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Interview | Beitrag vom 26.08.2019

Alexander von HumboldtKein Held, aber auch kein Kolonialist

Sandra Rebok im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Der junge Alexander von Humboldt, gemalt von F. G. Weitsch (imago / United Archives )
Gelehrter mit aktuellem Denken: Alexander von Humboldt in einer Darstellung von F.G. Weitsch. (imago / United Archives )

Der Gelehrte Alexander von Humboldt konnte dank der spanischen Krone seine Forschungen in Südamerika betreiben. Zum Kolonialisten wurde er deshalb nicht, sagt die Wissenschaftshistorikerin Sandra Rebok. Ganz im Gegenteil.

Liane von Billerbeck: Alexander von Humboldt wird gefeiert. Vor 250 Jahren wurden er geboren, am 14. September, der Forscher, Weltreisende und Denker der Globalität. Diese Woche feiert man ihn deshalb auch ganz besonders in der Berliner Universität, die seinen Namen trägt. Bei einer Podiumsdiskussion geht es um das Bild, das wir und das auch die Forschung von Humboldt zeichnen: Einerseits Gegner der Sklaverei, andererseits jemand, der auch von der kolonialen Herrschaft für seine Forschungen profitiert hat.

Über diese Ambivalenz wollen wir reden mit der Wissenschaftshistorikerin Sandra Rebok, die an dieser Diskussion an der Humboldt-Universität teilnehmen wird. Die renommierte Forscherin befasst sich seit 25 Jahren mit Humboldt, ist Autorin mehrerer Bücher über ihn, und sie lebt in Madrid.

Ein Held oder nicht?

Humboldt ist einer der Mitentdecker Südamerikas, er galt als Gegner der Sklaverei und des Kolonialismus und wird gerne als Held seiner Zeit gefeiert. Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit, oder?

Rebok: Ja, das ist die Frage. Ich denke, es kommt drauf an, wie wir ihn wahrnehmen wollen. Humboldt hat sehr viel gesagt, war sehr meinungsstark, er hat sehr viel geschrieben, publiziert und auch in seiner Korrespondenz. Es gibt sehr viele Meinungen von ihm. Die nehmen wir und daraus bauen wir natürlich uns ein Bild von ihm, auch wie wir ihn gerne sehen würden.

Ich persönlich finde den Begriff Held nicht sehr glücklich gewählt. Einfach weil ich denke, es geht nicht darum, einen Helden zu stilisieren, sondern es geht eher darum zu sehen, wie wir, wenn wir uns heutzutage mit seinem Denken auseinandersetzen, mit seinen Schriften, mit seinen Ideen, was wir für uns rausholen können.

Wenn wir ihn nur als Held sehen, dann ist es in der Tat nur eine Facette. Natürlich, er hat sehr viel erreicht als Wissenschaftler. Aber ich denke, wir sollten ihn auch als Menschen sehen, mit seinen Fehlern, mit den Kompromissen, die er schließen musste, auch mit den Dingen, mit denen er gescheitert ist. Er war einfach ein Mensch auch mit Ecken und Kanten. Das ist etwas, was ich denke, wir auch mit einbeziehen sollten.

Ich würde mich eher dafür aussprechen, ihn als Figur zu sehen, an der wir uns heutzutage noch orientieren können, indem wir uns mit seinen Gedanken auseinandersetzen. Dann sehen wir, wie viel von dem, was er damals gesagt hat, wir wirklich auch auf unsere heutige Zeit beziehen können, ohne ihn dafür zu einem Helden zu machen.

Humboldt musste sich anpassen

Billerbeck: Aber ein Mensch, an dem man sich orientieren kann, das ist schon jemand, den man ein bisschen erhöht ansieht.

Rebok: Einfach weil vieles, was er gesagt hat, sehr tiefgründig war. Es waren sehr gute Analysen. Zum Beispiel das Thema Kolonialsystem in Spanischamerika, das Kolonialsystem war völlig entgegen seiner Meinung. Er war in keiner Weise Kolonialist oder dass er kolonial denken würde. Er hat sich einfach einfügen müssen in einen bestimmten Kontext, wenn er eine wissenschaftliche Expeditionsphase ausführen wollte. Das hat er auch gemacht.

Dieser koloniale Kontext ist sicherlich ein Aspekt, den wir mit beachten müssen, wenn wir seine wissenschaftlichen Leistungen bewerten wollen. Aber es ist auch wichtig, dass wir ihn da nicht zu sehr mit diesem Kolonialkontext identifizieren.

Billerbeck: Das ist ein großes Ja-aber, ein Sowohl-als-auch. Sie haben diese Ambivalenz eben schon geschildert. Um diese Forschungen unternehmen zu können, ist er diese Kompromisse eingegangen. Wie waren denn die Rahmenbedingungen für seine Reisen nach Amerika? Hätte er die ohne die Hilfe des spanischen Königshauses überhaupt machen können?

Rebok: Er hat es versucht. Spanien war nicht seine erste Option. Der erste Gedanke war, dass man auch im Rahmen einer Regierung eine Expeditionsreise machen könnte. Er war quasi fasziniert von dem Gedanken. Später hat er die Einladung bekommen von der französischen Regierung, an einer Expeditionsreise teilzunehmen, die dann von Thomas Bodin geleitet worden ist.

