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Lesart | Beitrag vom 17.01.2020

Alfred Kolleritsch: "Die Nacht des Sehens"Anrührende Lieder des Abschieds

Von Michael Braun

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Das Cover zu Alfred Kollertischs Gedichtband "Die Nacht des Sehens" auf einer orangenen Fläche. (Wallstein Verlag/ Deutschlandradio)
Alfred Kolleritschs "Die Nacht des Sehens" kann man als Vorspiel zu einem poetischen Vermächtnis lesen. (Wallstein Verlag/ Deutschlandradio)

Der Dichter Alfred Kolleritsch verwandelt konkrete sinnliche Erfahrungen oder Beobachtungen in poetische Denkbilder. Sein 13. Lyrikband "Die Nacht des Sehens" kann man als Vorstufe eines poetischen Vermächtnisses lesen.

Der österreichische Dichter Alfred Kolleritsch ist mit seinen 88 Jahren eine epochale Gestalt der österreichischen Literaturgeschichte. Vor nunmehr sechzig Jahren hat er mit der Literaturzeitschrift "manuskripte" in Graz eine noch immer aktive Zentralstation für die experimentierhungrige Literatur der Gegenwart installiert. Der hellwache Literatur-Impresario ist aber auch ein philosophisch inspirierter Lyriker.

Auch in seinem neuen, insgesamt dreizehnten Gedichtbuch folgt Kolleritsch dem Motto seines frühen Werks "Einübung in das Vermeidbare" aus dem Jahr 1978. Es lautet: "Meinen Einfällen vertraue ich nicht." Zwar gehen seine Gedichte immer auf eine konkrete sinnliche Erfahrung, ein Erlebnis oder eine Beobachtung zurück. Aber sie gehorchen dabei nicht den Impulsen der "Einfälle", sondern sie verwandeln Beobachtungen in poetische Denkbilder, zuweilen nach Art von Rätselsprüchen.

In einem eindringlichen Brief an seinen Lebensfreund Kolleritsch hat Peter Handke einmal die Eigenart dieser Gedichte so beschrieben: "Deine Wörter (...) schweben nah am Erdboden, man spürt beim Lesen allerschönste Schwerkraft, schweres Schweben."

Eigenwillige, in sich gekehrte Reflexion

Und dieses so trefflich beobachtete "schwere Schweben" hat gute ästhetische Gründe. Sie liegen weniger in der ursprünglich philosophischen Grundhaltung des Schriftstellers Kolleritsch als vielmehr in seiner literarischen Methodik: Die besteht darin, traditionsreiche Basiswörter der Poesie auf knappstem Raum zu bündeln und sie in oft paradoxaler Fügung zu verknüpfen.

"Das Schöne", "die Hoffnung", "das Licht", "das Schweigen" oder "das Nichts": All diese Wörter mit ihren weiten Bedeutungshöfen und großen Assoziationsräumen hat Kolleritsch mittels einer Technik lyrischer Engführung in seinen Gedichten konzentriert – freilich im Modus einer eigenwilligen, in sich gekehrten Reflexion, die nicht direkt auf eine fest umrissene Botschaft zusteuert, sondern auf "Gegenwegen" ihr Ziel erreicht, wie es auch der Titel eines seiner Gedichtbände ankündigt.

Nach langer Schreibpause hat Alfred Kolleritsch nun den Band "Die Nacht des Sehens" veröffentlicht, den man als Präludium zu einem poetischen Vermächtnis lesen kann. Es ist durchaus programmatisch zu verstehen, wenn hier Substantive wie "Abschied" oder "das Verschwinden" als melancholische Schlüsselwörter fungieren. In einer elegischen Geste wird hier etwa die Aufgabe der Poesie aufgerufen: "Sag mir etwas,/ das nicht verschwindet./Was war, ist weggeraten."

Der Prozess der Verschwindens

Solche Verse wirken wie eine Bekräftigung jener ästhetischen Maxime, die einst der Maler Paul Cézanne formulierte und die von Kolleritschs Freund Peter Handke in die literarische Welt importiert wurde: "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet." Der Prozess des Verschwindens wird von Kolleritsch auch im titelgebenden Gedicht des neuen Bandes festgehalten:

"Jetzt kriechen die Farben 
dem Nichts zu,
das Licht bleibt verklebt,
streng bestraft ist das Auge.

Wer legt die Hand auf sie,
wer ersetzt das Wunder 
und macht die Nacht des Sehens
zum Tage?"

Der für Kolleritsch so charakteristisch paradoxale Buchtitel "Die Nacht des Sehens" verweist also auf eine existenzielle Situation, in der die Erfahrung des Schönen noch möglich ist, aber immer häufiger nur noch als Rückzugsbewegung: "als Klang im Atmen, / als Abgesang der Erschöpfung." Die späten Gedichte des Alfred Kolleritsch, die hier mit einem profunden Nachwort seines Freundes Michael Krüger vorliegen, sind anrührende kleine Lieder des Abschieds.

Alfred Kolleritsch: "Die Nacht des Sehens". Gedichte
Mit einem Nachwort von Michael Krüger
Wallstein Verlag (Edition Petrarca), Göttingen 2020
90 Seiten, 18 Euro

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