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Lesart | Beitrag vom 14.07.2020

Alexi Zentner: "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass"Ein Junge wie Jessup

Von Julia Riedhammer

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Alexi Zentner: "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass" (suhrkamp nova / Deutschlandradio Kultur)
Alexi Zentner: "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass" (suhrkamp nova / Deutschlandradio Kultur)

Bestimmt meine familiäre Herkunft darüber, ob ich ein Rassist werde? Oder kann ich mich dagegen wehren? Alexi Zentner stellt in seinem Jugendroman "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass" die richtigen Fragen, benutzt aber hier und da den Holzhammer.

Zwei Mal haben Neonazis einen Brandanschlag auf seine Mutter verübt - doch sie setzte sich nur umso nachdrücklicher für faire Chancen und gegen Rassismus ein.

Alexi Zentner ist als Sohn einer linken Aktivistin aufgewachsen. In seinem neuen Roman stellt er sich einer sehr grundlegenden Frage: Hätte auch aus mir ein Rassist werden können? Eine Frage, die mutig und angesichts der "Black Lives Matter"-Bewegung hoch brisant ist.

Herkunft und Zukunft

Jessup ist siebzehn. Er ist ein guter Baseballspieler, liest gern, ist gut in der Schule und liebt seine kleine Schwester von ganzem Herzen. Dass seine Freundin schwarz ist, weiß kaum jemand.

Er ist ein guter Kerl. Wäre da nicht seine Familie. Bruder und Stiefvater sitzen im Gefängnis, weil sie in den Mord an zwei schwarzen Studenten verwickelt waren.

Oder war es Notwehr? Auf jeden Fall tragen beide tätowierte Neonazisymbole auf dem Oberkörper und die Konföderierten-Flagge klebt auf ihrem Auto. Sonntags gehen sie in die "Heilige Kirche des Weißen Amerika". Rechte Underdogs, sogenannter "White Trash".

Alexi Zentner zeichnet Jessup als tragischen Helden. Ein kluger junger Mann, der nur einfach in die falsche Familie geboren wurde. Der am eigenen Leib erlebt, dass der "amerikanische Traum nichts für jedermann ist, sondern eine Art Geburtsrecht".

Das lädt zur Identifikation ein. Beim Lesen erscheinen die Ungerechtigkeiten und Provokationen, die Jessup zugemutet werden, absolut unerträglich.

Über Schuld und Unschuld

Als er dann bei einem Unfall einen jungen Schwarzen tötet, scheint seine Schuld von vornherein festzustehen: Einer wie Jessup muss aus rassistischen Motiven gehandelt haben. Er kann - bei diesem familiären Background - gar nicht zu den "Guten" gehören. Und so beginnt die Jagd auf einen (fast) Unschuldigen.

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Konnte man in den vergangenen Jahren auch auf Deutsch vermehrt Romane lesen, in der die oft unerträgliche Lebenswirklichkeit von Schwarzen in den USA geschildert wird, geht es hier um die Ungerechtigkeiten, die "Klasse" mit sich bringen kann.

Alexi Zentner versucht nachzuvollziehen, wie man zum Rassisten werden kann. Leider strotzt die deutsche Übersetzung dabei vom N-Wort und anderen rassistischen Ausdrücken.

Das soll wohl authentisch sein, anders als so manche Szene, die fast an einen Action-Film erinnert. Mit Nachdruck, vielen Wiederholungen und letztlich mit dem Holzhammer macht der Autor deutlich: Wer ungerecht behandelt wird, der muss fast zwangsläufig zum Täter werden.

Es gibt immer ein Dazwischen

Muss er das? Ist es wirklich eine gute Idee, jetzt, da endlich die sprechen, die so lange schweigen mussten, den anderen, die sie zum Schweigen brachten, eine Stimme zu geben?

"Eine Farbe zwischen Liebe und Hass" heißt der Roman. Und der Autor vermittelt genau das, dass es ein Dazwischen gibt. Sich einzulassen auf eine Lebenswelt, die der eigenen vollkommen fremd ist, ist gerade in diesen Zeiten wertvoll. Trotz aller sprachlicher Verirrung.

Alexi Zentner: "Eine Farbe zwischen Liebe und Hass"
Aus dem amerikanischen Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Suhrkamp Nova, Berlin 2020
376 Seiten, 18 Euro

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