Der Gedanke, dass man im Rahmen eines politischen Kontexts eine wissenschaftliche Expeditionsreise macht, das war etwas, was ihm nicht fremd war. Die Tatsache, dass er sich dann aus diesem Kontext rauslösen konnte, weil er die finanziellen Mittel dazu hatte und sagen konnte, ich mache meine Expeditionsreise alleine. Dann ist er nach Spanien gegangen. Das heißt, er hat es woanders probiert, es hat nicht funktioniert. In Spanien war einfach die Konstellation die richtige, es hat geklappt, er hat die Genehmigung bekommen mit einer bestimmten Erwartungshaltung seitens der spanischen Krone.

Der spanische Hof setzte auf Bergbau

Billerbeck: Welcher?

Rebok: Zum Beispiel, er war ein Experte im Bergbauwesen. Als er dann an den spanischen Hof kam, war man begeistert von seinem Projekt, man war auch begeistert von der Möglichkeit, durch diesen gut vernetzten Wissenschaftler Informationen über den Zustand des Minenwesens in Amerika zu bekommen.

Vielleicht hätte er neue Minen entdecken können, er könnte vielleicht Informationen geben, wie man praktisch die Mineralien besser extrahieren kann. Alles Informationen. Das war das, was man von ihm in erster Linie erwartet hat. Dann natürlich auch zu einer Zeit, als die Leyenda Negra, also eine sehr negative Haltung, was Spanien betraf, in Europa verbreitet war.

Billerbeck: Man hat die Spanier fanatisch, brutal und menschenverachtend und faul genannt.

Rebok: Genau, das war sehr vehement. Das war eine sehr negative Sichtweise von Spaniern und natürlich Spanien auch als Kolonialmacht. Insofern hat man auch die Möglichkeit gesehen, durch Humboldt praktisch ein positiveres Bild der Nation zu geben.

Das hat Humboldt auch erfüllt. Er hat im Großen und Ganzen etliche der Erwartungen erfüllt. Das heißt, er hat in einem kolonialen Kontext gearbeitet. Das macht ihn aber in keiner Weise zu einem kolonial denkenden Menschen. Ich würde auch nicht sagen, dass er koloniale Wissenschaft produziert hat.

Genau das ist der springende Punkt. Im Rahmen dieses Themenjahres werde ich auch immer wieder gefragt, wie sieht man denn Humboldt in Lateinamerika. Das ist natürlich eine Perzeptionsweise, dass man sagt, er hat im Namen der spanischen Regierung gearbeitet, er hat der spanischen Regierung zugearbeitet und so weiter.

Das ist ein Aspekt, der eine große Gewichtung hat in der Wahrnehmung Humboldts. Ich versuche, das Ganze etwas differenzierter darzustellen, indem ich zum Beispiel sage, ja, natürlich wurde er eingebunden in die Interessen der spanischen Regierung, weil man das damals so gemacht hat. Wenn er im Rahmen der französischen Expeditionsreise gereist wäre, dann wäre das auch nichts anderes gewesen.

Humboldt wollte Lebensbedingungen verbessern

Billerbeck: Er ist als junger unbekannter Mann nach Iberoamerika aufgebrochen. Dann ist er nach fünf Jahren zurückgekehrt als bekanntester Wissenschaftler seiner Zeit in Europa. Im Gepäck hat er unglaublich viel gehabt. Das können wir alles nicht in diesem Gespräch zusammenfassen. Trotzdem die Frage: Wer ist Alexander Humboldt für Sie?

Rebok: Für mich, wie Sie schon sagten, ich befasse mich seit vielen Jahren mit Humboldt. Wenn ich ihn nicht persönlich so faszinierend finden würde, sein Denken, wie er an die Dinge herangegangen ist, die Tiefe seiner Analysen, dann hätte ich sicherlich auch nicht so lange oder so einen großen Teil meiner wissenschaftlichen Karriere der Humboldt-Forschung gewidmet. Er ist für mich jemand, von dem ich mich auch durchaus inspiriert fühlen kann, was bestimmte Aussagen betrifft, aber auch, was sein allgemeines Denken betrifft.

Zum Beispiel:  Er hat sich sehr für eine offene Wissenschaft eingesetzt, für die Zirkulation des Wissens, dass Wissen nicht nur für einen bestimmten Staat hergestellt werden sollte und praktisch in den Händen des Staates, sondern den Menschen zugutekommen soll. Ich denke, das sind einfach Ansätze, die für uns heutzutage noch sehr interessant sein könnten.

Ich denke, auch gerade in diesem Kontext dieser Debatte, auch mit dem Humboldt-Forum und mit dieser Debatte Humboldt zwischen Wissenschaft und Politik. Wenn man sich überlegt, was war die Zielsetzung seines Wissens, das war wirklich, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Das war ihm wichtig - und in keiner Weise, nur einer Regierung zuzuarbeiten. Das hat er nicht gemacht, das war niemals auf seinem Programm.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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