimischen Glaubensbekenntnis, auseinander. Die 13-jährige Nuha Husssein stellte die "Fatiha" vor

Ludger Stukenborg:
"Über 200 Schüler saßen im Forum und es war wirklich still. Man hat es wirklich in Ehrfurcht miterlebt und irgendwie haben die Schüler festgestellt, wir haben alle irgendwo den gleichen Gott, nur wir nennen ihn anders."

Umfrage:
Ich fand toll, wo Nuha aus dem Koran vorgelesen hat, was man erst gar nicht verstanden hat, und dann so darüber nachgedacht hat. Dass alle gleich sind, auch wenn jemand ein Kopftuch trägt, wir sind alle Menschen. Ich fand es gut, dass ich was von der christlichen Religion kennengelernt habe und die christlichen Kinder von mir.""

Der nächste Projekttag ist schon geplant: Schüler und Lehrer wollen gemeinsam das muslimische Gebetshaus und die Christlichen Kirchen besuchen und gegenseitig vorstellen. Seitdem der Islam- unterricht vor gut einem Jahr eingeführt wurde, hat sich viel bewegt in den Köpfen – bei Schülern und Lehrern.

Ludger Stukenborg:
"Es gibt da jetzt keinen großen Unterschied mehr zwischen Islam, oder katholischer oder evangelischer Religion. Wir sagen, wir haben Religion - das ist ein ganz großes Plus."

Jörg Ballnus
"Ich finde das sehr interessant, wie sie sich nach einem Jahr entwickeln, wenn man die Gesichter sieht. Es geht nicht nur um die Inhalte, zum Beispiel die fünf Säulen des Islam,, sondern dass sie auch Fragen stellen können nach Allah. Warum sind wie Muslime? Was machen wir?"

An der Michaelschule hat man sich bewusst sehr viel Zeit genommen, bevor es mit dem Islamunter- richt losging. Anderthalb Jahre Vorlauf, mit intensiven Diskussionen in der Fachkonferenz Religion. Auch der türkisch-islamische Kulturverein Papenburg, eine DITIB Moschee, wurde miteinbezogen und hat sich von Anfang an stark engagiert. Emine Yildrin, Mitglied der Frauengruppe des türkisch-islamischen Kulturvereins, und Imad El-Moudawar, Libanese und Vater von vier Töchtern, fühlen sich, wie viele andere Muslime auch, in ihrem Glauben endlich ernst genommen

Emine Yildrin: "Als ich zur Schule gegangen bin, haben unsere Klassenkameraden Religionsunterricht gehabt. Und in der Zeit haben wir entweder Förderunterricht gehabt oder wir hatten frei, und das war natürlich nicht so schön, man gehört nirgendwo hin. Deshalb finde ich das so wichtig, dass sie auch sagen können, aha, wir haben auch unseren Glauben und in der Schule unseren Religionsunterricht."

Imad El-Moudawar: "Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen, das war bis jetzt nie möglich. Egal wo ich bin, ich lade alle Leute ein, die ich kenne, schickt eure Kinder zur Michaelschule. Es ist ein Vorbild geworden für uns Muslime."

Für die katholische Schule wurde extra ein Curriculum entwickelt - in Übereinstimmung mit dem Grundgesetz und dem niedersächsischen Schulgesetz. Die zentralen Themen: die theologischen Grundlagen des Islam, Anleitungen zur Glaubenspraxis, Geschichte des Islam und der interreligiöse Dialog. Für Imad El Moudawar ist es wichtig, dass ein, wie er sagt, guter Islamunterricht
angeboten wird.

Imad El-Moudawar: "Man hat ja immer Angst, dass durch die falsche Lehrer ein falscher Islam kommt. Und das finde ich gut in Schule, das wird kontrolliert und das ist für mich ein Stück Sicherheit."

