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Buchkritik | Beitrag vom 09.11.2019

Ali Smith: "Herbst" Die letzten Tage eines Sterbenden

Johannes Kaiser

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Das abstrakt in Herbstfarben gestaltete Cover des Buches "Herbst" von Ali Smith auf einem orange-weißem Hintergrund. (Cover: Luchterhand-Verlag)
Deutlich zu spüren ist in "Herbst" Ali Smiths großes Unbehagen an Großbritanniens gesellschaftlichem Zustand. (Cover: Luchterhand-Verlag)

Selten sind die letzten Tage eines Sterbenden so anrührend beschrieben worden wie von Ali Smith in "Herbst". Aber auch Großbritannien siecht dahin. Der Roman ist grundiert vom Unbehagen über den aufflammenden Rassismus nach dem Brexit-Entscheid.

In Träumen ist alles möglich. Wirklichkeit und Fantasie vermischen sich zu einer Welt, die nie existiert hat und doch ganz real scheint. Und wenn es ans Sterben geht, dann tauchen auch noch Erinnerungen an längst Vergangenes auf. Alles wirbelt durcheinander.

Der hunderteinjährige Daniel Gluck wird wohl aus seiner Traumwelt nie mehr aufwachen. "Die Worte versickern. Er ist müde. Sand im Mund und in den Augen, die letzten Körnchen im Hals der Sanduhr." Selten sind die letzten Tage und Gedanken eines Sterbenden so poetisch, so einfühlsam, so anrührend und zugleich überzeugend beschrieben worden wie im Roman "Herbst" der schottischen Schriftstellerin Ali Smith.

An Glucks Bett sitzt Elisabeth Demand, 32 Jahre alt, Aushilfsdozentin für Kunstgeschichte, mit so geringem Einkommen, dass sie Mühe hat, über die Runden zu kommen. Ein letzter Liebesdienst für einen Mann, der ihr als Elfjährige eine Art Vaterersatz war. Der schon damals uralte Nachbar ermunterte das Mädchen zu lesen, weil Lesen die Welt erschließe, Lesen Wissen bedeute. Er war ihr Lehrer, ohne sie jemals zu belehren. Er forderte von ihr, selbst zu denken. Ihm verdankt sie Eigenständigkeit und auch Selbstbewusstsein.

Heftige Zerrissenheit des Landes

In die Rückblicke in die Kindheit eingeblendet sind aktuelle Ereignisse wie Elizabeths Beantragung eines neuen Passes, ein herrlich absurd-komisches Stück über die Auswüchse der Bürokratie. Ein Mensch ohne Pass existiert eigentlich nicht.

Ali Smith greift auch den Ausgang des Brexit-Volksentscheids auf, bei Erscheinen der Originalausgabe des Romans kein Jahr alt. Die heftige Zerrissenheit des Landes findet sich bereits hier deutlich beschrieben. Es ist eine lange, bittere Abrechnung mit einer Entscheidung, die in Großbritannien den Rassismus wieder ungeschminkt sein Haupt erheben lässt. Doch nicht ohne Gegenwehr. Unter dem nächtlich gesprühten "GO HOME" am Haus einer Immigrantenfamilie, steht "WIR SIND BEREITS ZUHAUSE BESTEN DANK".

Es kommt noch eine dritte Geschichte hinzu, eine Wiederentdeckung der bereits mit 28 Jahren verstorbenen britischen Pop Art-Künstlerin Pauline Boty. Es sind ihre Collagen, die Elizabeth faszinieren, nicht zuletzt die mit dem britischen Callgirl Christine Keller. Eben diese Frau und die Malerin selbst tauchen auch in Daniel Glucks Erinnerungen auf. Er kannte sie. So schließt sich ein Kreis.

Ein Juwel britischer Literatur

Deutlich zu spüren ist in "Herbst" Ali Smiths großes Unbehagen an Großbritanniens gesellschaftlichem Zustand, an der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, an der Wiedergeburt von Hass und Wut. "Wir sind nur einen Wimpernschlag lang hier. Aber in diesem Augenblick können wir entweder freundlich zwinkern oder uns blind stellen."

Es ist ein ungewöhnlich poetischer Roman, der Wortspiele liebt. Und ein britischer Roman wäre kein britischer Roman, wenn er nicht auch mindestens eine Anspielung auf Shakespeare enthielte. Ali Smith findet prächtige, farbmächtige Bilder für den Zustand ihrer Protagnisten. Ein berührendes, umwerfendes Juwel britischer Literatur, beeindruckend übersetzt von Silvia Morawetz.

Ali Smith: Herbst. Roman
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Luchterhand Literaturverlag, München 2019
272 Seiten, 22 Euro

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