Was also macht guten Islamischen Religionsunterricht aus? Das war und ist auch immer wieder Thema am Runden Tisch in Hannover. Eine Antwort zu finden, ist nicht einfach. Denn eine eigen- ständige islamische Religionspädogogik gibt es in Deutschland bisher nur in Ansätzen und die Meinungen gehen teilweise weit auseinander. Für das Land Niedersachsen ist die Sache klar: Es geht vor allem um die Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten. Den Vertretern der muslimischen Verbände ist das zu wenig. Ihr Wunsch: Die Glaubenspraxis soll mehr in den Vordergrund rücken. Das zeigt sich unter anderem auch in den Erwartungen von Seyfi Bozkus, dem Vertreter der DITIB, an Islamlehrer.

Seyfi Bozkus: "Wenn eine Frau Islamlehrerin ist, muss sie mit den religiösen Vorschriften leben, weil die muslimischen Gemeinden müssen diese Personen akzeptieren. Egal, ob Frau oder Mann. Zum Beispiel müssen Imame mehr vorsichtig als die anderen Menschen sein, weil die Imame sind Vorbilder der Menschen. Die Lehrer oder Lehrerinnen müssen auch so sein – auf alle Fälle."

Bisher haben es die Mitglieder des Runden Tisches immer geschafft, Kompromisse zu finden, mit denen alle leben können. Manchmal allerdings ist es ein Drahtseilakt, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ein Beispiel: Eine Islamlehrerin leitete auch eine Tanz-AG an der Schule. Für viele gläubige Eltern, so Heidemarie Ballasch vom Niedersächsischen Kultusministerium, ein Ding der Unmöglichkeit

Heidemarie Ballasch: "Und wir haben uns dann darüber unterhalten. Was können wir tun, damit die Eltern merken, dies ist eine religiöse Muslima? Und haben dann gesagt, es ist vielleicht gut, die Eltern haben die Möglichkeit, die Lehrkraft kennenzulernen. Wir haben die Lehrkraft gebeten, die Tanz- AG erstmal zurückzustellen. Das hat sie gemacht, und nach einem halben Jahr war es für die Eltern kein Problem mehr, dass also die Lehrerin Religionsunterricht und Tanz-AG erteilen kann."

Bei aller grundsätzlichen Zustimmung, gab es auch Kritik von Seiten der muslimischen Verbände. Vor allem die fehlende theologische Ausbildung der Lehrer wurde beklagt. Doch Djavad Mohaghighi ist sich bewusst, dass der Handlungsspielraum bei einem Schulversuch nicht groß ist.

Djavad Mohaghighi: "Das heißt, es war nichts bereit. Wenn die Muslime sich gewünscht haben, wir möchten mehr Lehrer haben, dann hat man gesagt, ja ,wir werden uns bemühen. Wir hätten uns ein klares Ja gewünscht, aber das hätte man uns gar nicht geben können, weil dann erst darum gerungen werden musste, Lehrer zu bekommen, das heißt, auch die Bezahlung dafür zu bekommen. Wenn wir sagen, wir brauchen richtige Lehrmaterialien, ja, wir werden uns bemühen, weil es keine Lehrmaterialen gab, die mussten erst erarbeitet werden."

Marion Frontzek: "Ohne das Engagement der Lehrkräfte, auch ohne das Engagement der Kollegien, die bereit waren, das von Anfang an mitzutragen, hätte es nicht geklappt. Weil einfach die Voraussetzungen, die eigentlich auch durch so eine Kultusbehörde geschaffen werden müssen, noch gar nicht gegeben waren und es immer im Kleinen in der Schule geleistet werden musste. Das ist auch nicht schlimm, aber - man fühlt sich oft ganz schön allein."

Doch das Niedersächsische Modell hat sich bewährt in den fünf Jahren. Das Land sieht sich als Vorreiter in Sachen Islamunterricht und Integration. Eine wissenschaftliche Begleitstudie der Universität Magdeburg unter Leitung von Dr. Haci-Halil Uslucan liefert erste Hinweise: Islam- unterricht in deutscher Sprache und mit Unterrichtsinhalten, die mit dem Grundgesetz überein- stimmen, trägt zur Integration bei und stärkt gleichzeitig die kulturelle Identität der muslimischen Schüler.

Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann: "Die wichtigsten Ergebnisse sind für mich, dass es tatsächlich gelungen ist, glaubwürdig darzu- stellen, dass wir ein großes Interesse an der Integration haben, dass wir den Islam auch ernst nehmen als Religion. Und dass die Neigung, sich stärker zu integrieren, ganz eindeutig festgestellt wurde. Man hat stärker die Tendenz, sich in diesem Aufnahmeland persönlich einzubringen. Und das ist für uns ganz, ganz wichtig."

Die große Mehrheit der muslimischen Eltern ist zufrieden mit dem Islamunterricht. Ein weiteres wichtiges Ergebnis: Die Toleranz gegenüber anderen Religionen ist größer geworden.

Unterricht:
"Kann man denn nur jemanden mit Geld beschenken? Mm.."

Noch einmal zurück in den Unterricht von Tünay Ozrecber in der Grundschule Salzmannstraße. Der Dialog zwischen den Religionen ist an der Schule längst Alltag. Religiöse Feste werden ganz selbst verständlich gemeinsam gefeiert. Manchmal verabredet Tünay Özrecber mit ihrer evangelischen Kollegin gemeinsame Themenschwerpunkte. Mit Josef etwa haben sich die christlichen und muslimischen Schüler gleichzeitig beschäftigt – in ihrem jeweiligen Religionsunterricht. Die Folgen: Diskussionen auf dem Schulhof.

Tünay Özerecber: "Und der Muslime meinte, Joseph wäre ein Muslim, das christliche Kind meinte, nein, Josef ist ein Christ. Da gab es einen Streit, da haben die uns angesprochen und da haben wir auch gemerkt, dass die Kinder auch darüber reden, das wirklich erst nehmen und merken, aha, er ist weder Christ noch Muslime, er steht einfach im Koran oder in der Bibel, wie kann das sein? Da merke ich, dass da so dieses Staunen kommt. Dann wurden sie aber neugierig."

Noch bis zum Jahr 2012 läuft der Schulversuch Islamunterricht in Niedersachsen. Kultusminis- terin Elisabeth Heister-Neumann hat bereits angekündigt, Religionsunterricht für Muslime bis dahin an möglichst allen Grundschulen anzubieten. Auch Islamunterricht als regulärer Unterricht wird kommen – da sind sich fast alle einig. Offen ist nur, wann und in welcher Form

Elisabeth Heister-Neumann: "Von der Vision her schon, aber ganz langsam und mit Bedacht, und behutsam begleiten und beobachten, damit das Ganze auch in guten und vernünftigen Bahnen läuft."

Denn nach wie vor fehlt der rechtliche Rahmen, da der Islam nicht als Religionsgemeinschaft aner- kannt ist. Und es gibt noch eine weitere große Hürde. Es fehlen qualifizierte Islamlehrer. Den entscheidenden Schritt, um dieses Problem langfristig zu lösen, hat das Land Niedersachsen bereits getan. Seit gut einem Jahr bildet jetzt auch die Universität Osnabrück, neben Münster und Erlangen-Nürnberg, islamische Religionslehrer für Grund-, Haupt- und Realschulen aus: im viersemestrigen Masterstudiengang "Islamische Religionspädagogik."

Gut qualifizierte Lehrer – das ist sicherlich eine wichtige Voraussetzung. Der Erfolg hängt aber auch stark davon ab, inwieweit es gelingt, Islamunterricht zu einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen zu machen.

Ludger Stukenborg: "Man muss Rahmenbedingungen schaffen, Raum, Zeit, Atmosphäre, muss die Eltern gewinnen – einen großen Konsens herstellen, Pfarrgemeinden vor Ort gewinnen - das ist uns gut, toi, toi, toi, gelungen. Sonst ist das Ganze zum Scheitern verurteilt."

Tünay Özrecber: "Keine Angst haben. Es läuft alles sehr gut. Es ist ganz toll, dieser Islamunterricht ."

Djavad Mohaghighi: "Mein Traum wäre es, dass Muslime und Nicht-Muslime stolz darauf sind, in der Schule einen Islamischen Religionsunterricht anzubieten. Genauso wie Deutschunterricht, Turnunterricht, Mathe-Unterricht - ohne irgendwelche Abschweifungen. Das ist mein Traum."

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